Süddeutsche Zeitung

Kuba:Ans Eingemachte

Lesezeit: 2 min

Auf der sozialistischen Karibikinsel öffnet nach vielen Jahren wieder eine Marmeladenfabrik. Doch den eklatanten Mangel kann das nicht überdecken.

Von Benedikt Peters

Als Feigenblatt bezeichnet man für gewöhnlich etwas, das nur allzu schlecht geeignet ist, die Wahrheit zu überdecken. Aus Feigen lässt sich bekanntlich auch Marmelade herstellen, und damit wäre man dann schon recht genau beim Thema. Wie der kubanische Sender Radio Rebelde unlängst meldete, können sich die Kubaner wieder einmal freuen über die nächste Errungenschaft des real existierenden karibischen Sozialismus: Die Marmelade ist bald zurück auf der Insel.

Die heimischen Hersteller hatten in den vergangenen Jahren die Produktion weithin eingestellt, es fehlten Zutaten, die Maschinen waren kaputt. Von September an aber, so berichtet der Radiosender, der entgegen seinem Namen nicht rebellisch, sondern staatstreu ist, soll alles anders werden. Dann beginne die Produktion eines kubanisch-slowakischen Joint Ventures in der Provinz Villa Clara. 17 000 Tonnen Marmelade sollen jährlich hergestellt und diese dann größtenteils für den heimischen Markt weiterverarbeitet werden, zu Keksen und Bonbons zum Beispiel.

Klingt nach süßen Zeiten, aber, Stichwort Feigenblatt, die Wirklichkeit auf der Karibikinsel ist eine völlig andere. Die Frage ist zum Beispiel, wer sich die Marmeladen und die Kekse überhaupt noch leisten können soll. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der 90er-Jahre und dem damit einhergehenden Wegfall der sozialistischen Wirtschaftshilfe steckt Kuba in einer Art Dauerkrise, mit der sich die Menschen, die blieben, irgendwie arrangierten. So schlimm wie seit vergangenem Sommer aber war es lange nicht mehr.

Die Inflation geht inzwischen durch die Decke, ein Karton Eier kostet auf dem Schwarzmarkt 1200 kubanische Pesos, eine Flasche Speiseöl 700. Ein Arzt kann sich somit im Monat drei Eierkartons und zwei Flaschen Öl leisten, sein staatliches Gehalt beträgt 5000 Pesos. Selbst Medikamente seien inzwischen knapp, berichten Anwohner, und ständig falle der Strom aus. Der beliebte Karneval von Havanna: abgesagt.

Das Exil gehört zur Identität des Landes, schon immer haben viele Kubaner versucht, die Insel zu verlassen. So viele wie zuletzt aber waren es seit der Machtübernahme der Castros 1959 noch nie: 140 000 gingen allein in den vergangenen acht Monaten. Im Juli 2021 kam es zu großen Protesten, die die Regierung mithilfe von Gewalt und drakonischen Haftstrafen niederschlug. Doch gebessert hat sich seitdem nichts. "Das Fass hier ist kurz vor dem Überlaufen", sagte ein Einwohner Havannas neulich der Zeitung El País.

Schuld an der Misere sind verunglückte Wirtschaftsreformen der Regierung ebenso wie US-Sanktionen, die zum großen Teil noch unter Ex-Präsident Donald Trump beschlossen wurden. Sein Nachfolger Joe Biden hat sie bisher aber kaum zurückgedreht. Wegen der Corona-Pandemie bleiben außerdem die Touristen weg, damit versiegt eine der wichtigsten Einnahmequellen des Landes. Das Geld fehlt wiederum, um in die heimische Produktion zu investieren - ein gefährlicher Kreislauf. Inzwischen wird sogar der eigentlich im Überfluss vorhandene Zucker knapp. Ob es mit der Marmeladenproduktion also wirklich klappt? Man darf zweifeln.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5634848
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.