Süddeutsche Zeitung

Chemiewaffen:Die Spur führt zu Assad

  • Immer mehr spricht dafür, dass Syriens Machthaber Assad für den Chemiewaffenangriff in Khain Scheikhun verantwortlich ist.
  • Einzig Russland hatte als Hauptverbündeter des Regimes eine neue Theorie parat: Der Nervenkampfstoff sei aus dem Irak oder der Türkei gekommen.
  • Die Ereignisse weisen zahlreiche Parallelen zu einem Sarin-Angriff auf die Vorstadt von Damaskus im Jahr 2013 auf.

Von Paul-Anton Krüger

Es war am frühen Freitagmorgen, als Dutzende Explosionen den syrischen Militärflughafen al-Schairat bei Homs erschütterten. 59 Marschflugkörper vom Typ Tomahawk zerstörten Flugzeuge, verbunkerte Hangars, Rollbahnen, Munitionslager, Radar- und Luftabwehrsysteme sowie Tankeinrichtungen. Abgefeuert hatten sie die beiden amerikanischen Zerstörer USS Ross und USS Porter aus dem östlichen Mittelmeer. Sie trafen jenen Stützpunkt, von dem am Dienstagmorgen zwei Suchoi-Kampfjets der syrischen Luftwaffe aufgestiegen waren. Kurz vor sieben Uhr sollen sie über Khan Scheikhun gekreist sein.

Wenig später gab es die ersten Berichte über einen Angriff mit Chemiewaffen. Laut der türkischen Regierung hat die Autopsie von Opfern den Beleg erbracht, dass dort der Nervenkampfstoff Sarin eingesetzt wurde. Das Pentagon veröffentliche Radaraufnahmen vom Flugweg der beiden Jets. US-Geheimdienste sind mit "hoher Sicherheit" zu dem Schluss gelangt, dass diese beiden Jets die Chemiewaffen abgeworfen haben über dem Ort in der nordsyrischen Provinz Idlib; er wird von islamistischen Rebellen kontrolliert.

US-Präsident Donald Trump entschied sich, nicht abzuwarten

US-Präsident Donald Trump entschied sich, nicht abzuwarten, ob der UN-Sicherheitsrat sich auf eine unabhängige Untersuchung des Vorfalls einigen kann; Russland hatte sein Veto angedroht und deutlich gemacht, dass es eine Verurteilung seines Verbündeten Baschar al-Assad nicht zulassen werde. Das Verteidigungsministerium in Moskau wirft den Rebellen vor, selbst Chemiewaffen hergestellt zu haben. Diese seien freigesetzt worden, als die syrische Luftwaffe die Gebäude am Ortsrand von Khan Scheikhun bombardiert habe. Außerdem, so Kremlsprecher Dmitrij Peskow, habe Syrien unter internationaler Aufsicht seine Chemiewaffen vernichtet und könne damit nicht für den Angriff verantwortlich sein.

Tatsächlich hatte die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) im Januar 2016 gemeldet, dass die Vernichtung des deklarierten syrischen Arsenals von mehr als 1300 Tonnen abgeschlossen sei. Allerdings bezweifeln sowohl die OPWC selbst als auch westliche Geheimdienste, dass Präsident al-Assad seiner Pflicht nachgekommen ist, restlos alle Anlagen, Substanzen und Munitionsvorräte den Inspektoren zu melden. Diese haben in mehr als 120 Fällen Spuren von Chemiewaffen in Laboren nachgewiesen, die Syrien nicht als Teil des Programms gemeldet hatte, darunter Vorstoffe für die Nervenkampfstoffe Soman und VX.

Bis heute fehlt jede Spur von 2000 Bombenhüllen für C-Kampfstoffe

In einem ausführlichen Bericht schreibt OPCW-Chef Ahmet Üzümcü von einem beunruhigenden Muster unvollständiger und unzutreffender Angaben Syriens zu seinem Chemiewaffenprogramm. Amerikanische und europäische Geheimdienste hatten von Anfang an vermutet, dass Assad versucht, Kernelemente seines einst hochgeheimen Chemiewaffenprogramms zu verstecken und eine begrenzte Kapazität zur Herstellung solcher Waffen zu behalten. Im Fokus steht dabei das "Zentrum für wissenschaftliche Studien und Forschung" (SSRC), eine geheime Einrichtung des Verteidigungsministeriums mit Laboren im ganzen Land. Auch fehlt bis heute jede Spur von 2000 speziellen Bombenkörpern, die für den Einsatz von Chemiewaffen konstruiert worden waren.

Das Misstrauen der OPCW nahm weiter zu, weil die syrische Regierung widersprüchliche Erklärungen lieferte und nach eigenen Angaben die Dokumentationen zu ihrem Programm vernichtet hat. In seinem Bericht an den UN-Sicherheitsrat im Dezember 2016 schrieb Üzümcü, Syriens Deklaration über sein Chemiewaffenprogramm sei "unvollständig" und spiegele "nicht den vollen Umfang und die Natur meldepflichtiger Aktivitäten" wieder.

Parallelen zu einem Sarin-Angriff von 2013

Assad hatte sich 2013 verpflichtet, sein Chemiewaffenprogramm aufzugeben und der Chemiewaffenkonvention beizutreten. Er wendete damit einen unmittelbar bevorstehenden Angriff der USA auf seine Militäreinrichtungen ab. Vorangegangen war eine massive Attacke mit Sarin auf mehrere Vorstädte von Damaskus, bei der am 21. August 2013 mehr als 1400 Menschen getötet wurden.

