Süddeutsche Zeitung

Kämpfe in Mazedonien:Ein Schmatzer vom Widerstand

Sie demonstrierte gegen die mazedonische Regierung und knutschte dafür den Schild eines Polizisten. Ein Foto machte Jasmina Golubowska zur Ikone des Widerstands.

Schuhe flogen schon mehrmals Richtung Politiker. Auf dem Maidan-Platz in Kiew setzten sich die Demonstranten Kochtöpfe auf und machten sich so über ein Vermummungsverbot lustig. In Hongkong spannten die Protestierenden gelbe Regenschirme auf, um sich gegen Wasserwerfer zu schützen. Die Liste ungewöhnlicher Symbole des Widerstands ist lang und muss nun ergänzt werden. Derzeit wird in den sozialen Netzwerken eine junge Frau zur politischen Ikone - wegen ihres knallroten Lippenstifts. Ein Foto zeigt sie in einer Gruppe von Menschen, die sich vor Polizisten drängt. Die junge Frau hat offensichtlich keine Angst vor den Männern, die ihr gut gepanzert gegenüber stehen. Sie schminkt sich die Lippen knallrot und benutzt dafür einen der Schilde als Spiegel.

"Lippenstift statt Angst - könnte man zu einer neuen Ideologie erklären", kommentiert eine Twitternutzerin. Wer die Frau ist und wo das Bild entstanden ist, darüber wird lange gerätselt. Mittlerweile ist klar: Die junge Frau ist Jasmina Golubowska, 30 Jahre alt und kommt aus Mazedonien - einem Land, das derzeit tief in der politischen Krise steckt. Es gibt Hinweise auf massive Korruption und staatlich gebilligten Mord (mehr zu den Zuständen). Außerdem kursieren Gerüchte, wonach die Regierung das jüngste Gefecht zwischen Sicherheitskräften und angeblichen Terroristen inszeniert hat. Seit Wochen gibt es in der Hauptstadt größer werdende Proteste.

Am 6. Mai versammelten sich ungefähr 1000 Menschen. Sie demonstrierten gegen die Regierung, die 2011 den Mord an einem 22-Jährigen vertuscht haben soll. Unter den Demonstranten war auch Jasmina Golubowska. Dem Blog The Daily Dot erzählt sie, wie es dort zu dem Foto gekommen ist.

Zwei Stunden lang habe sie die Polizisten versucht zu überzeugen, ihr Schilde niederzulegen und sich ihrem Kampf gegen die Regierung anzuschließen. Schließlich habe sie einem Beamten mit dem Lippenstift ein Herz auf seinen Schild malen wollen, was der Mann ablehnte. "Dann habe ich Lippenstift aufgetragen und den Schild geküsst. Er war nicht sehr glücklich", sagt Golubowska.

Erneut Demonstration angekündigt

Die junge Frau arbeitet als Projektkoordinatorin beim Helsinki Komitee für Menschenrechte in Mazedonien. Die Organisation hat eine Pressemitteilung der Demonstration vom 6. Mai herausgegeben. Polizisten seien in mehrere Gebäude eingedrungen, darunter eine Bibliothek, und seien gegen mehrere junge Leute vorgegangen. Ungefähr 40 Menschen sollen festgenommen worden sein. Darunter auch völlig Unbeteiligte, heißt es in der Mitteilung. Zuvor hatte es gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizisten gegeben.

"In einem Land mit hoher Armut, von der Regierung gesteuerten Medien und einer mafiösen Führung sind alle Bürger Opfer von Menschenrechtsverstößen", kommentiert Golubowska die Lage im Land. Sie wünscht sich, dass mehr und mehr Menschen die politische Situation deutlich wird. "Durch dieses Foto können die Menschen sehen und verbreiten, was in Mazedonien los ist. So können wir mehr Druck auf die Machthaber ausüben." Nach den jüngsten Vorfällen sind bereits mehrere Minister zurückgetreten, doch Premierminister Nikola Gruevski ist immer noch an der Macht. Gegen ihn wollen am Sonntag erneut Menschen in Skopje auf die Straße gehen.

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