Süddeutsche Zeitung

20 Jahre nach dem Massaker von Srebrenica:Ein Leben in Massengräbern

Die forensische Anthropologin Ewa Klonowski identifiziert seit 19 Jahren Opfer aus dem Bosnien-Krieg. Im Interview mit der SZ spricht sie darüber, was sie antreibt.

Frau Klonowski, wie erinnern Sie sich an die Tage des Srebrenica-Massakers im Juli 1995?

Ich kann mich sehr gut daran erinnern, selbst wenn ich damals nicht viel von dem wusste, was sich dort abspielte. Es ist wie in Syrien heute. Man kann in den Nachrichten sehen, dass dort furchtbare Dinge passieren, aber man bekommt nur ein bruchstückhaftes Bild davon. Im Juni 1995 hörte ich, dass die Verteidiger von Srebrenica versuchten, den Belagerungsring zu sprengen. Mir war nicht klar, dass die Lage bereits hoffnungslos war. Kurz darauf begannen die Massaker. Die westlichen Regierungen müssen es gewusst haben, man konnte damals auf Satellitenbildern sehen, wie die Menschen auf Lastwagen zu den Hinrichtungsorten gebracht wurden. Man konnte auch die bereits ausgehobenen Massengräber sehen.

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20 Jahre nach dem Völkermord gibt es immer noch unidentifizierte Opfer. Warum dauert das so lange?

Es gab ja noch viele andere Massaker außer dem Genozid in Srebrenica. Insgesamt wurden 70 Massengräber in Bosnien entdeckt. Darunter primäre, sekundäre und sogar tertiäre Gräber. Das bedeutet, die Serben haben viele Opfer nachträglich exhumiert und an anderer Stelle wieder begraben, um die Spuren zu verwischen. Das geschah mithilfe von Baggern und anderen Maschinen. Viele Körper wurden dabei in Stücke gerissen. Manchmal haben wir nur einen einzigen Knochen, der einer bestimmten Person zugewiesen werden kann. Die bosnische Regierung war anfangs noch nicht in der Lage, die Leichen zu identifizieren und DNS-Analyse gibt es erst seit 2002.

Sie haben diese Arbeit zu Ihrer Lebensaufgabe gemacht, wie kam es dazu?

Ich war damals am gerichtsmedizinischen Institut in Reykjakvik beschäftigt. Im Juli 1996 bekam ich einen Anruf der Organisation "Ärzte für Menschenrechte", die für das Internationale Tribunal Massengräber untersuchte. Im August begann ich mit meiner Arbeit in Bosnien. Es ging damals nur darum, Beweismittel für die Prozesse zu sichern. Aber ich beschloss, dass es mindestens genau so wichtig ist, den Opfern ihre Identität wiederzugeben, und wechselte zu einer bosnischen Organisation.

Warum ist das so wichtig?

Die Antwort darauf ist sehr einfach. Wenn einer Ihrer Familienangehörigen stirbt, begraben Sie ihn. Sie haben einen Ort, zu dem Sie gehen können, um zu trauern und zu beten. Das ist sehr wichtig. Jemanden zu vermissen, ist ein Schreckensszenario. Sie fragen sich: Kann es sein, dass er noch lebt? Wie ist er gestorben? - Nichts zu wissen, ist das Schlimmste. Viele Angehörige sagten mir: "Ich wäre froh, einen einzigen Knochen zu haben." Wenn sie einen haben, wollen sie wissen, wo der Rest ist. Aber die Mehrheit der Familien hatte nur eine Handvoll Knochen zu bestatten.

Was ist mit dem Rest geschehen?

Es gibt immer noch Gräber, die nicht entdeckt wurden. Von den 30 000 bis 32 000 Menschen, die nach dem Krieg in ganz Bosnien vermisst wurden, konnten 23 000 identifiziert werden. Das bedeutet, von bis zu 9000 Vermissten gibt es bis heute keine Spur. Ihre Familien haben nicht die geringste Ahnung, was mit ihnen geschehen ist. Einige wurden vielleicht in Flüsse geworfen oder verbrannt. Die Einzigen, die wissen was geschehen ist, sind die Täter, und die werden es niemals preisgeben. Gut möglich, dass in der Zukunft bei Bauarbeiten weitere Gräber entdeckt werden.

Haben Sie jemals mit einem Täter gesprochen?

Wahrscheinlich ja, ohne es zu wissen. Die Menschen in Bosnien wissen für gewöhnlich, wer in ihrem Dorf oder in ihrer Nachbarschaft an den Massakern beteiligt war. Man braucht nicht viele Täter, um 1000 Menschen zu töten. Aber man braucht viele, um die Opfer an den Hinrichtungsort zu schaffen und die Gräber auszuheben. Auch die Menschen, die entlang des Weges leben, bekommen mit, was vor sich geht. Aber sie schweigen. Ich kenne Leute, die eingeschüchtert wurden. Sie fürchten um ihr Leben. Deswegen werden sie die Täter nicht verraten, selbst wenn sie mit dem Mörder ihrer Verwandten Tür an Tür leben müssen.

Deprimiert es Sie nicht, ständig mit den stummen Zeugen dieser Gräueltaten konfrontiert zu sein?

