Süddeutsche Zeitung

Großbritannien:Kein Mann für Details

Die Kandidaten um die Nachfolge von Premier­ministerin Theresa May debattieren, Boris Johnson baut seinen Favoritenstatus aus. Wofür er steht, bleibt aber unklar.

Die gute Nachricht zuerst: Boris Johnson ist nicht aus der Rolle, aber auch nicht weiter aufgefallen. Er saß auf seinem etwas wackelig wirkenden Stuhl im BBC-Studio, mit angezogenen Beinen und verstrubbeltem Haar, langweilte sich manchmal ein wenig, schaute herum wie ein Schulbub auf der Suche nach Ablenkung, und hatte wenig originelle Antworten auf die Fragen der Nation. Noch am Nachmittag hatte der Ex-Außenminister bei der zweiten, internen Abstimmung darüber, wer aus der Tory-Fraktion Theresa May als Premierministerin nachfolgen solle, seinen Vorsprung weiter ausgebaut; er führt das Feld von derzeit fünf Kandidaten jetzt mit 126 Stimmen an. Ex-Brexitminister Dominic Raab hatte die nötige Stimmzahl nicht zusammenbekommen, er schied aus.

So waren es neben Johnson am Abend der zweiten TV-Debatte, (die erste hatte am Sonntag auf Channel 4 stattgefunden) noch Außenminister Jeremy Hunt, Umweltminister Michael Gove, Innenminister Sajid Javid und Entwicklungshilfeminister Rory Stewart, die sich Fragen nach Brexit, Steuersenkungen, Umweltschutz und Sozialkürzungen stellten.

Das ganze Land hatte mit Spannung auf Johnson gewartet, der die erste Debatte und eine Befragung durch britische Journalisten am Montag geschwänzt hatte. Würde er staatsmännisch auftreten, siegesgewiss, oder so flapsig-tapsig wie immer? Schon nach wenigen Minuten war klar: Der Mann, den mittlerweile fast die Hälfte der Fraktion als nächsten Premier sehen will, hat keine Ahnung, was er will und wie das, was er vielleicht wollen würde, gehen soll. Wie er denn garantieren würde, dass das Land am 31. Oktober, dem vorläufigen Austrittsdatum, die EU verlässt? Bisher hatte Johnson immer viel von No Deal geredet und von Ultimaten, von Druck auf Brüssel und von harten Brüchen. Aber das wollte er nun nicht mehr ganz so gemeint haben, No Deal sei nun mal keine tolle Sache, und man könne ja den Backstop, mit dem Nordirland - gemäß dem Deal mit der EU - in der Zollunion bliebe, in der Übergangsphase genauer verhandeln, sagte er, nur: Ohne Backstop gibt es, das weiß eigentlich jeder, der sich intensiver mit dem Brexit und dem mit Brüssel ausgehandelten Vertrag befasst hat, gar keine Übergangsphase. Aber Johnson war ja noch nie ein Mann für die Details.

Ein Imam wollte wissen, ob die Kandidaten anerkennen, dass Worte Taten nach sich ziehen und Islamophobie im Königreich zunimmt. Johnson hatte unlängst Frauen in Burkas mit Briefkästen verglichen und gesagt, sie sähen aus wie Bankräuber. Das wollte der Politiker, der jahrelang Bürgermeister von London und kurzzeitig Außenminister war, jetzt eher als flotte Sprüche eines Journalisten verstanden wissen, weil er ja auch eine Kolumne im Telegraph schreibt. Und dass seine Äußerungen über eine in Iran wegen Spionagevorwürfen einsitzenden Britin mit iranischen Wurzeln mit dazu führte, dass Iran das Urteil gegen sie verschärft hatte, wollte er nicht hören; da dürfe man nicht mit dem Finger auf ihn zeigen, da müsse man Iran ins Visier nehmen.

Wer gehofft hatte, in der BBC-Debatte zeige ein geläuterter, vielleicht auch nur ein talentierter nächster Premier, der sah sich getäuscht. Auf dem Stühlchen zwischen der Moderatorin und Jeremy Hunt saß nur good old Boris, und wusste auch nicht weiter. Zu seiner Ehrenrettung sei gesagt, dass auch seine Mitbewerber bei der Frage, wie der Brexit denn nun vonstatten gehen solle, und wie das Land sozialer, gerechter und grüner werden kann, nicht weiter wussten. Die TV-Debatte war eine Kakophonie der Ratlosigkeiten, aus der Rory Stewart herausstach, weil er sich die Krawatte abnahm, Mays Deal verteidigte und keine Steuersenkungen versprach, und Javid einen Punkt machte, indem er seine Konkurrenten zu einem Pakt gegen Islamophobie verpflichtete.

Die fünf Kandidaten sind allerdings auch nicht die Besten der Besten, die das Land eventuell zu bieten hat, sondern fünf Männer aus der Mitte der Fraktion, die glauben, sie könnten einen der schwersten Jobs meistern, den Europa derzeit zu vergeben hat. An diesem Mittwoch und dann wieder am Donnerstag finden den nächsten Abstimmungen in der Fraktion ab, dann werden weitere Bewerber herausfallen. Schon jetzt, so ist zu hören, wird hinter den Kulissen schwer verhandelt, wessen Unterstützer dann zu welchem der verbliebenen Bewerber wechseln sollen; es soll um Jobs und um Karrieren in der nächsten Regierung gehen, also um Machtsicherung und Hinterzimmerdeals.

Dabei kannten alle Teilnehmer der TV-Diskussion zu diesem Zeitpunkt längst die neueste Umfrage des Instituts YouGov, die Drastisches zutage gebracht hatte: Die Mitglieder der Konservativen Partei wollen ihren Brexit so unbedingt haben, dass 63 Prozent bereit wären, dafür die Union mit Schottland dranzugeben und 59 Prozent die Bindung zu Nordirland. 54 Prozent würden in Kauf nehmen, dass die eigene Partei dabei zerbricht, und sind überzeugt, dass ein harter Brexit helfen würde, die nächsten Wahlen zu gewinnen. Dann kam die Killerfrage: Ob sie lieber jemanden als Regierungschef hätten, der einen guten Brexitplan, aber keine Vision für das Land habe, wollten die Meinungsforscher wissen. Mehr als der Hälfte war das Wohl des Landes egal, nur der Brexit, der musste sein. Es sind diese Menschen, im Durchschnitt zwischen 65 und 75 Jahre alt, die den nächsten Premier unter den fünf Männern auswählen, die am Dienstagabend eine Stunde lang in der BBC ihre Visionen für das Land darlegten. Die schlechte Nachricht für die Mitglieder der Tory-Partei: ein "guter Brexitplan" war nicht dabei.

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SZ vom 19.06.2019
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