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Argentinien:Mann richtet Waffe auf Vizepräsidentin Kirchner

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Aus wenigen Zentimetern Entfernung zielt ein 35-Jähriger auf die wegen eines Korruptionsprozesses unter Druck stehende Politikerin. Es löst sich aber kein Schuss. Der Staatspräsident spricht von einem Mordanschlag.

Vor der Wohnung der argentinischen Vizepräsidentin Cristina Kirchner hat ein Mann in einer Menschenmenge eine Schusswaffe auf die Politikerin gerichtet und aus wenigen Zentimetern Entfernung abgedrückt. Dabei löste sich jedoch kein Schuss. Auf Videos des Vorfalls wirkt es, als sei die ehemalige Staatschefin nicht verletzt worden.

Nach einem Handgemenge wurde der Mann festgenommen. Er ist offenbar Brasilianer und lebt seit 1993 in Argentinien. Bei dem 35-Jährigen sei eine Pistole sichergestellt worden, sagte Innenminister Aníbal Fernández der Zeitung Clarín.

Argentiniens Staatschef Alberto Fernández hat den Vorfall inzwischen als Mordanschlag bezeichnet. Kurz nach 21 Uhr Ortszeit habe ein Mann ein Attentat auf das Leben der 69-Jährigen verübt, sagte Fernández am späten Donnerstagabend (Ortszeit) in einer Fernsehansprache an die Bevölkerung. "Cristina ist noch am Leben, weil die Waffe, die fünf Kugeln enthielt, aus einem technisch noch nicht bestätigten Grund nicht geschossen hat, obwohl abgedrückt wurde", sagte der Präsident. Es handele sich um den schwerwiegendsten Vorfall seit Argentiniens Rückkehr zur Demokratie 1983.

Cristina Kirchner steht für den linken Flügel der Regierungskoalition und hat zahlreiche Anhänger. Vor ihrer Wohnung im eleganten Stadtteil Recoleta in der Hauptstadt Buenos Aires spielen sich seit einigen Tagen chaotische Szenen ab. Zahlreiche Anhänger kampieren als Unterstützung für die in einem Korruptionsprozess massiv unter Druck stehende populäre Politikerin auf der Straße. Immer wieder gibt es gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei. Nachdem sich Nachbarn über die ständigen Kundgebungen beschwert hatten, errichteten die Sicherheitskräfte Straßensperren, die von Kirchners Gefolgsleuten wieder niedergerissen wurden.

In dem Korruptionsprozess gegen Kirchner hatte die Staatsanwaltschaft kürzlich zwölf Jahre Haft und eine lebenslange Sperre für öffentliche Ämter gefordert. Sie soll Anführerin einer kriminellen Vereinigung gewesen sein und den Staat um etwa eine Milliarde US-Dollar gebracht haben. Gemeinsam mit ihrem verstorbenen Ehemann, dem Ex-Präsidenten Néstor Kirchner, habe sie einem befreundeten Bauunternehmer ohne Ausschreibung eine ganze Reihe von öffentlichen Aufträgen beschafft, hieß es. Ein Teil der überhöhten Baukosten floss demnach später wieder an das Ehepaar Kirchner zurück. Die Vizepräsidentin weist die Vorwürfe zurück und wirft der Justiz vor, aus politischen Motiven gegen sie zu ermitteln.

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