Das ist mein Job. Mit Knochen zu arbeiten, stört mich überhaupt nicht. Ich betrachte diese Menschen auf eine Art als immer noch lebendig. Es würde mich viel mehr deprimieren, mit frischen Leichen zu arbeiten. Die Vorstellung, den Körper eines missbrauchten Kindes untersuchen zu müssen, erscheint mir unerträglich. Während meiner Arbeit konzentriere ich mich darauf, alle Knochen zu finden, die zu ein- und demselben Körper gehören. Hätte ich um jedes einzelne Opfer getrauert, ich wäre nicht weit gekommen. Viel schwieriger ist es, wenn es darum geht, Angehörige zur Identifizierung zu treffen.

Was erleben Sie da?

Es gibt da herzzerreißende Situationen. Ich erinnere mich an eine Frau, die beim Durchsehen von Gegenständen aus einem Massengrab zu schluchzen begann. Sie presste etwas an ihre Brust und wollte es nicht mehr loslassen. Erst als sie im Krankenhaus ein Beruhigungsmittel erhalten hatte, erkannte man, dass es ein Schuh war. Er hatte ihrem Sohn gehört. Sie hatte ihn an einem Flicken erkannt, den sie selbst dort angebracht hatte.

Eine andere Frau hatten wir eingeladen, um den Unterkieferknochen eines ihrer Söhne zu identifizieren. Wir wussten, dass er zu einem der beiden gehörte, aber nicht zu welchem. Die DNS-Analyse kann den Beweis erbringen, dass die Überreste eines Menschen zum Kind eines anderen Menschen gehören. Aber zu welchem sie gehören, kann sie nicht beantworten. Sie fragte mich, ob sie den Knochen berühren dürfte. Als ich ihn ihr in die Hand legte, begann sie ihn zu küssen. Meine Kollegen waren entsetzt. Ich konnte die Frau verstehen. Für sie war das kein Knochen, sondern ihr Kind. Es wäre grausam gewesen, ihr das zu verbieten.

Welche Fragen stellen Ihnen diese Menschen?

Sie wollen oft wissen, ob ihre Angehörigen gelitten haben. Es klingt merkwürdig, aber man hat sehr viel Glück, wenn man einen Knochen mit einem Einschussloch findet und sagen kann, dieser Mensch ist wohl sofort gestorben. Viele der Opfer haben einen Kopfschuss erhalten. Aber manchmal haben wir selbst vollständige Skelette gefunden, denen kein Zeichen von Gewalteinwirkung anzusehen war. Gelegentlich war leider auch klar, dass die Opfer stark gelitten hatten. In einem Fall wurde eine Leiche mit nur leichten Verletzungen abseits der anderen gefunden. Ein Grund anzunehmen, dass der Mann nicht nur die Erschießungen überlebt hatte, sondern auch den Sturz in die Höhle, in die die Körper anschließend geworfen wurden. Er konnte sich aber nicht mehr daraus befreien.

Haben Sie in den vergangenen Jahren jemals darüber nachgedacht, Ihren Job an den Nagel zu hängen und sich mit angenehmeren Dingen zu beschäftigen?

Nein. Wissen Sie, ich bin eine einfache Totengräberin. Ich möchte einfach nur helfen. Ich habe kein Eigenheim, nicht mal ein eigenes Auto. Ich schaffe es gerade mal, meine Miete zu bezahlen. Ich will meine Hingabe zeigen und meine Professionalität. Viele Menschen haben offenbar nicht die Kraft, sich über einen längeren Zeitraum mit Gräueltaten zu beschäftigen. Ich habe eine Bekannte, die nicht will, dass ich mit ihr über meine Arbeit spreche. Sie hält es einfach nicht aus. Ich dagegen kann nicht aufhören, darüber nachzudenken, was in Syrien, im Irak oder der Ukraine geschieht. Wenn wir wegschauen, lassen wir zu, dass diese Dinge geschehen.

Wann ist Ihre Mission erfüllt?

Wenn es nichts mehr zu tun gibt. In Bosnien sind zum Beispiel alle Ausgrabungen abgeschlossen. Alles was wir tun, ist Opfer zu identifizieren. Aber irgendwann wird auch das zu Ende sein.

Könnten Sie sich vorstellen, Ihre Arbeit in Syrien oder dem Irak fortzusetzen?

Ich weiß es nicht. Niemand weiß, wann der Krieg dort zu Ende sein wird. Vielleicht lebe ich gar nicht mehr so lange. Dann werde ich in mein eigenes Grab gehen. Ich würde aber, um ehrlich zu sein, lieber eingeäschert werden. Ich möchte, dass meine Familie einen Ort hat, um eine Kerze aufzustellen. Aber ich will nicht, dass irgendjemand in der Zukunft meine Knochen ausgräbt und sich wundert, woher sie stammen.

Die forensische Anthropologin Dr. Ewa Klonowski wurde 1946 in Polen geboren. Als sie und ihr Mann 1981 während eines Skiurlaubs in Österreich von der Ausrufung des Kriegsrechts in ihre Heimat erfuhren, entschieden sie, nicht mehr zurückzukehren. Sie fanden Zuflucht und Arbeit auf Island. Seit 1996 lebt Ewa Klonowski einen Großteil des Jahres in Bosnien. Oft verbrachte ihr Mann seinen Urlaub bei ihr an den Massengräbern. Die Mutter von zwei Töchtern spricht fließend Serbokroatisch. Dass ihr Großvater während des zweiten Weltkriegs in Katyn ermordet wurde, hat ihre Berufswahl höchstens unterbewusst beeinflusst, sagt sie. 2005 war Ewa Klonowski auf einer Liste von 1000 Frauen, die für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurden.

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