Süddeutsche Zeitung

Amerikanische Superreiche:"Obama stellt das Weltbild des guten Millionärs in Frage"

Die Superreichen verdienen immer mehr, Amerikas Mittelschicht stagniert. Dennoch wehren sich die Multimillionäre vehement gegen höhere Steuern und vergleichen den "respektlosen" Obama mit Hitler und sich selbst mit "geprügelten Ehefrauen". Die Autorin Chrystia Freeland erklärt im Interview, wie die Superreichen ticken.

Von Matthias Kolb, New York

Chrystia Freeland arbeitet seit 20 Jahren als Finanzjournalistin. Die Kanadierin berichtete in den Neunzigern für die Financial Times aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion und ist nun bei Thomson Reuters für den Digitalbereich zuständig. Im Herbst hat die 44-Jährige das Buch "Plutokraten. Der Aufstieg der neuen, globalen Superreichen und der Absturz von allen Anderen" veröffentlicht (Penguin, 27,95 Dollar). Auf der Basis von Interviews mit Multimillionären aus aller Welt schildert sie, welche Hintergründe und Folgen die wachsende soziale Ungleichheit hat. In einer Plutokratie wird Herrschaft durch Vermögen legitimiert.

SZ.de: Im US-Wahlkampf war zu spüren, wie verhasst Barack Obama vielen Multimillionären ist. Sie haben mit vielen Reichen gesprochen: Woher kommt diese Verachtung?

Chrystia Freeland: Die Feindseligkeit hat mich total umgehauen. Ich habe oft von den Plutokraten gehört, dass sie sich von Obamas Sprache angegriffen fühlen: Er rufe zum Klassenkampf auf. Dabei ist es den Superreichen in Obamas erster Amtszeit sehr gut ergangen. Das 2009 verabschiedete Paket zur Ankurbelung der Wirtschaft hat vor allem dem obersten Prozent genutzt: 93 Prozent des Wirtschaftswachstums kam dieser Gruppe zugute.

Obama fordert von Millionären, ihren "fairen Anteil" zu bezahlen - und die Reichen sehen darin Klassenkampf?

Amerikanische Millionäre interpretieren das so. Ein Hedgefonds-Manager, der Obama 2008 unterstützte, hat vor zwei Jahren eine E-Mail an Freunde verschickt. Darin spricht er von "verprügelten Ehefrauen". Der Prügler, das ist der US-Präsident und die Opfer sind die Hedgefonds-Manager. Ich kann mir kaum jemanden vorstellen, der privilegierter in der heutigen Welt ist als ein Investor - und der setzt sich mit einer unterdrückten Frau gleich.

Sind diese Vorbehalte typisch für die Wall Street?

Keineswegs. Im Silicon Valley hat mir ein erfolgreicher Investor vor laufender Kamera gesagt: "Wer heute in Amerika reich ist, gehört einer bedrohten Minderheit an. Wir werden ähnlich schlecht behandelt wie es bei manchen ethnischen Minderheiten der Fall war. Der Präsident sollte sich dafür schämen, weil gerade er doch wissen müsste, wie sich das anfühlt." Auch Hitler-Vergleiche sind üblich: Steve Schwartzman, der Gründer von Blackstone, hat die Idee, den Steuersatz für Kapitalgewinne von aktuell 15 Prozent, zu erhöhen mit dem Angriff der Wehrmacht auf Polen verglichen.

Sind solche Aussagen reine Provokation oder fühlen sich diese Herren wirklich angegriffen?

Ich glaube, dass diese Gefühle echt sind. Ich habe lange über dieses Phänomen nachgedacht und kann es nur mit der Entwicklung des US-Kapitalismus erklären. Seit der Präsidentschaft von Ronald Reagan setzt Amerika Wohlstand mit Tugend gleich. Viel Geld zu verdienen wurde in den vergangenen 30 Jahren als Dienst an der Gesellschaft angesehen. Dass jemand ein Vermögen angehäuft hat, macht ihn zu einer guten Person. Die Rhetorik war 2012 oft zu hören ...

... die "job creators" wurden bei jedem Wahlkampfauftritt der Republikaner gefeiert.

Exakt. Diese Position ist äußerst angenehm, denn so muss sich kein Investor die Frage stellen, ob sein Schaffen sinnhaft ist oder nur virtuelles Geld transferiert wird. Die Reaktion auf Obama fällt deswegen so heftig aus, weil er diese Weltsicht in Frage stellt. Der Präsident sagt: Diese Art von Wirtschaft schadet der Mittelklasse. Obama fragt öffentlich, inwieweit die Plutokraten wirklich anständige Menschen sind.

"Die Reichen nabeln sich von der Mittelschicht ab"

Manche Multimillionäre sind stolz darauf, dass sie für soziale oder kulturelle Zwecke spenden.

Dieses Konzept der "Selbst-Besteuerung" hat mir Foster Friess erläutert - jener Mann, der den Wahlkampf des ultrakonservativen Rick Santorum quasi allein finanziert hat. Als ich ihn gefragt habe, ob die Reichen höhere Steuern zahlen sollten, sagte er: "Sie verstehen nicht, wie wir uns selbst besteuern." Es sei viel befriedigender, selbst zu entscheiden, welche Projekte man mit Spenden unterstütze. Das klingt toll: Ich würde auch gern bestimmen, dass etwa all meine Abgaben Kindergärten zugute kommen. Aber dieses Konzept birgt riesige Probleme: Ich fürchte, dass nicht allzu viele freiwillig Geld zahlen würden, um das Abwassersystem zu erhalten. Und Demokratie bedeutet theoretisch doch, dass der Staat Steuern erhebt und wir Bürger entscheiden, wofür wir das Geld ausgeben.

