Süddeutsche Zeitung

Landtagswahl in NRW:Für die Grünen steht jetzt der Bund an

  • Bei der Wahl in NRW verlieren die Grünen fast fünf Prozentpunkte im Vergleich zu 2012 - dennoch reicht es, um in den Landtag einzuziehen.
  • Bundesparteichef Özdemir versucht, die Niederlage noch am Wahlabend abzuhaken.
  • Tatsächlich hat die Partei ihre Zeitpläne Richtung Bundestagswahl nach vorne gezogen.

So schnell ist eine Idee wieder beerdigt. Vergangene Woche noch, als in Schleswig-Holstein gewählt wurde, ging Katrin Göring-Eckardt früh zum Jubeln unter die Leute in der Parteizentrale. Anders als üblich wollte sie schon bei der Prognose dabei sein - und dabei dem Publikum natürlich auch die eigene Freude zeigen. Eine Woche später ist das wieder vorbei. Zu bitter sind die Zahlen, zu unangenehm ist es, sie im Namen der Bundesspitze zu kommentieren: Nur rund sechs Prozent für die NRW-Grünen. Da will man sich sammeln vor dem Auftritt. Und so kommt Cem Özdemir diesmal deutlich später als Göring-Eckardt vor sieben Tagen. Immerhin, er kommt gefasst und dazu umrahmt von den Mitgliedern des Parteivorstandes. "Das ist definitiv kein schöner Wahlabend", sagt er. Es ist ein ehrlicher Satz gleich zu Anfang.

Dabei können sie schon froh sein, dass das Allerschlimmste nicht passiert ist. Weil sie zuletzt auch damit noch kalkulieren mussten. Mit einem Ergebnis, das sie aus dem Landtag in Düsseldorf vertrieben hätte. Özdemir räumt das unumwunden ein. Ja, das sei das einzige, was ein ganz klein wenig beruhigen könne, sagt er. Die Betonung aber liegt auf: das einzige. Und so stehen Özdemir und sein Vorstand recht bedröppelt auf der kleinen Bühne. Lächeln, jubeln, glücklich sein - das verbietet sich angesichts der verheerenden Zahlen. Aber wenn man dann schon froh ist, dass einem der Himmel nicht ganz auf den Kopf fällt, sagt man Wörter wie: wenigstens das nicht.

So bitter kann es also laufen. An einem Sonntag ganz oben, am nächsten weit unten. Nach dem kurzen Frühlingsgefühl in Schleswig-Holstein kommt der harte Absturz an Rhein und Ruhr. Und die Grünen müssen lernen, dass die Sache mit dem Schub und Momentum des Erfolgs, die den Christdemokraten offenkundig geholfen hat, bei den Grünen nicht viel wert war. Womöglich ist bei ihnen sogar das Gegenteil der Fall gewesen. Dass nämlich die optimistische, fröhlich, kämpferische Kampagne zwischen den Meeren eher noch gezeigt hat, was andernorts fehlt in diesen Wochen.

In Berlin hoffen sie, dass die Stimmung im Land besser ist als in der Parteizentrale

Ob das wirklich diskutiert wird in den nächsten Tagen, ist noch nicht entschieden. Özdemir spricht zwar von "klaren Botschaften", die man analysieren werde. Präziser aber wird er nicht. Zu heikel wäre es, diesen Fragen gleich und in aller Öffentlichkeit auf den Grund zu gehen.

Zumal da es ihm auch darum geht, eine kleine Brandmauer zu ziehen. Alle sollen wissen, dass jetzt ein neues Spiel ansteht. "Schleswig-Holstein ist Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen ist Nordrhein-Westfalen. Aber der Bund ist auch der Bund.'' Entsprechend gehe es jetzt darum, sich nicht in fremde Strudel ziehen zu lassen. Das gelte für die Konzentration auf die wichtigsten Themen - und für alles, was Koalitionen betreffe. Es sei gute Tradition, dass die Landesverbände selbst entscheiden könnten, ob sie in eine Koalition eintreten möchten. Selbstverständlich aber gelte das auch für den Bund, und deshalb werde er sich mit Göring-Eckardt nicht vom Kurs der Unabhängigkeit abbringen lassen. Ziemlich laut ruft da einer: Ihr könnt gerne euers machen, wir machen unseres.

Was dieses "Unsere" bisher bedeutet? Es bedeutet, dass in der Parteizentrale alle Zeitpläne Richtung Bundestagswahl nach vorne gezogen wurden. Schon jetzt arbeiten sie energisch an der Kampagne, schon jetzt würden sie am liebsten zum Parteitag einladen. Der aber wird erst in vier Wochen stattfinden - und für manchen ist es eine Qual, darauf warten zu müssen.

Dass das mindestens für Özdemir und Göring-Eckardt nicht mehr gilt, zeigen ihre vielen Reisen. Mehr als ursprünglich geplant, touren sie durch die Republik, um sich, um die Partei und, wenn möglich auch, um ein paar Wähler anzutreiben. Denn eines glauben sie offenbar noch immer, auch wenn die Stimmung in Berlin so schlecht ist: dass sie draußen im Land besser ankommen als in der Hauptstadt. Also trommeln sie überall um Wähler und Unterstützung. "Draußen sind die Leute weniger zynisch, draußen sind sie neugieriger, zugewandter - und weniger schnell im Urteil", sagt einer, der mitten in der Wahlkampfvorbereitung steckt. Das, so scheint es, ist im Augenblick die Hoffnung, die alles am Laufen hält.

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Quelle:
SZ vom 15.05.2017/mane
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