Süddeutsche Zeitung

Atomkatastrophe: Deutschland reagiert:Der GAU erreicht das Wohnzimmer

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Nach der Fukushima-Katastrophe verspricht die Kanzlerin, deutsche Atomkraftwerke überprüfen und gegebenenfalls abschalten zu lassen. Wenn das mehr als Wahltaktik sein soll, muss die Regierung schnell handeln.

Michael Bauchmüller

Probleme in Atomkraftwerken waren meist weit weg oder lange her - oder beides gleichzeitig. Sie waren Ergebnis des eigentlich völlig Unmöglichen; und je nach Sichtweise waren sie entweder Gegenstand übertriebener Panikmache oder unverantwortlicher Verharmlosung. Fukushima verändert das alles. Fukushima ist der GAU im Wohnzimmer, mit Gebäudeteilen, die auf dem Fernsehschirm in Zeitlupe durch die Luft fliegen. Mit "Livetickern" im Internet, die jede Neuigkeit, jede weitere Zuspitzung in Echtzeit in die Welt tragen. Was der 11.September 2001 für die Verletzlichkeit der westlichen Welt bedeutet, wird der 11. März 2011 für die Idee der "Beherrschbarkeit" der Atomkraft sein. Dieser Vorstellung fehlt nun jede Basis.

Der Fallout hat Deutschland schon erreicht. Er wertet alles um, was die schwarz-gelbe Koalition in der Energiepolitik auf die Beine gestellt hat. Ohne "Tabus" würden die deutschen Kernkraftwerke überprüft, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel nun in Aussicht gestellt, endlich müsse "ehrlich" über die Energieversorgung diskutiert werden. Für drei Monate wird sogar die Laufzeitverlängerung für die Atomkraftwerke ausgesetzt. Und damit ausgerechnet eines der wenigen Projekte, das diese Koalition bislang auf der Habenseite verbuchen konnte.

Deutlicher hat sich schon lange keine Regierung mehr von einem Projekt verabschiedet, für das sie erst wenige Monate zuvor gekämpft hatte. Die Lage nach diesem Moratorium, so hat die Kanzlerin angekündigt, werde nicht dieselbe sein wie davor. Das kann man nur hoffen.

Denn die Betriebsamkeit der Regierenden verschleiert den Grad jahrelanger Untätigkeit. Zum Beispiel, dass für das älteste Kernkraftwerk, Biblis A, seit 1991 schon eine umfängliche, höchstamtliche Liste nötiger Nachrüstungen vorliegt. Bis heute aber ist sie nicht abgearbeitet, und das ohne irgendwelche Konsequenzen für den Betreiber RWE. Oder dass der Bund die längeren Laufzeiten zwar mit einem Katalog nötiger Nachrüstungen verband, dabei aber ausgerechnet die ältesten Kernkraftwerke verschonte: Die Auflagen sind hinreichend gestreckt. Oder dass Notfälle in einigen deutschen Atomkraftwerken immer noch aus dem Innern der Anlage beherrscht werden müssen, gleichsam aus dem Herzen der Havarie. All das war hierzulande möglich, ungeachtet angeblich so hoher Sicherheitsstandards.

Wenn das Manöver der Bundesregierung mehr ist als nur Taktik, wenn es nicht allein dazu dienen soll, Zeit zu gewinnen vor schwierigen Landtagswahlen, dann dürfte dieses Land bald sieben Kernkraftwerke weniger haben. Es sind jene Kraftwerke, die schon ihrer Konstruktion wegen besonders störanfällig sind. Und die obendrein mit ihren dünnen Hüllen einem Terrorangriff aus der Luft nahezu schutzlos ausgesetzt wären. Die Katastrophe in Fukushima könnte damit für Deutschland exakt jene Konsequenzen haben, die Schwarz-Gelb noch im Herbst umgangen hatte. Damals fand sich der Schutz vor Terrorangriffen in Entwürfen für ein neues Atomgesetz, verschwand dann aber wieder. Dabei ist dieser Schutz das Mindeste, was eine Regierung für die Sicherheit von Atomanlagen tun kann. Er ist schon längst überfällig.

Nur völliger Verzicht bietet absoluten Schutz

Für die Koalition aber bricht nun eine Debatte von neuem an, die sie erst im Herbst unter Mühen beendet hatte. Wieder wird es darum gehen, wie eine Energieversorgung der Zukunft aussehen kann, vor allem aber: wie schnell sie sich erreichen lässt. Anders als damals aber werden die ökonomischen Interessen der Kernkraft-Betreiber diesmal weniger Gewicht haben. Die Sicherheit der Atomkraft könnte durch die japanische Katastrophe neue Bedeutung erlangen, selbst in Deutschland. Es ist jene Bedeutung, die sie schon lange verdient - Sicherheit könnte endlich schwerer wiegen als Rentabilität. In der Vergangenheit war es allzu oft andersherum.

Gleichzeitig wird die Koalition, die so gerne das Wort vom Einstieg in ein Zeitalter erneuerbarer Energien im Mund führt, damit endlich ernst machen müssen. Zu deutlich hatte sie sich zuletzt davon wieder distanziert - schließlich war die Laufzeit-Verlängerung erfolgreich unter Dach und Fach gebracht. All das, was die Kanzlerin schon zu erreichen geglaubt hatte, muss sie nun neu in Angriff nehmen. Es dürfte diesem Land mehr nützen als das eigenartige Energiekonzept aus dem vergangenen Herbst.

Fukushima, ganz gleich wie der Störfall ausgeht, verschiebt alle Maßstäbe. Schließlich fühlten sich auch die Betreiber der japanischen Atomkraftwerke auf alle Eventualitäten vorbereitet, nur eben auf diese Verkettung unglücklicher Ereignisse nicht. Was könnte die Verkettung in Europa, in Deutschland sein? Keiner weiß es; keiner will es jemals erfahren. Absoluten Schutz wird nur der völlige Verzicht auf die Atomkraft gewähren; wenigstens relativen Schutz nur eine Politik, die an der Sicherheit der Kraftwerke keine Abstriche mehr macht.

Drei Monate will die Bundesregierung die Atomkraftwerke nun prüfen. Wenn sie die deutschen Reaktoren wirklich gewissenhaft untersucht, wenn sie nicht nur eine unheilvolle Debatte aussitzen will, dann wird sie zwangsläufig zu dem Schluss kommen, die ältesten, anfälligsten Kernkraftwerke abzuschalten.

Sie werden Deutschland nicht fehlen.

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Quelle:
SZ vom 15.03.2011/jab
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