Süddeutsche Zeitung

Autos:Nichts tanzt mehr

Der neue 5G-Mobil­funk­standard lässt die Autoantenne verschwinden. Zeit für einen Abschied.

Von David Pfeifer

Manchmal, wenn Dinge eher langsam aus dem Alltag schleichen, vermisst man sie erst, wenn sie schon fort sind. Die gelben Telefonzellen waren so etwas, marginalisiert und schließlich ausgelöscht vom Mobilfunk. Bei den Glühbirnen hat die EU geholfen. Und nun sind die Autoantennen dran, zumindest vermeldete die Auto Bild schon vor einigen Wochen den "Tod der Haifisch-Antenne". So bezeichnet man jene Sendeverstärkung, die wie ein umgedrehter Kiel aus dem Autodach moderner Fahrzeuge ragt. Sie mit einer Haifischflosse zu vergleichen, setzt einen sehr großen Hai mit drollig kleiner Rückenflosse als Vorlage voraus. Aber solche Bezeichnungen wählt nun mal der Volksmund, so gab es, die Älteren erinnern sich, auch schon Bumerang-Antennen und die überlange Peitschenantenne, die meist den ambitionierten CB-Funker auswies.

Überhaupt war die Antenne in eher ländlichen Regionen, in denen die Individualisierung des eigenen Fahrzeugs Mode war, der erste Schritt zu einer langen Reihe von optischen und technischen Verbesserungen. Die Verzierung durch einen Fuchsschwanz an der Spitze einer hoch in der Luft tanzenden Antenne war das Signal, dass das tiefergelegte Fahrzeug zwei Meter darunter eine Fahrerin, aber doch meistens einen Fahrer transportierte, der seinem Auto viel Freizeit widmete. Vergleichbar vielleicht mit den Signalwimpeln heutiger Liegeradfahrer, die ja auch gerne das Alltägliche zum Individuellen verkomplizieren.

Mittlerweile werden Autos in einem modularen System zusammengesetzt, das Do-it-yourself-Leistungsverbesserungen bis auf Chip-Tuning quasi ausschließt. Und die Antennen, die sind schon lange nicht mehr, was sie mal waren, nicht nur was ihre Signalwirkung angeht.

Dass selbst die kleinen Kiele auf den Dächern verschwinden, hat den simplen Grund, dass der 5G-Standard in der Mobilfunktechnik kommt. Der braucht zwar auch Antennen, aber die sind technisch so ausgefeilt und in verschiedene Sende- und Empfangszonen aufgeteilt, dass man sie gleich im Gerät, sprich: im Autodach verbaut. Bis 2022 soll der Standard flächendeckend eingeführt sein.

Und das führt zu einer ganz anderen, sehr unnostalgischen Gesellschaftsdiskussion, denn alle wollen schnelles, mobiles Internet, aber wer will die Strahlen in der Nähe haben? Aus der Frühzeit des Mobilfunks erinnert man sich an die Proteste gegen Antennenmasten, die lückenlosen Handyempfang sicherstellen sollten, vor allem aber Sorgen der Anwohner nährten, ihre Gehirne würden gegrillt.

Bis heute lässt sich Strahlenwirkung nicht belegen, aber auch nicht vollkommen ausschließen. Zweifelsfrei lässt sich nur eine sanfte Erwärmung eines länger telefonierenden Ohrs feststellen, die etwa vergleichbar ist mit dem Tragen einer Pudelmütze. Aber unsichtbare Strahlen machen Angst, nicht erst seit Tschernobyl.

Nun also lässt der 5G-Mobilfunk-Standard die alten Antennen verschwinden, aber die Strahlendichte steigen, denn es werden mehr Sender und Empfänger dafür gebraucht, auch wenn man sie nicht sieht. Da wünscht sich mancher Telefonzellen zurück.

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Quelle:
SZ vom 14.09.2019
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