Süddeutsche Zeitung

Nach den Anschlägen in Norwegen:Bahnhof in Oslo nach Bombenalarm wieder freigegeben

Entwarnung in Oslo: Der Inhalt eines herrenlosen Koffers ist harmlos, die norwegische Polizei hat die teilweise Sperrung des Hauptbahnhofs wieder aufgehoben. Auf dem Bauernhof des Attentäters hatte die Polizei zuvor ein Lager mit Sprengstoff entdeckt. Breivik soll inzwischen bereit sein, über angebliche Mittäter auszupacken - stellt dafür aber Bedingungen.

Der teilweise geräumte Bahnhof der norwegischen Hauptstadt Oslo ist nach der Durchsuchung eines verdächtigen Koffers wieder freigegeben. Das berichtete die Nachrichtenagentur NTB unter Berufung auf Polizeiangaben. Im Berufsverkehr am Bahnhof hatte ein Buspassagier einen herrenlosen Koffer entdeckt, worauf der Fahrer die Polizei alarmierte. Der Inhalt erwies sich als harmlos.

Der Vorfall zeigt, wie gespannt die Lage auch fünf Tage nach dem Doppelanschlag mit mindestens 76 Toten noch ist. Zuvor hatte die Polizei auf dem Hof des Attentäters Anders Behring Breivik, 170 Kilometer nordöstlich von Oslo, ein Lager mit Sprengstoff gefunden. Eine Sprecherin teilte mit, das Material wurde vor Ort "in einer kontrollierten Explosion" entschärft. Über den Umfang und die Art des Fundes machte sie keine Angaben.

Der 32-jährige Breivik hatte den Hof offenbar unter dem Vorwand angemietet, dort Gemüse anbauen zu wollen. Wie norwegische Medien weiter berichteten, nutzte er ihn jedoch als Versteck zum Bau von Bomben. Nach Angaben von Düngemittelvertreibern kaufte der Norweger seit Anfang Mai etwa sechs Tonnen Dünger ein.

Behring Breivik hatte seine Taten am Montag bei einer ersten Anhörung vor einem Gericht in Oslo zugegeben, sich aber als unschuldig bezeichnet, weil er sein Land vor dem Islam und dem Marxismus habe schützen wollen. Er sitzt für acht Wochen in Untersuchungshaft und soll möglicherweise wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt werden, was zu einer Haftstrafe von bis zu 30 Jahren führen könnte. Breivik stehe im Gefängnis unter "permanenter Beobachtung", sagte der Sprecher der Osloer Kripo, Pål Hjort Kraby im Fernsehsender TV2. Die norwegische Polizei hält einen Suizidversuch des inhaftierten Attentäters für möglich.

Der Sprecher der Polizei wollte nicht angeben, in welchem Gefängnis der Attentäter nach Verhängung von acht Wochen Untersuchungshaft am Montag gebracht worden ist. Der Haftrichter bestimmte dabei auch, dass Breivik die ersten vier Wochen in völliger Isolation zubringen muss. Ihm ist ausschließlich Kontakt mit seinem Anwalt Geir Lippestad und der Polizei erlaubt.

Hatte Breivik Helfer?

Breiviks Verteidiger Lippestad erklärte am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Oslo, er halte seinen Mandaten für unzurechnungsfähig: "Die ganze Sache deutet darauf hin, dass er geisteskrank ist." Breivik sei eine "sehr kalte Person": "Er hat kein Mitgefühl mit den Opfern gezeigt." Darüber hinaus habe sein Mandant angegeben, er sei Teil eines antiislamischen Netzwerks mit zwei weiteren Zellen "unserer Organisation" im Ausland. Offen ist auch, ob der 32-Jährige zu rechtsextremistischen Gruppen im Ausland Verbindungen unterhielt.

Für Aussagen über seine angeblichen Mittäter stellte er offenbar Forderungen an die Polizei. "Es waren verschiedene Forderungen. Einige dieser Forderungen konnten wir ganz unmöglich erfüllen", sagte Kraby am Dienstagabend der Online-Ausgabe der Zeitung Verdens Gang. Nach unbestätigten Medienangaben soll der geständige Attentäter unter anderem Zugang zu einem eigenen Computer mit dem von ihm verfassten, 1500 Seiten umfassenden Manifest sowie dem Online-Lexikon Wikipedia verlangt haben.

Weiter hieß es, dass Breivik sich nur von ausländischen Psychiatern auf seine Zurechnungsfähigkeit untersuchen lassen wolle. Polizeisprecher Kraby bestätigte dies nicht. Nach seinen Angaben stellte der Attentäter Forderungen zum Essen. Die Ermittler äußerten zudem Zweifel über die Darstellung Breiviks, er sei Teil eines Netzwerks.