Friess sieht das anders. Warum?

Er ist überzeugt, dass Reiche bessere Menschen sind. Friess hat mir direkt aufs Band gesagt: Bill Gates hat viele Arbeitsplätze geschaffen, arme Leute haben keinen einzigen Job geschaffen. Er findet, dass wir Leute wie Gates oder Steve Jobs verehren sollten. Ginge es nach ihm, sollte die Regierung Geld an Leute wie Gates und Jobs zahlen anstatt etwas von ihnen zu fordern.

Solidarität mit den Mitbürgern scheint unter Amerikas Plutokraten nicht weit verbreitet zu sein.

Die Meinung von Friess ist extrem, aber die Einstellung von liberalen Multimillionären ist nicht viel anders. Dies liegt an der Globalisierung. Wegen ihrer Berufe sind die neuen Superreichen auf der ganzen Welt unterwegs: Sie haben weniger mit ihren Landsleuten gemein als mit den Mitgliedern dieser transnationalen Elite, die zwar aus anderen Ländern stammen, aber die gleichen Internate in England und die gleichen Hochschulen in Amerika besucht haben. Heute essen sie in den gleichen Restaurants und schlafen in den gleichen Hotels. Sie nabeln sich von der Mittelschicht ihres Heimatlands ab - wirtschaftlich, sozial, emotional und auch kulturell.

Ihrem Buch zufolge sind die meisten Plutokraten working rich: Sie haben ihre Millionen nicht geerbt, sondern selbst erarbeitet. Eigentlich müssten sie die Probleme der Mittelklasse kennen, deren Löhne seit Mitte der neunziger Jahre stagnieren.

Ich hatte auch gedacht, dass die Superreichen ihre Herkunft nicht vergessen würden. Doch sie denken: Jeder, der sich anstrengt, kann so reich werden wie ich - wenn sich der Staat raus hält.

Hatten Sie nach der Präsidentschaftswahl auch Kontakt mit den Multimillionären, die Mitt Romney unterstützt hatten?

An der Wall Street kursiert ein Witz, dass die Investition in Romney für die Banker die schlechteste Wette seit den subprime-Krediten war. Sie haben viel investiert und wenig bekommen. Mich hat aber das Ausmaß der Verwunderung erstaunt. Sie waren so sicher, dass Romney gewinnen oder es ganz knapp werden würde. Die Plutokraten glaubten, dass sie nicht nur mehr Geld zur Verfügung hatten, sondern auch die effizientere Strategie. Sie sind ja die Management-Experten, die ihre Entscheidungen auf Daten stützen. Und dann hat sie Obama, dieser community organizer, eindeutig ausgestochen. Sie waren entgeistert, als sie in ihren Privatjets vom Bostoner Logan Airport wieder nach Hause flogen.

Akzeptieren die Superreichen die Botschaft der Niederlage - dass Steuersenkungen als Problemlösung nicht ausreichen?

Es gibt etwas, was viele auf Linke in den USA nicht verstehen: Die Superreichen sind überzeugt, dass sie für das wahre Amerika kämpfen. Sie sehen sich nicht als böse Egoisten - es geht um das Beste für das Land und deswegen werden sie sich weiter engagieren. Diese Haltung kam in Romneys Aussage nach der Wahl klar heraus: Er habe verloren, weil Obama Geschenke an seine Klientel verteilt habe, während es ihm uns große Ganze ging.

Dabei ließe sich Romneys Ankündigung, die Finanzmarktregulierung zu lockern und die Steuern zu senken, auch als Geschenke an seine reichen Förderer ansehen.

So ließe sich argumentieren, aber die Plutokraten werden immer sagen, dass niedrige Steuern und Deregulierung dem Land gut tun und es ihnen nicht um den eigenen Vorteil geht. Nicht jeder vertritt diese These so offensiv wie Edward Conard, der Ex-Chef von Bain Capital, der Bücher schreibt und es genießt, mit TV-Moderator Jon Stewart in dessen "Daily Show" über Risiko, Investitionen und Verantwortung zu diskutieren. Doch die große Mehrheit denkt so.

Die soziale Ungleichheit in Amerika ist mittlerweile in den USA genauso groß wie in China. Der Gini-Koeffizient, der wichtigste Gradmesser, gleicht dem eines Entwicklungslandes. Immer mehr Experten sorgen sich um die Stabilität der amerikanischen Gesellschaft.

Es gibt hier zwei verschiedene Argumentationslinien. Es gibt immer wissenschaftliche Literatur, in der argumentiert wird, dass zu hohe Ungleichheit gepaart mit einer Aushöhlung der Mittelklasse zu makroökonomischer Instabilität führe. Wachstum sei gefährdet, weil die Normalbürger nicht mehr genug konsumieren können. Das zweite Szenario geht davon aus, dass es in der Demokratie zu sozialen Spannungen kommt.

Denken Sie, dass es in naher Zukunft zu Protesten kommt?

Langsam scheint das Tabu, in Amerika über Klasse zu sprechen, etwas aufzuweichen. Allerdings wird häufig nicht über Strukturen diskutiert - also inwieweit der Reichtum des obersten Zehntel des obersten Prozents mit der Stagnation der Mittelschicht zu tun hat. Aber ich glaube, dass die US-Gesellschaft ziemlich weit von großen Protesten wie 1968 entfernt ist. Wir können es nicht mit den furchtbaren Bedingungen der industriellen Revolution vergleichen. Auch wenn es nicht mehr nach oben geht, haben heute viele Amerikaner ein beträchtliches Wohlstandsniveau mit beheizten Wohnungen, Fernsehern und Reisen erreicht. Die meisten fühlen sich noch immer ziemlich wohl.

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