Süddeutsche Zeitung

Gründung der Republik Türkei:Sehnsucht nach dem Übervater

1923 wurde die Türkische Republik ausgerufen. Ihr Gründer Mustafa Kemal Atatürk war der Totengräber des Osmanischen Reiches und sicherte der Türkei eine Sonderstellung.

Von Christiane Schlötzer, Istanbul

Die Episode hat sich bei einem Empfang in Ankara zugetragen, zur Zeit der Gründung der Türkischen Republik vor nun 90 Jahren. "Wie ist die Lage des Feminismus eigentlich in Ihrem Land?", will Latife, die junge Ehefrau Kemal Atatürks, vom italienischen Botschafter wissen. Latife hat in Paris Jura studiert, sprachliche Verständigungsprobleme dürfte es also nicht gegeben haben. Der Italiener versteht trotzdem nicht. "Madame, in unserem Land zeigt der Feminismus nur geringe Entwicklung", doziert der Diplomat, für die italienischen Frauen bedeute "Feminismus, ein Heim zu gründen und ihren Männern gesunde Nachkommen zu präsentieren". Darauf erwidert Latife: "Was für ein rückständiges Konzept."

Dass dieser Wortwechsel - überliefert von der Latife-Biografin Ipek Calislar - überhaupt stattfinden konnte, hatte die 23-jährige Türkin ihrer eigenen Courage und den revolutionären Ideen ihres Gatten zu verdanken, der nicht nur die osmanische Geschlechtertrennung hinwegfegte, sondern auch das gesamte alte Imperium. Schon 1918 hatte Kemal in einem Tagebucheintrag festgehalten: "In der Frauenfrage müssen wir kühn vorgehen."

Zu dieser Zeit befand sich der Mann, der fünf Jahre später, am 29. Oktober 1923, die Türkische Republik ausrufen sollte, gerade auf einer seiner wenigen Auslandsreisen, zu einer Kur in Karlsbad. "Armeeführer" stand auf seiner deutschen Visitenkarte. Zwischen Moorbad und Wassertrinken vertiefte sich der General in die Betrachtung der "äußerst feinen, schönen Frauen", die mit Männern im Smoking den Four Step tanzten. Dem Tagebuch vertraute er an: "Wenn mir eine große Verantwortung und Macht zufallen, glaube ich, dass ich in unserem Gesellschaftsleben die erwünschten Umwälzungen in einem Augenblick mit einem Coup umsetzen werde." An diesen Vorsatz hat sich der Karlsbader Kurgast dann später auch gehalten.

Atatürk, geboren 1881 im osmanischen Selanik, dem heutigen Thessaloniki, fühlte sich früh zu Höherem berufen. Die Gunst der Stunde, politischer Ehrgeiz und militärisches Geschick machten ihn zum Totengräber des dahinsiechenden Reiches der Sultane und Kalifen. Von Ostanatolien aus organisierte er den Widerstand gegen die Truppen der Westmächte, die es nach dem Ersten Weltkrieg auf die Reste des Vielvölkerstaates abgesehen hatten. Auch der Traum der Griechen von Groß-Hellas ging im türkischen Befreiungskrieg unter. Der Frieden von Lausanne bescherte der Türkei sichere Grenzen. Aber er nahm, mit Billigung des Westens, auch 1,25 Millionen Griechen und 500.000 Muslimen in einem "Bevölkerungsaustausch" ihre Heimat. Ein traumatischer Einschnitt in der Geburtsstunde der Republik. An diesem Dienstag reisen Kinder und Enkel der Vertriebenen mit einem Schiff von Istanbul nach Thessaloniki - eine Freundschaftsgeste. Ein Hundertjähriger ist auch dabei.

Kleiderfragen sind in der Türkei Machtfragen

Als Hauptstadt wählte Kemal ein staubiges anatolisches Nest: Ankara. Der Bruch mit der Prachtentfaltung der Sultane sollte allen ins Auge fallen. Schluss mit Harem und Hoher Pforte, mit Schleier und Fez. Latife trat an der Seite des ersten Präsidenten der Republik mit burschikoser Bubikopffrisur auf, wie ihre Geschlechtsgenossinnen im Berlin der Zwanzigerjahre.

