Süddeutsche Zeitung

Gedenken in Polen:Wie mit Geschichte Politik gemacht wird

Steinmeier bittet am Jahrestag des Überfalls auf Polen zurecht erneut um Vergebung. Denn der Zweite Weltkrieg ist noch nicht Geschichte - auch wenn manche Kreise ein aggressives Vergessen pflegen.

Es heißt, dass ein Ereignis dann Geschichte wird, wenn es keine Dabeigewesenen mehr gibt, die noch aus eigener Erinnerung über das Geschehene zu erzählen wissen. In diesem Sinne ist der Zweite Weltkrieg noch nicht Geschichte, auch wenn in Deutschland und anderswo die Mehrheit der Menschen keine Erinnerungen mehr an die blutige erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hat.

Die Gedenkfeiern in Polen am Sonntag haben gezeigt, dass dieser von den Deutschen angezettelte Krieg so schnell nicht Geschichte werden wird. Polen war ein Hauptziel des expansiven Rassenwahns der NS-Regierung und ihrer uniformierten Exekutoren. Es sollte als Staat zerstört und als Kolonie versklavt werden; Millionen Juden, Gebildete, Widerständler und andere Menschen aus Polen wurden bis 1945 von Deutschen umgebracht. Bundespräsident Steinmeier hat gut daran getan, am Sonntag dafür wiederum um Vergebung zu bitten.

Es ist bitter, dass ausgerechnet am Jahrestag des Überfalls bei Landtagswahlen in zwei Bundesländern eine Partei stark wird, deren Spitzenfunktionäre die deutsche Terror-Diktatur für einen Vogelschiss in der Geschichte halten oder mit nationalistischer Arroganz vom "Schuldkomplex" schwadronieren. Dieses Muster des aggressiven Vergessens ist leider bekannt. Man pflegte es in der alten Bundesrepublik mit mythenbeladener Leidenschaft (die "saubere" Wehrmacht; das Abschieben auf "die" Nazis). In der DDR vertrat man den bequemen Standpunkt, dass es die Anderen waren, die dann alle in Westdeutschland lebten und Politik machten. Sowohl in der DDR als auch in der BRD gab es übrigens in weiten Kreisen ein Bild von "den" Polen, das immer noch auf dem Rassismus der NS-Zeit sowie der preußischen Arroganz in den Jahrhunderten davor fußte. Manches davon findet man auch heute noch.

Besonders in Berlin spürt man, dass der neue Nationalismus in Europa an Boden gewinnt

Nein, das alles wird nicht so schnell Geschichte. Dazu trägt bei, dass in etlichen Ländern Europas die heutige Rolle Deutschlands auf dem Kontinent immer auch in einer historischen Dimension gesehen wird. In Polen, aber auch in Griechenland oder Frankreich tun sich viele Leute schwer damit, dass Deutschland de facto wieder Führungsnation in Europa ist. Wenn Berlin die Auffassung vertritt, und das gerne mit erhobenem Zeigefinger, dass Menschen nicht mit 60 in Rente gehen sollten, oder eine angemessene Verteilung von Flüchtlingen fordert, dann stößt das bei vielen Italienern oder Tschechen auf eine andere Wahrnehmung, als wenn dies etwa Paris tut. Es kommt nicht von ungefähr, dass der Chaos-Populist Salvini mutmaßt, eine neue Regierung in Rom wolle Italien an Angela Merkel verkaufen. Populisten leben davon, verbreitete Urteile und Vorurteile zu bedienen.

Gerade weil Nationalbewusstsein, aber leider auch Nationalismus in Europa wieder an Boden gewinnen, wird auch in Zukunft mit Geschichte Politik gemacht werden. Für die Bundesrepublik bleibt das Verhalten zwischen gebotenem Gedenken und neuerlichen Reparationsforderungen deswegen schwierig. Die Reisen des Bundespräsidenten an Orte deutscher Gräueltaten sind wichtig und richtig. Mit Ausnahme der Schweiz hat Deutschland von 1938 an nun einmal alle direkten sowie etliche indirekte Nachbarn angegriffen. Die Erwartung, dies dürfe heute im gegenseitigen Verhältnis keine Rolle mehr spielen, können wohl nur die Nachfahren der Angreifer hegen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4583671
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 02.09.2019/saul
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.