Süddeutsche Zeitung

Großbritannien:Wirbel um Snowden-Dokumente

China und Russland sollen Daten des britischen Geheimdienstes MI6 entschlüsselt haben. Eine Quelle im Innenministerium behauptet: "Snowden hat Blut an den Händen."

Von Christian Zaschke, London

China und Russland sollen geheime Dokumente der britischen und amerikanischen Geheimdienste entschlüsselt haben. Dadurch sei die Arbeit insbesondere des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6 deutlich erschwert worden. Das berichtet die Londoner Sunday Times unter Berufung auf anonyme Mitarbeiter der britischen Regierung. Es handele sich um Dokumente, die der ehemalige amerikanische Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden vor zwei Jahren kopiert und an Journalisten weitergegeben hat. Snowden soll rund 1,7 Millionen Dokumente heruntergeladen haben, bevor er 2013 die USA verließ und über Hongkong nach Moskau gelangte. Dort genießt er seither Asyl.

Die Sunday Times beruft sich auf Mitarbeiter am Sitz des Premierministers, im Innenministerium und in den Sicherheitsbehörden. Den Angaben zufolge hätten Russland und China Zugriff auf das Datenpaket von Snowden erlangt. Die Geheimdienste dieser Länder wüssten seither, "wie wir vorgehen" und hätten verhindert, dass die britischen Dienste an "wichtige Informationen" gelangen. Zudem habe MI6 Mitarbeiter aus "feindlich gesinnten Staaten" abziehen müssen, da die Agenten andernfalls hätten enttarnt werden können. Die Sunday Times zitiert einen Mitarbeiter des Innenministeriums mit den Worten, Snowden habe "Blut an den Händen". Eine weitere Quelle sagte allerdings sowohl der Zeitung als auch der BBC, es gebe keinerlei Hinweise darauf, dass Geheimdienstmitarbeitern geschadet worden sei.

In einem Interview mit der New York Times hatte Snowden 2013 erklärt, er habe keine geheimen Dokumente mit nach Russland genommen. Er habe in Hongkong sein Material komplett an Journalisten übergeben und keine Kopien behalten. Snowden sagte damals: "Die Wahrscheinlichkeit, dass Russen oder Chinesen irgendwelche Dokumente bekommen haben, liegt bei null Prozent." Sowohl der Sunday Times als auch der BBC sagte jedoch ein britischer Regierungsmitarbeiter, beide Länder hätten sehr wohl Zugriff auf die Daten. Wie genau sie an die Dokumente gekommen sein könnten, wird in den Berichten nicht näher erläutert. Snowden hat sich bisher nicht zu den Behauptungen geäußert.

Bis Mitte 2013 war Snowden externer Mitarbeiter der amerikanischen National Security Agency (NSA). In dieser Funktion hatte er Zugang zu geheimem Material. Aus den Unterlagen, die er an verschiedene Medien weitergab, geht unter anderem hervor, dass die NSA und der britische Dienst GCHQ den Datenverkehr im Internet flächendeckend überwachen. In Großbritannien hat vor allem der Guardian das Material veröffentlicht und sich damit den Zorn der Regierung zugezogen. Der Chef des Inlandsgeheimdienstes MI5 sagte, das Blatt spiele den Feinden Großbritanniens in die Hände.

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Quelle:
SZ vom 15.06.2015
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