Zum Geburtstagsempfang an diesem Dienstagabend im Präsidentenpalais in Ankara wird das internationale diplomatische Korps erwartet. Sollte die Präsidentengattin dabei angeregt mit dem italienischen Botschafter plaudern, wäre dies keine Sensation, auch wenn Hayrünnisa Gül ebenfalls eine Pionierin ist: Sie ist die erste First Lady der Türkei, die für das Recht, ein islamisches Kopftuch tragen zu dürfen, vor den Europäischen Gerichtshof gezogen ist.

Kleiderfragen sind in der Türkei seit 90 Jahren Machtfragen, und so mancher verwirrende Widerspruch im Alltagsleben hat seine Wurzeln in den Anfängen der Republik. Atatürk wünschte sich Frauen als Pilotinnen und Professorinnen. Aktuell diskutiert man gern über Ärmel- und Rocklängen von Stewardessen und Steuerbeamtinnen. Premier Recep Tayyip Erdoğan, wie Atatürk ein Aufsteiger aus kleinen Verhältnissen mit großem Charisma, rühmt sich, Lehrerinnen mit Kopftuch die Klassenzimmer geöffnet zu haben. Die Kontrolle über den weiblichen Körper ist im Islam, aber auch in anderen Religionen, ein seit Jahrhunderten vertrautes Sujet.

Atatürk misstraute der Religion, er ließ die islamischen Bruderschaften verbieten. Damit trieb er die Orden in den Untergrund und einen Keil in die Gesellschaft. Erdoğan argumentiert, seine Regierung stelle nur gleiches Recht für alle her, auch für die Religiösen. So ist die Tuchfrage hochpolitisiert - einerseits. Andererseits überspringt die global vernetzte neue städtische Protestjugend gern die alten Gräben. So schützten säkulare Gezi-Park-Besetzer, von Erdoğan als Marodeure geschmäht, im Sommer betende Muslime vor der Polizei. Fromme Frauen setzten sich zu Ungläubigen zum Fastenbrechen ins Gras.

Die tief gespaltene türkische Republik

Mit ihrer langen Republikgeschichte nimmt die Türkei im Nahen Osten eine Sonderstellung ein, in Europa ist sie ebenfalls ein Land wie kein zweites. Atatürk hat ihr den Nationalismus eingepflanzt, der dem osmanischen Multikulti fremd war. Das Nationalstaatliche hatte er auch den Europäern abgeschaut. Eine Trauerzeit ums alte Reich gestattete Atatürk nicht. Mit der Einführung der lateinischen Schrift nahm er künftigen Generationen die Fähigkeit, das Osmanische zu lesen. Alles nach dem Motto: "Ein türkischer Staat nach dem Ende der Osmanen-Herrschaft würde modern, würde fortschrittlich sein oder er würde nicht sein", wie der Atatürk-Biograf Klaus Kreiser schreibt.

Nach seinem Tod 1938 bauten Atatürks Nachfolger dem Übervater in Ankara ein Mausoleum mit den Dimensionen eines römischen Tempels, zu dem jeder Staatsbesucher geführt wird. Sie meißelten auch sein politisches Vermächtnis in Marmor. Der Kemalismus ist eine Ideologie mit zeitlosem Anspruch, geboren in der Atmosphäre der Dreißigerjahre. Die Öffnung des Eisernen Vorhangs hat sie lässig überlebt. Schließlich nahm man es nicht mit allen kemalistischen Prinzipien so genau wie mit dem starken Staat. Statt einer "klassenlosen" Gesellschaft etwa schufen Bürokratie und Militär eine mächtige Elite. Vier Mal putschten die Generäle seit 1960 gewählte Regierungen weg. Auch die moderne Republikgeschichte ist voller Traumata. Erst in jüngster Zeit wurde die Macht der Armee beschnitten. Für Kenan Evren, den Putschisten von 1980, hat ein Staatsanwalt vor wenigen Tagen lebenslange Haft gefordert. Der Mann ist nun 96 Jahre alt.