"Er führt diesen Krieg und ist irgendwie stolz darauf"

Breiviks Anwalt berichtete, der Inhaftierte glaube, er befinde sich in einem Krieg. "Und wenn du in einem Krieg bist, kannst du Dinge wie diese machen", erläuterte er die Sicht seines Mandanten. Breivik meine, dass die Welt ihn erst in 60 Jahren verstehen werde. "Er führt diesen Krieg und ist irgendwie stolz darauf." Es sei offen, ob der 32-Jährige vor Gericht auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren werde. Das könnte schwierig sein, weil Breivik denke, er sei "der Einzige, der die Wahrheit verstehe", erklärte Lippestad.

Der 32-Jährige habe Drogen genommen, die ihn wach halten sollten, sagte Breiviks Anwalt. Seine Familie habe bislang kein Besuchsrecht beantragt. Breiviks Vater Jens, ein pensionierter Diplomat, der in Südfrankreich lebt und sich zunächst zurückgezogen hatte, hatte dem norwegischen Fernsehsender TV2 gesagt, sein Sohn hätte sich besser selbst getötet. Seine Exfrau, Breiviks ehemalige Stiefmutter, erklärte sich am Dienstag erstmals öffentlich.

Anders Behring Breivik "war ein ganz normaler Norweger, ein wohlerzogener Junge. Man kann das wirklich nicht verstehen", sagte Tove Øvermo der Nachrichtenagentur AP. "Ich habe keine Anzeichen dafür gesehen, dass er diese Person ist. Es ist wirklich ein Schock." Eine besondere Weltanschauung sei ihr bei Breivik nicht aufgefallen. Er habe über Politik "wie jede normale Person gesprochen, nicht mehr als das. Er hat niemals den Islam erwähnt oder den Hass, den er ihm entgegengebracht haben muss", sagte die Frau, die inzwischen von Breiviks Vater geschieden ist.

"Wir wollen uns Utøya zurückholen"

Trauerfeier am Ort des Massakers

Derweil ringt Norwegens Justiz mit dem richtigen Umgang mit dem Attentäter: Die Ermittler erwägen offenbar eine Strafverfolgung Breiviks wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Bislang sei dies aber nur "eine Möglichkeit", berichtete die Zeitung Aftenposten unter Berufung auf Staatsanwalt Christian Hatlo. Dies hätte Auswirkungen auf den Strafrahmen: Eine Verurteilung wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zieht in Norwegen eine Maximalstrafe von 30 Jahren Haft nach sich.

Die norwegische Polizei begann am Dienstagabend mit der Veröffentlichung der Namen von Opfern der beiden Anschläge. Zunächst wurden Namen, Alter und Heimatorte von vier Opfern bekannt gegeben. Dabei handelte es sich um drei Personen, die bei dem Bombenanschlag in Oslo getötet wurden, sowie eine Person, die auf der Insel Utøya zu Tode kam. Das Alter der Opfer liegt zwischen 23 und 61 Jahren.

Die sozialdemokratische Jugendorganisation Arbeidernes Ungdomsfylking (AUF) erklärte derweil, sie wolle die kleine Fjordinsel Utøya bei Oslo auch nach dem Massaker mit mindestens 68 Toten für ihre jährlichen Sommerlager nutzen. Der Vorsitzende der Jugendorganisation, Eskil Pedersen, sagte am Dienstag in Oslo: "In dieser Lage schicken wir eine klare Botschaft: Wir wollen uns Utøya zurückholen."

Trauerfeier am Ort des Massakers

Am Dienstagabend gedachten Tausende Menschen der Opfer von Utøya: Am Tyrifjord und nahe der Insel westlich von Norwegens Hauptstadt sprach die 16-jährige Helene Bøsei Olsen, deren Mutter am Freitag von dem Attentäter getötet worden war. Sie sagte nach Angaben des Fernsehsenders NRK: "Mama war Utøya, und Utøya war Mama. Ich vermisse sie so schrecklich."

Die 45-jährige Mutter hatte seit gut 20 Jahren in dem Sommerlager der sozialdemokratischen Parteijugend AUF gearbeitet, dessen Teilnehmer der Attentäter mit seinen zwei Schusswaffen angriff. Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg hatte Monica Bøsei bei einem Trauergottesdienst als eins der ihm gut bekannten Opfer genannt und gesagt: "Für viele von uns war sie Utøya."

Die Tochter überlebte das Massaker und sagte vor den Trauernden unter anderem: "Ich habe viele Bekannte verloren. Ich habe mehrere Freunde verloren. Und ich habe meine Mutter verloren." Sie sagte weiter: "Ich wünsche mir nicht, dass ihr den Terroristen hasst. Ich möchte, dass ihr denen, die ihr mögt, eure Liebe zeigt. Und dass ihr denen, die umgekommen sind, und ihren Angehörigen Wärme und gute Gedanken schickt."

Die Mutter war am Freitagnachmittag nach Medienangaben zusammen mit dem als Polizisten verkleideten Breivik auf einer Fähre nach Utøya gekommen. Dabei soll sie misstrauisch geworden sein und mit einem Wachmann für das Lager gesprochen haben. Breivik tötete daraufhin beide zu Beginn seines einstündigen Massakers.

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