Süddeutsche Zeitung

Corona-Krise:Wenn das Virus auf gesellschaftliche Vorerkrankungen trifft

Bessergestellte, die sich bequem ins Home-Office zurückziehen konnten, schwadronieren gerne von der Krise als Chance. Das missachtet das kollektive und individuelle Leid vieler Menschen. Die Corona-Pandemie hat keinen tieferen Sinn, sondern ist ein großes Unglück.

Kommentar von Jana Anzlinger

Die einen haben die Wochen der Isolation dafür genutzt, sich einen Waschbrettbauch anzutrainieren. Die anderen glauben zu wissen, dass die Bürger durch den Lockdown ihre Freiheiten mehr wertschätzen. Wieder andere dozieren, dass ja einst erst nach dem Ausbruch der Pest die Neuzeit begonnen habe, was immer das für heute bedeutet.

Allen gemeinsam ist die Vorstellung, die Krise vor allem als Chance zu nutzen, aus der die Menschheit hervorgehe sozusagen wie Phönix aus der Asche. Kollektives und individuelles Leid so umgedeutet zu sehen, stimmt unbehaglich.

In Wahrheit hat die Corona-Pandemie keinen tieferen Sinn, sondern ist hauptsächlich ein großes Unglück. Weltweit sind mehr als eine halbe Million Infizierte gestorben, in Deutschland bislang fast 9000.

Nach allem, was man weiß, wären es ohne die staatlich verordneten strengen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie wesentlich mehr gewesen. Und die Krise betrifft nicht nur die Infizierten und Erkrankten und ihre Angehörigen. Der wirtschaftliche Einbruch hat viele hart getroffen.

Ungewisse Zukunft

In Deutschland haben Hunderttausende ihren Job verloren, Millionen sind in Kurzarbeit. Junge Menschen, die bald mit der Schule oder der Ausbildung fertig sind, stehen vor einer ungewissen Zukunft; sie ist noch ungewisser, als das wegen der Klimakrise ohnehin zu befürchten war.

Da hilft es nicht weiter, wenn Bessergestellte abgehoben von der Krise als Chance schwadronieren - Bessergestellte, die sich bequem ins Home-Office zurückziehen konnten, was all den Kassierern, Krankenpflegern und Paketbotinnen nicht vergönnt war. Menschen in schlechter entlohnten Berufen stehen stärker denn je unter Druck und sind besonders vom Virus gefährdet. Das jähe Ende des wirtschaftlichen Aufschwungs führt bestehende sozial-ökonomische Probleme vor Augen.

Insbesondere Angestellte in Care-Berufen kritisieren schon lange ihre Arbeitsbedingungen. Jetzt fällt auf, wer systemrelevant ist, und dass ausgerechnet diese Menschen ausgebeutet werden. Vielfach sind Frauen betroffen - die zudem eher die nun dringliche Kinderbetreuung übernehmen und häufiger Gewalt durch Partner ausgesetzt sind - und oft Menschen mit Migrationshintergrund. Zur plötzlichen Einsicht sozialer und ökonomischer Ungerechtigkeiten passt die Rassismusdebatte, die sich an Polizeigewalt in den USA entzündet hat.

Einerseits ist in Staat und Gesellschaft eine neue Solidarität erwacht. Andererseits wirkt die Gesellschaft in der Debatte um die Maßnahmen gegen die Pandemie gespalten. Die Krise ist noch nicht überwunden. Aber sie erlaubt gerade ein kurzes Durchatmen. In diesem Moment drängt sich die Erkenntnis auf, dass Corona auch deshalb so verheerend ist, weil das Virus auf massive gesellschaftliche Vorerkrankungen trifft: fehlendes Verständnis streitender Lager, mangelhafte Sicherheitsnetze für die Mitbürger, die in der sozio-ökonomischen Logik unten stehen - und eine vor der Krise schwach ausgeprägte Solidarität.

Wenn aus dieser Erkenntnis Konsequenzen gezogen werden, lässt sich die Krise immer noch nicht zur Chance umdeuten. Aber es lässt sich die Frage beantworten, die zu Recht bei jedem Unglück, egal ob nun Krieg, Naturkatastrophe oder Wirtschaftskrise, gestellt wird: Wie vermeiden wir, dass sich das Unglück in diesem fatalen Ausmaß wiederholt?

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Quelle:
SZ vom 29.06.2020/lala
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