Süddeutsche Zeitung

Diplomatischer Streit zwischen Iran und Großbritannien:"Die Nation ist entzückt"

Die EU bereitet nach dem Sturm auf die britische Botschaft in Teheran ein Öl-Embargo gegen Iran vor - dort nimmt man die Botschaftsbesetzer unbeirrt in Schutz. Sämtliche Festgenommenen wurden nach einer Nacht wieder entlassen, iranische Politiker lobten die sogenannten Studenten. Doch handelte es sich tatsächlich um Studenten? Manche Iraner haben einen Verdacht.

Rudolph Chimelli

Elf iranische Botschaftsbesetzer sind am Mittwochabend freigelassen worden. Sie waren am Dienstag in Teheran wegen des gewaltsamen Eindringens in die britische Vertretung von der Polizei verhaftet worden. Sie werden von der iranischen Nachrichtenagentur Fars als "Studenten" bezeichnet.

Für ihre Entlassung wird kein Grund angegeben. Der Teheraner Polizeichef, der ein scharfes Vorgehen gegen die Gesetzesbrecher angekündigt hatte, steht Präsident Mahmud Ahmadinedschad nahe. Der Staatschef hat zu dem Zwischenfall noch keine Stellung bezogen.

Wie es heißt, hatten die zuständigen Behörden eine Protestdemonstration vor der britischen Botschaft genehmigt. Anders wäre eine Ansammlung von Tausenden im Zentrum der Hauptstadt, wo sich Botschaften und Regierungsgebäude befinden, nicht möglich gewesen. Selbst kleine regimefeindliche Kundgebungen waren im Lauf des Jahres im Keim erstickt worden. Der Botschaftssturm wären ohne stillschweigende Rückendeckdung durch Behörden und hochstehende Hintermänner kaum denkbar gewesen.

Ob Polizei und Regierung überrumpelt wurden, bleibt eine offene Frage. Sofort setzten Spekulationen ein, die die Erstürmung der Botschaft in Zusammenhang zu dem Machtkampf zwischen dem Präsidenten und dem radikalen Flügel des Regimes um den geistlichen Führer Ali Chamenei setzen. Es wird unterstellt, Radikale wollten Ahmadinedschad Schwierigkeiten machen und künftige Verhandlungen - nicht zuletzt im Atomstreit mit dem Westen - erschweren. Das Außenministerium, das Ahmadinedschad untersteht, verurteilte die Besetzung der Botschaft und entschuldigte sich in gewundenen Formulierungen.

Die anderen Stimmen aus dem Machtapparat nahmen dagegen einhellig die angeblichen Studenten in Schutz. Parlamentssprecher Ali Laridschani, ein erbitterter Gegner Ahmadinedschads, sagte zu Journalisten: "Das Vorgehen einer Anzahl von Studenten entspricht der Stimmung, die in der öffentlichen Meinung Irans herrscht. Unser Volk hat unter dem Verhalten der britischen Regierung jahrzehntelang gelitten." Wenn London das nicht glaube, sei er gern bereit, eine Meinungsumfrage vornehmen zu lassen, sagte Laridschani.

Der Abgeordnete Alaeddin Borudscherdi, Vorsitzender des Ausschusses für Nationale Sicherheit und Außenpolitik, behauptete: "Die öffentliche Meinung der Nation ist ohne Zweifel entzückt, dass die britische Regierung keinen Botschafter und keinen Diplomaten mehr in Teheran hat." Zugleich erinnerte der Abgeordnete daran, dass 1980 Gegner des Teheraner Regimes die iranische Botschaft in London besetzt und die Diplomaten sechs Tage lang festgehalten hatten. Zwei Botschaftsangehörige seien ums Leben gekommen, bevor britische Kommandos die Geiseln befreiten. Damals habe die Londoner Polizei die Botschaft nicht verteidigt - anders als die Teheraner Polizisten, welche die britische Vertretung geschützt hätten.

Die Abgeordnete Sohra Elahian, die dem gleichen Ausschuss angehört, sagte: "Die Studenten werden zu den Drohungen und Sanktionen gegen Iran nicht schweigen." Sie hätten den "arroganten Ländern" eine kraftvolle Botschaft übermittelt. Ein weiteres Mitglied des Ausschusses, Kassem Dschalali, kündigte an, die Briten müssten mit noch mehr Wutausbrüchen rechnen, falls sie ihre feindselige Politik fortsetzten. "Die Geduld des iranischen Volkes ist nicht unbegrenzt", sagte der Abgeordnete Taki Rahbar, ein Kleriker.

Das Parlament hatte in der vergangenen Woche eine Entschließung gebilligt, laut der die Beziehungen zu London auf den Austausch von Geschäftsträgern reduziert werden sollen. Vier Stimmen hatten den völligen Abbruch der Beziehungen gefordert. Anlass war die Verhängung einseitiger Sanktionen durch London, die von Unternehmen das Ende aller Verbindungen zur iranischen Zentralbank verlangen und Geschäfte weitgehend unmöglich machen. Dies hatte den besonderen Zorn der Iraner erregt. Die USA und andere westliche Länder gingen nicht so weit, weil sie eine Erschwerung der iranischen Erdölexporte befürchten und damit eine Verknappung auf dem Weltmarkt und höhere Preise.

Die antibritische Stimmung hatte sich in den letzten Wochen aufgebaut. Der Teheraner Bürgermeister Mohammed Bagher Kalibaf beschuldigte die Briten, sie hätten im Park der früheren Botschafterresidenz den alten Baumbestand gefällt. Diese erwiderten, die Bäume seien gestorben, weil ihnen die U-Bahn das Wasser abgegraben habe. Auf dem Gelände im nördlichen Viertel Golhak, das zeitweise von Demonstranten besetzt war, wohnten bis zu ihrer Ausreise die meisten Botschaftsangehörigen. Auch die deutsche Schule befindet sich dort.

Unabhängige Berichte über den Botschaftssturm gibt es nicht. Manche Iraner, die die Vorgänge am Fernsehen verfolgten, glaubten in den sogenannten Studenten Angehörige der Bassidsch-Miliz zu erkennen, die sich bei der Drangsalierung von Oppositionellen hervortun. Sie untersteht den Revolutionsgarden.

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SZ vom 02.12.2011/aho
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