Auch damals beschuldigte das Regime die Rebellen, hinter dem Angriff zu stehen, um eine Militärintervention der USA zu provozieren - hatte doch der damalige US-Präsident Barack Obama den Einsatz von Chemiewaffen als rote Linie bezeichnet. Erhärten konnte es diesen Vorwurf nicht. Ake Sellström, Chef der UN-Inspektoren, die den Angriff auf die Region Ghouta bei Damaskus untersuchten, sagte 2014 in einem Interview, er habe Syriens Regierung gefragt, wie Aufständische an Chemiewaffen gelangt sein könnten. Die habe aber nur "ziemlich ärmliche Theorien" geliefert, wie Schmuggel durch die Türkei oder Labore im Irak; auch habe sie bestritten, dass Rebellen Armeebestände erbeutet haben könnten. "Wenn sie wirklich die Opposition beschuldigen wollen, sollten sie eine gute Geschichte haben, wie diese an die Munition gekommen sein soll - und die haben sie nicht geliefert", sagte er.

Sarin wird kurz vor dem Einsatz aus zwei Komponenten gemischt

Sellströms Team hatte auf Verlangen Russlands nicht das Mandat, die Verantwortlichen für Angriffe zu nennen, die von den UN eingesetzte internationale Kommission zur Untersuchung von Menschenrechtsverletzungen in Syrien aber kam auf Grundlage des Berichts und eigener Nachforschungen zu dem Ergebnis, dass in Ghouta "signifikante Mengen Sarin in einem gut geplanten Angriff" eingesetzt worden seien. Die "vorliegenden Informationen bezüglich der Natur, Qualität und Menge der Kampfstoffe" zeigten, dass die "Verantwortlichen wahrscheinlich Zugang zum Chemiewaffen-Arsenal der syrischen Armee hatten" und über das Wissen und die Ausrüstung verfügt hätten, sicher große Mengen Chemiewaffen zu handhaben - ein Verweis darauf, dass Sarin in aller Regel erst kurz vor dem Einsatz aus zwei Komponenten zusammengemischt wird.

Während westliche Geheimdienste mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass Einheiten der Regierung für die Attacke verantwortlich waren, beharren Russland und die syrische Führung bis heute darauf, es habe sich um eine Provokation der Rebellen gehandelt - wie jetzt auch in Khan Scheikhun. Die Erklärungen dazu aus Moskau aber sind widersprüchlich: Am Mittwoch hieß es erst, die Rebellen dort hätten Kampfstoffe produziert, die in den Irak geliefert werden sollten - obwohl die Gruppen in Khan Scheikhun gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) kämpfen, die im Irak aktiv ist.

Am Donnerstag sollte das Gift umgekehrt von dort oder aus der Türkei gekommen sein. Der Guardian-Journalist Kareem Shaheen, dem es am Donnerstag gelungen war, nach Khan Scheikhun zu kommen, fand zwar die Spuren der Einschläge des Angriffs. Die bombardierten Gebäude, eine Lagerhalle und Getreidesilos, seien aber leer und dem Augenschein nach schon lange nicht mehr genutzt worden. Keine Spur von einem Chemiewaffen-Labor.

Russische Truppen können Marschflugkörper abwehren

US-Präsident Obama war Assads Abrüstungsversprechen damals nicht ungelegen gekommen: Er wolle vermeiden, dass die USA in einen weiteren Krieg im Nahen Osten hineingezogen werden. Sein Nachfolger Donald Trump hat sich davon nicht abschrecken lassen, sich aber für einen gezielten Schlag entschieden, der die Gefahr einer Eskalation mit Russland begrenzen soll - immerhin sind mehrere Hundert US-Soldaten in Nordsyrien unterwegs. Auf dem Stützpunkt al-Schairat waren russische Soldaten stationiert; das US-Militär warnte Moskau vor dem Angriff und attackierte nicht die Bereiche, die von den Russen genutzt werden.

US-Flugzeuge drangen nicht in den syrischen Luftraum ein, den Russland zu großen Teilen mit modernen Luftabwehrsystemen kontrolliert. Diese sind anders als die syrische Luftabwehr auch in der Lage, Marschflugkörper abzufangen. Russland hat Kampfjets in Syrien stationiert, dazu Kampfhubschrauber und Elite-Einheiten am Boden. Seine Truppen könnten durchaus zu einer Bedrohung für US-Soldaten in Syrien werden, sollte sich Putin für militärische Vergeltung entscheiden.

Allerdings dürften Trump und seine Generäle davon ausgegangen sein, dass die US-Präsenz in der Region ausreicht, Russland oder Syrien abzuschrecken. Im Persischen Golf kreuzt der Flugzeugträgerverband um die USS George H. W. Bush, zudem sind US-Kampfjets auf dem türkischen Nato-Stützpunkt Incirlik und in mehreren Golfstaaten stationiert - die die Amerikaner lange gedrängt haben, in Syrien zu intervenieren und ihre Bereitschaft erklärt haben, sich daran zu beteiligen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3456231
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 08.04.2017/ees
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.