Süddeutsche Zeitung

Weinstein-Prozess:Das erste Kräftemessen

  • Im Vergewaltigungsprozess gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein ging es in den vergangenen zwei Wochen um die Auswahl von zwölf unbefangenen Jurorinnen und Juroren.
  • 120 potenzielle Kandidaten wurden seit Prozessstart täglich durch die Strafkammer des New York State Supreme Courts geschleust.
  • Das Supermodel Gigi Hadid war zunächst auch in der Auswahl, schaffte es am Ende aber nicht ins Gremium - bei der Begründung waren sich Staatsanwaltschaft und Verteidigung einig.

Vor dem Zufall sind alle gleich. Das Los kann jeden treffen, und so stand da in der Warteschlange der möglichen Kandidaten für die Jury im Vergewaltigungsprozess gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein plötzlich das Model Gigi Hadid, in Jeans, weißem T-Shirt und einem übergroßen Nadel­streifen-Jackett. Die 24-Jährige, der auf Instagram mehr als 51 Millionen Menschen folgen, war zur sogenannten Jury Duty einbestellt worden, so wie etwa 2000 andere New Yorker Bürgerinnen und Bürger auch.

2000 Jury-Kandidaten, das sind fünfmal so viele wie in regulären Prozessen. Dem Gericht unter Vorsitz von James Burke war wohl klar, wie schwierig die Auswahl von zwölf unbefangenen Juroren plus mehreren Ersatzpersonen werden würde in diesem Fall. Mit Ausnahme des Auftritts von Gigi Hadid war Phase eins der Jury-Auswahl im Fall des ehemaligen "Königs von Hollywood" ebenso wenig glamourös wie in anderen US-amerikanischen Strafprozessen auch. 120 potenzielle Juroren wurden seit Prozessstart vor knapp zwei Wochen durch Saal 99 der Strafkammer des New York State Supreme Court geschleust. Jeden Tag.

Der Richter belehrte die potenziellen Juroren über die Wichtigkeit ihrer Aufgabe, fragte sie, ob sie sich befangen fühlten, und schickte jene, die das verneint hatten, mit einem Fragebogen erst mal wieder nach Hause. Bei der Befragung gab Hadid an, sowohl den Angeklagten als auch eines seiner mutmaßlichen Opfer zu kennen, die Schauspielerin Salma Hayek - sie fühle sich aber dennoch in der Lage, die Fakten "unvoreingenommen zu beurteilen". Das Model war damit vorerst eine Runde weiter. Oft konnten es potenzielle Juroren allerdings gar nicht erwarten, kundzutun, dass sie sich außerstande sähen, fair and unbefangen über Weinstein zu urteilen.

Mitunter dürfte das der Versuch gewesen sein, möglichst schnell von einer lästigen Bürgerpflicht entbunden zu werden. Alle paar Jahre werden volljährige Amerikanerinnen und Amerikaner als Laienrichter vorgeladen, eine eher unbeliebte Aufgabe, denn meistens drohen trotz finanzieller Entschädigung Einkommenseinbußen. Um potenzielle Juroren nicht einzuschüchtern, ließ der Richter für die Dauer des Auswahlprozesses nur eine Handvoll Journalisten im Gerichtssaal zu. Bereits am ersten Prozesstag war die Verteidigung zudem mit einem Antrag abgeblitzt, die in Phase eins vorausgewählten Juroren in einem nächsten Schritt von gleich drei Anwälten befragen zu lassen. Ihm sei daran gelegen, potenzielle Jury-Mitglieder nicht mehr als nötig abzuschrecken, so Burke.

Der Antrag ließ bereits erahnen: Phase zwei, fachsprachlich voir dire genannt, würde ein erstes Kräftemessen zwischen Weinsteins Verteidigerteam um Donna Rotunno und der Staatsanwaltschaft unter Leitung von Joan Illuzzi werden. Und tatsächlich nutzten beide Seiten die Befragungen bereits taktisch.