Der Säkularismus ist in der Verfassung verankert. Die türkische Elite aber verstand dieses unveränderliche Prinzip lange als Auftrag, die sunnitische Religion gegenüber allen anderen zu privilegieren und sie bis in den letzten Korankurs zu kontrollieren. Dies ließ für Aleviten oder Christen wenig Raum. Die Gegenbewegung musste kommen. Die Erfolge von Erdoğan und Co. wären ohne die ideologische Enge und die Korruption der alten Eliten nicht möglich gewesen. Inzwischen wirkt es allerdings so, als habe Erdoğan nach zehn Jahren an der Macht am Ideal des allmächtigen Staates selbst großen Gefallen gefunden.

Der Politikwissenschaftler Ihsan Yilmaz, der an der Istanbuler Fatih Universität lehrt, spricht schon von einem neuen "Kemalo-Islamismus". Zur neuen Elite gehörten, so Yilmaz, die Besitzer von Baukonzernen, die gleichzeitig Medienhäuser kontrollieren, und Bürokraten, die dafür sorgen, "dass staatliche Ausschreibungen nicht in die falschen Hände geraten". Wenn Erdoğan verkündet, "Straßen sind Zivilisation", für die er sogar Moscheen aus dem Weg räumen würde, dann erinnert das im Gestus an Atatürks kühnen Fortschrittsglauben.

Eröffnung des Eisenbahntunnels rechtzeitig zum Jubiläum

Nur: Die Türkei des 21. Jahrhunderts ist ein Land mit Millionenstädten, die längst von vielspurigen Stadtautobahnen durchzogen sind und trotzdem am Verkehr ersticken. Stets drängt der oberste Bauherr die Ingenieure jedoch zur Eile. Zum Republikgeburtstag will Erdoğan unbedingt den Eisenbahntunnel unter dem Bosporus eröffnen, die erste unterirdische Schienenverbindung zwischen Europa und Asien. Der Verkehrsminister musste Sicherheitsbedenken zurückweisen, weil die gesamte Strecke noch gar nicht fertig ist, weshalb eine provisorische Zugkontrollanlage installiert werden musste.

Mit seiner Hemdsärmeligkeit begeistert Erdoğan seine glühenden Anhänger und provoziert seine Gegner. So ist die Republik im 90. Jahr ihres Bestehens wieder einmal tief gespalten. In dieser unbequemen Lage besinnen sich auffällig viele Türken wieder auf Atatürk, den einstigen Oberlehrer der Nation. Um neue Begeisterung für den alten Kemalismus handelt es sich dabei nicht unbedingt.

Die 1923 gegründete Republikanische Volkspartei, die CHP, derzeit die größte Oppositionsfraktion im Parlament, kann von dem politischen Aufbruch, der sich im Gezi-Park zeigte, bislang kaum profitieren, obwohl sie sich neuerdings um mehr Offenheit bemüht. Die Gezi-Jugend, die im Tränengasnebel Atatürk-Poster hochhielt, ist auf der Suche nach Verbindendem, nach festen Planken in einer schwankenden Welt. Europa als Sehnsuchtsziel hat seinen Reiz für viele Türken verloren, über die Chancen auf einen Beitritt zur EU ist bereits zu lange diskutiert worden, in Brüssel wie in Ankara. Viele Türken wollen trotz aller Kritik aber einfach stolz sein auf ihr Land. Da bietet sich der Mann, der sich selbst den Namen "Vater der Türken" gab, noch immer als Identitätsstifter an.

Den Nachnamen für Latife suchte er auch persönlich aus, als Familiennamen 1934 in der Türkei Pflicht wurden. "Ussaki" schrieb er in ihre Papiere. "Sie waren unter den Liebenden", bedeutet dies. Latife und Kemal waren da schon lange kein Paar mehr. Die Scheidung erfolgte bereits 1925. Latifes jüngerer Bruder Münci glaubte den Grund für das Zerwürfnis zu kennen: "Meine Schwester war eine großartige Frau. Aber den Gazi (ein Ehrentitel Atatürks) hat sie behandelt, wie man irgendeinen gewöhnlichen Mann behandelt." Die Dame war womöglich doch zu aufmüpfig für den Pascha. Der löste die Verbindung einseitig, nach altem Brauch. Ein paar Monate später wäre dies nicht mehr möglich gewesen. Da galt schon das neue Scheidungsrecht, das die beiden gemeinsam auf den Weg gebracht hatten.

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Quelle:
SZ vom 29.10.2013/sebi
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