Süddeutsche Zeitung

Bosnien-Herzegowina:Risse in der Staatenhülle

25 Jahre nach dem Abkommen von Dayton kann das so widersprüchliche Land nur mit Mühe zusammengehalten werden. Nationalismus und ethnische Ressentiments prägen das Leben, aber die junge Generation verströmt nun etwas Hoffnung.

Von Tobias Zick, München

Die tiefen Risse offenbaren sich schon, wenn man nur behutsam an der Fassade kratzt. Natürlich haben sich die drei Mitglieder der geteilten Präsidentschaft von Bosnien-Herzegowina auf eine gemeinsame Erklärung zum 25. Jahrestag des Dayton-Abkommens geeinigt, das bis heute das Fundament für ihr kompliziertes Staatsgebilde formt. Natürlich betonen sie darin das Selbstverständliche, nämlich ihre "volle Bereitschaft", die Vorgaben des Abkommens zu "respektieren". Pflichtschuldig bekennen sie sich zur "Wichtigkeit der Stärkung von Vertrauen, Frieden und gegenseitigem Respekt" aller Bürger im Land, und sie vergessen auch nicht zu beteuern, dass man jungen Menschen noch mehr Perspektiven bieten wolle, damit diese nicht wie bisher zu Hunderttausenden ins europäische Ausland auswandern.

Dabei hat in einer ersten Fassung durchaus Konkreteres gestanden, wurde aber herausgestrichen, weil man gewohnt diametral auseinander lag. Um welche Formulierungen es ging, wollte der Vorsitzende des dreiköpfigen Präsidiums, der bosnische Muslim Sefik Dzaferovic, nicht sagen, aber sein Co-Präsident, der Serbe Milorad Dodik, gab sich redseliger: Er habe die Passage zum Thema "Euro-atlantische Integration" nicht mit unterzeichnen wollen. Dodik hat nie einen Hehl daraus gemacht, wie sehr es ihn Richtung Moskau zieht.

Der Präsident der Serbenrepublik würde das Gebiet am liebsten an Serbien anschließen

An diesem Samstag ist es genau 25 Jahre her, dass sich die damaligen Präsidenten von Serbien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina auf einer Basis der US-Luftwaffe unter mehr als fürsorglichem Druck der Amerikaner auf jenen Vertrag einigten, der den Bosnien-Krieg beendete. Er legte zugleich die Strukturen fest, an denen das Staatsgebilde bis heute krankt. Das Dayton-Abkommen, benannt nach einem abgelegenen Ort im US-Bundesstaat Ohio, hat im Wesentlichen den damaligen Kriegszustand eingefroren; es hat die Triebkräfte des Konflikts, Nationalismus und ethnische Spaltung, zum Grundprinzip der Staatsstruktur gemacht.

Das einst ethnisch gemischte Land ist seither geteilt in die bosniakisch-kroatische "Föderation" im Westen und die "Republik Srpska", die Serbenrepublik im Osten, die auch Gebiete umfasst, die vor dem Krieg mehrheitlich von bosnischen Muslimen bewohnt waren. Das überwölbende Staatsgebilde ist eine fragile Hülle, zusammengehalten auch vom "Hohen Repräsentanten der Internationalen Gemeinschaft", der im Notfall immer noch Politiker entlassen und in die Gesetzgebung eingreifen könnte. Die Fliehkräfte sind zuletzt wieder stärker geworden; im Weltbild von Milorad Dodik etwa ist die Grenze zwischen der von ihm regierten Serbenrepublik und der Föderation nicht etwa eine Naht, entlang derer eine Wunde verheilen könnte, sondern eine Sollbruchstelle, an der sich der östliche Landesteil ablösen und dem benachbarten Serbien anschließen könnte.

Nun, da auch noch die Covid-Pandemie das Jubiläumsjahr im Griff hat, ist die Feierstimmung umso gedämpfter. Ein "Dayton 2", wie es viele Vertreter der internationalen Gemeinschaft anmahnen, eine gründliche Reform, die das Staatskonstrukt besser regierbar machen und die ethnischen Fliehkräfte zurückdrängen würde, erscheint kaum greifbar - zumal die internationalen Akteure, die einst den Frieden vermittelt haben, gerade andere Sorgen haben.

Ein junger ehemaliger Aktivist gewinnt die Bürgermeisterwahl gegen den Kandidaten der etablierten Nationalisten

Und doch: So lähmend die Umstände erscheinen - aus dem Inneren der Gesellschaft wachsen die Widerstände dagegen. Bei den Kommunalwahlen vergangene Woche haben die Bürger den Vertretern der als korrupt geltenden Nationalparteien schwere Dämpfer verpasst. In der Hauptstadt, im Wahlkreis Sarajevo-Zentrum, hat sich der Kandidat der progressiven Oppositionspartei "Nasa stranka" (Unsere Partei) gegen den Amtsinhaber von der nationalistisch-konservativen SDA durchgesetzt. Und in Banja Luka, der Hauptstadt der serbischen Teilrepublik, hat ein 27-jähriger früherer Aktivist gegen Korruption und Polizeigewalt die Wahl zum Bürgermeister gewonnen, gegen den Kandidaten von Dodiks nationalistischer Partei SNSD.

Zugleich sehen Optimisten auch außerhalb der Grenzen ihres unfertigen Staatsgebildes einen Hoffnungsschimmer: Der Wahlsieger um die US-Präsidentschaft, Joe Biden, hatte sich als Senator in den 1990er-Jahren massiv für ein Eingreifen in den Bosnien-Krieg und für die Verfolgung serbischer Kriegsverbrechen eingesetzt. Auch wenn die außenpolitischen Prioritäten von Bidens Präsidentschaft noch nicht feststehen: Konstruktiver als unter Donald Trump dürfte der Einfluss der USA auf dem Balkan allemal ausfallen.

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