Ob irgendjemand etwas Positives über Weinstein gelesen habe, fragte Rotunno zum Beispiel in Anspielung auf die mediale Berichterstattung über ihren Mandanten. Und ließ notieren, dass keines der möglichen Jury-Mitglieder die Hand gehoben habe. Staatsanwältin Illuzzi wiederum wollte wissen, ob Weinsteins Aussehen im Gerichtssaal den Eindruck erwecke, dass er nicht in der Lage sei, Gewalt auszuüben oder ein Vergewaltiger zu sein. Eine offenkundige Spitze gegen Weinsteins Auftritte mit Rollator - für manche Beobachter ein geschickter Schachzug, um das "Monster Harvey" als kränklichen älteren Herrn erscheinen zu lassen.

Kandidatinnen und Kandidaten für die Jury sind verpflichtet, wahrheitsgemäß zu antworten. Sieht das Gericht einen Grund für mangelnde Neutralität, wird der Kandidat abgelehnt. Staatsanwaltschaft und Verteidigung können jeweils eine vorab festgelegte Zahl von Juroren ohne Begründung aussortieren (peremptory challenge). Die Arbeit von Anwälten und Staatsanwaltschaft beginnt dabei lange vor dem Fragemarathon vor Gericht, sagt Jeff Frederick, Sozialpsychologe und Leiter der Abteilung Jury Research Services bei der National Legal Research Group. Frederick und sein Team durchleuchten für Strafverteidiger und seltener für Staatsanwaltschaften mögliche Jurorinnen und Juroren und erstellen "Internet-Fußabdrücke".

Im vorliegenden Fall könnten Likes für "Me Too"-Unterstützerseiten auf Facebook genauso auf Befangenheit hindeuten wie Abonnements von Accounts, die Frauenwitze posten, erklärt Frederick. Die digitale Detektivarbeit kostet: 20 000 bis 40 000 Dollar bei einem Pool von 500 möglichen Juroren. Dass Weinstein Spezialisten zur Unterstützung angeheuert hat, ist bekannt. Er arbeitet mit Black Cube zusammen, einem Unternehmen, das von zwei ehemaligen israelischen Geheimdienstlern gegründet wurde.

Obwohl US-Gerichte gerade in prominenten Fällen mitunter viel Zeit auf den Prozess der Juryauswahl verwenden, stehen Experten dem Prozedere kritisch gegenüber. "Voreingenommenheit ist etwas Subtiles - das kann man nicht anhand eines Fragebogens oder vor Gericht abfragen", sagt Peter van Koppen, Professor für Recht und Psychologie an der Universität Maastricht und der Freien Universität Amsterdam.

Van Koppen, der selbst als Experte in mehr als 300 Zivil- und Strafprozessen in den Niederlanden ausgesagt hat, sieht außerdem ein viel grundsätzlicheres Problem: "In den USA wird die Entscheidung in einem komplizierten Verfahren wie dem Weinstein-Prozess einer Gruppe Laien überlassen, die keine Ahnung haben, wie sie Beweise zu bewerten haben." Im Manhattaner Gericht wird es in den kommenden Wochen um Vergewaltigung und erzwungenen Oralverkehr gehen, beide Fälle liegen Jahre zurück.

Van Koppen schätzt, dass sich die Staatsanwaltschaft vor allem auf die Berichte der beiden betroffenen Frauen stützen wird. Gerade Zeugenaussagen seien entgegen der landläufigen Meinung für Laien aber besonders schwer valide zu bewerten. "Unsere Forschung zeigt, dass viele Opfer von Vergewaltigungen aus Selbstschutz mit dem Täter kooperieren. Ein Opfer, das aussagt, dass es sich stark gewehrt hat, macht also mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Falschaussage, wirkt aber womöglich genau deshalb besonders glaubhaft. Menschen erwarten, dass sich ein Opfer zur Wehr setzt", sagt Van Koppen.

So dürfte eine der potenziellen Jurorinnen vielleicht doch froh sein, es am Ende nicht ins Gremium geschafft zu haben. Staatsanwaltschaft und Verteidigung verständigten sich bereits nach dem ersten Auftritt von Gigi Hadid: Ein Supermodel in der Jury - das verursache zu viel Aufruhr.

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SZ vom 18.01.2020/ick
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