Süddeutsche Zeitung

Ghana:Falsche Botschaft fliegt auf

Wie sie an die Blanko-Dokumente kamen ist unklar. Doch Kriminelle verkauften in Ghana jahrelang echte US-Visa. Unklar ist auch, wie viele Menschen damit in die USA einreisen konnten.

Von Tobias Zick, Kapstadt

Accra, die Hauptstadt von Ghana, hat nicht allzu viele herausragende Bauwerke zu bieten. Eines der wenigen davon, das sehr viele Bürger kennen, ist die US-amerikanische Botschaft: ein mächtiger, streng abgeriegelter Komplex in einem der teureren Viertel der Stadt. Wer in die Vereinigten Staaten reisen möchte, muss sich mit einem Stapel von Dokumenten hier anstellen, um ein Visum zu beantragen - ein zähes Verfahren mit ungewissem Ausgang. Allein schon die Phase des Schlangestehens ist denkbar ungemütlich. Es gibt kein Warte-Areal mit Sitzplätzen, geschweige denn Schatten. Als Visumsanwärter muss man draußen auf der Straße ausharren - je nach Jahreszeit im Regen oder in der stechenden Sonne.

Wäre es also nicht eine vielversprechende Geschäftsidee, die Prozedur ein bisschen kürzer und bequemer zu gestalten? Zumal in Ghana die bürokratischen Hürden für die Umsetzung einer Geschäftsidee ein bisschen niedriger liegen als in manch anderen Teilen der Welt, zumindest wenn man die richtigen Leute kennt und bezahlt.

"In Accra, Ghana, gab es ein Gebäude, vor dem jeden Montag, Dienstag und Freitag von 7.30 bis 12 Uhr die amerikanische Flagge wehte", teilte unlängst das US-Außenministerium mit. "Drinnen hing ein Foto von Präsident Barack Obama, und Schilder wiesen darauf hin, dass man sich in der US-Botschaft in Ghana befinde." Stimmte aber gar nicht: "Diese Botschaft war ein Schwindel." Dem Foto zufolge, das das Außenministerium veröffentlichte, hätte man darauf auf den ersten Blick auch selbst kommen können: Es zeigt ein zweistöckiges Gebäude mit bröckelnder, rosa Fassade, vor dem ein Lieferwagen und ein Motorrad parken. Die falsche Botschaft konnte der Mitteilung zufolge "etwa ein Jahrzehnt lang ungehindert agieren". Betrieben hätten sie ghanaische und türkische Kriminelle. Die angeblichen Konsularbeamten seien "türkische Staatsbürger" gewesen, "die Englisch und Niederländisch sprachen". Sie hätten ihr Geschäft nur deshalb so lange betreiben können, weil sie "korrupte Beamte dafür bezahlten wegzuschauen". Zudem hätten sie sich echte Blanko-Dokumente beschafft, die sie für ihre Zwecke "manipulierten".

Aufgeflogen ist das Geschäft den Angaben zufolge im Rahmen einer groß angelegten regionalen Sicherheitsüberprüfung, bei der die Behörden mehrere Verdächtige festgenommen sowie einen Laptop, Mobiltelefone und insgesamt 150 Pässe aus zehn verschiedenen Ländern sichergestellt haben. Unter den beschlagnahmten Visa waren demnach auch solche aus der europäischen Schengen-Zone, Indien und Südafrika.

Wie die Kriminellen Zugriff auf die Blanko-Dokumente bekommen hatten und wie viele Menschen mit gefälschten Visa in die USA und andere Länder gereist sind, dazu machte das Außenministerium keine Angaben. Mehrere Verdächtige aber seien noch auf freiem Fuß. Die Razzien im Zuge der regionalen Sicherheitsoperation seien "erst der Anfang".

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3280484
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 06.12.2016
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.