Süddeutsche Zeitung

Attentäter:Vom Hass zerfressen - aber nicht krank

Die Attentäter von Jo Cox oder Henriette Reker werden leicht als verrückt abgetan. Doch zwischen krankhaftem Wahn und klarem Hass besteht ein wesentlicher Unterschied.

Kommentar von Annette Ramelsberger

Als die norwegische Justiz darüber entscheiden musste, ob die Ermordung von 77 jungen Menschen auf der Insel Utøya und in Oslo politisches Kalkül oder nur Wahnsinn war, da bot sie die besten Psychiater des Landes auf. Zwei Teams aus hoch angesehenen Ärzten erklärten vor Gericht, wie sie den Angeklagten Anders Breivik einschätzten: das erste Team hielt ihn für geistig gestört, das zweite für zurechnungsfähig. Am Ende entschied sich das Gericht gegen die These, die Morde seien die Tat eines Verrückten gewesen - und die Entwicklung gab dem Gericht recht. Breivik nutzt selbst im Gefängnis kühl kalkuliert seine geringen Spielräume für politische Botschaften. Von Wahnsinn keine Spur.

Die Frage, was krankhafter Wahn ist und was klarer Hass, das bewegt die Gerichte in ganz Europa. Vergangene Woche tötete ein Mann die englische Brexit-Gegnerin Jo Cox und rief dabei "Britain first", den Schlachtruf der britischen Rechtsradikalen. Nur weil dieser Mann mal psychische Probleme gehabt haben soll, sagt das noch nichts über seine Schuldfähigkeit: Selbst Menschen mit Persönlichkeitsstörungen können erkennen, dass man einen Menschen nicht töten darf, nur um eine politische Meinung kundzutun. Diese Leute haben nichts mit einem Kranken zu tun, der sich vom Teufel gehetzt sieht und deswegen das Messer zückt. Die Täter, die einst auf Wolfgang Schäuble und Oskar Lafontaine einstachen, waren wirklich verrückt.

Der Angreifer von Henriette Reker wusste ziemlich genau, was er tat

Die Menschen aber, die derzeit jegliche Hemmung verlieren, sind nicht von wahnhafter Natur. Am Mittwoch hatte der Mann, der die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker mit einem Rambo-Messer in den Hals stach, sein letztes Wort vor Gericht. Es waren - wie schon die Tage davor - Vorwürfe gegen Polizei und Justiz. Die Beweisaufnahme sei auf "stümperhaft manipulierten" Akten aufgebaut und er selbst ein politisch Verfolgter. Das passt zu seinem Weltbild, in dem er sich als "Rebell" sieht, der gegen ein "Terrorregime" kämpft. So hatte sich auch Breivik gesehen: als Ritter einer weißen Bruderschaft, die Europa vor Überfremdung rettet. Aber wie Breivik ist auch Rekers Angreifer voll schuldfähig. Diese Leute sind nicht so wahnsinnig, wie man es sich gern einreden würde, um den eigenen Schrecken in Grenzen zu halten.

Die Täter leben in ihren Hasswelten auch nicht allein. Viele Wütende zimmern sich ihr Weltbild aus Versatzstücken aus dem Internet zusammen, aus übler Nachrede, Lügen und vermeintlichen Verschwörungen. Sie bestärken sich darin, dass sie unterdrückt werden, von wem auch immer. Wenn sie dann zum Messer greifen, fühlen sie sich im Recht - wie der Angreifer von Henriette Reker. Doch auf diese Sicht dürfen sich weder Justiz noch Gesellschaft einlassen - sonst erkennen sie die Hasswelt der Täter auch noch als Maßstab für deren Taten an. Wer einen Politiker angreift, dem geht es nicht um Werte. So ein Attentäter setzt nur das Faustrecht ein für ein Gut, das ihm wichtiger ist als alles andere: für seine Meinung und sein Ego.

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SZ vom 23.06.2016/pamu
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