Süddeutsche Zeitung

New York:Die Antiheldin im Weinstein-Prozess

  • Diesen Mittwoch starten in New York die Eröffnungsplädoyers im Prozess gegen Harvey Weinstein.
  • Der ehemalige Filmproduzent muss sich dort wegen mutmaßlicher sexueller Übergriffe verantworten.
  • Seine Anwältin, Donna Rotunno, hat sich auf solche Fälle spezialisiert - und vor Gericht bislang nur einmal verloren.

In dieser Woche wird sie ihren ersten großen Auftritt haben, in jenem Prozess, der ihr nun weltweite Aufmerksamkeit sichert. Donna Rotunno, 44, ist die Verteidigerin des früheren Filmproduzenten Harvey Weinstein, und im Saal 99 der Strafkammer des New York State Supreme Courts stehen nun die Eröffnungsplädoyers an. Sie weiß vermutlich, worauf sie sich da eingelassen hat, schon 40-mal hat sie in ihrer Karriere mutmaßliche Sexualstraftäter vertreten. Nicht alle Fälle gingen tatsächlich vor Gericht wie ihr aktuelles und prominentestes Mandat.

Von jenen Fällen, die verhandelt wurden, hat die Juristin aus Chicago bislang nur einen einzigen verloren. 2010 wurde ihr damaliger Mandant, ein Highschool-Football-Spieler, wegen Vergewaltigung einer Mitschülerin zu 16 Jahren Gefängnis verurteilt. Für Rotunno eine "viel zu harte" Strafe - sie argumentiert auch Jahre später noch, dass ihr Mandant nur ein Mitläufer gewesen sei. Bis heute hängt eine Gerichtszeichnung von jenem Fall in Rotunnos Büro. Seit 15 Jahren verteidigt die 44-Jährige Männer, denen sexuelle Übergriffe vorgeworfen werfen. Auf die Frage nach dem Warum antwortet Rotunno in Interviews routiniert mit einem Verweis auf einen juristischen Grundsatz: das Recht auf einen fairen Prozess.

Kritiker nehmen ihr das allerdings nicht ab - für sie ist Rotunno eine karrierebewusste "Anti-Gloria-Allred". Allred wurde Mitte der 90er-Jahre in Amerika bekannt, als sie im aufsehenerregenden Mordprozess gegen den Footballspieler O. J. Simpson die Familie von Simpsons ermordeter Ehefrau vertrat. Auch im Weinstein-Verfahren ist die Frauenrechtlerin aktiv - als Anwältin von Annabella Sciorra, einem mutmaßlichen Opfer Weinsteins, die im Prozess als Zeugin aussagen wird. Für Rotunno bleibt einmal mehr die Rolle der Antiheldin. Eine Zuschreibung, in der sie sich offenkundig wohlfühlt.

Im Gespräch mit dem Chicago Magazine räumte sie ein, dass die "Me Too"-Bewegung gut sei fürs Geschäft. In Chicago verteidigte Rotunno Lokalgrößen, einen Modedesigner, einen Imam, einen Anwalt - Harvey Weinstein ist der erste richtig prominente Mandant für die Strafverteidigerin und ihren Kanzleipartner Damon Cheronis. Der Weinstein-Prozess ist ein Höhepunkt in der Karriere der hochgewachsenen Juristin mit den langen, braunen Haaren. In einem CNN-Interview kurz vor Prozessstart sagte sie, die Verteidigung werde darauf abzielen, dass sämtliche sexuellen Kontakte einvernehmlich gewesen seien. Mehr als 80 Frauen haben Harvey Weinstein seit Bekanntwerden der ersten Vorwürfe schweres sexuelles Fehlverhalten vorgeworfen. Im New Yorker Gericht wird es um die Erlebnisse von zwei Frauen gehen, vier weitere mutmaßlich Betroffene sollen als Zeuginnen gehört werden.

"Und die Leute haben ihn ausgenutzt, immer und immer wieder"

Die Staatsanwaltschaft will beweisen, dass der Angeklagte seine Opfer immer auf die gleiche Art bedrängte. Auch Rotunno sieht ein Verhaltensmuster - allerdings bei jenen Frauen, die ihren Mandanten beschuldigen. "Harvey Weinstein war der Typ, der die Schlüssel zu jenem Schloss in der Hand hielt, in das alle hineinwollten", sagte sie der Vanity Fair in Anspielung auf Weinsteins Status als "König von Hollywood". "Und die Leute haben ihn ausgenutzt, immer und immer wieder."

Rotunno hat mehreren US-Medien vor Verfahrensbeginn vor zweieinhalb Wochen Interviews gegeben (eine Anfrage der SZ blieb unbeantwortet) - es ist ein Versuch, die öffentliche Meinung über das "Monster Harvey" zu beeinflussen. Im Prozess selbst wird Rotunno nun versuchen, bei der Jury Zweifel an der Schuld ihres Mandanten zu wecken. Nach ihren bisherigen Äußerungen wird sie versuchen, Harvey Weinstein als Opfer seines eigenen Ruhms und einer völlig entfesselten Frauenrechtsbewegung darzustellen.

Dabei wird sie wohl auch ihr Geschlecht in die Waagschale werfen. Weinstein wünschte sich zuletzt explizit eine Frau an der Spitze seines Rechtsbeistands, zuvor hatte er bereits zwei rein männliche Verteidigerteams verschlissen. Über Rotunno sagt ein ehemaliger Mandant, sie sei nicht nur eine "Bulldogge im Gerichtssaal", sondern wisse auch, dass ein Angeklagter emotionale Unterstützung brauche.

Wenig Verständnis dürfte die Strafverteidigerin mit den italienischen Wurzeln für die Frauen im Zeugenstand zeigen - im Kreuzverhör gilt sie als schonungslos. Sie selbst räumt ein, hier Vorteile gegenüber einem männlichen Kollegen zu haben: "Er mag ein exzellenter Anwalt sein, aber wenn er die Frau so hart angeht wie ich, wird er wirken wie ein Bully", sagte sie dem Chicago Magazine. Rotunno achtet nach eigener Aussage bei ihren Gerichtsoutfits auf eine austarierte Mischung aus Stärke und Weiblichkeit, trägt häufig Designerkleider und -röcke.

Wenig ist über ihr Privatleben bekannt, sie habe 14 Patenkinder, erzählte sie dem Magazin Vanity Fair, und denke außerdem oft an einen Satz ihres Vaters: "Deine Gefühle sollen nie deinen Intellekt vernebeln."

Bei allen taktischen Vorlieben steht die 44-Jährige im Ruf, sich akribisch vorzubereiten. Den Prozess gegen den Modedesigner in Chicago entschied sie mit einer einzigen Frage. In einem Überwachungsvideo war ihr aufgefallen, dass das mutmaßliche Vergewaltigungsopfer bei einem späteren Treffen mit seinem angeblichen Peiniger jenen Pyjama anhatte, den sie auch während des Übergriffs trug. Rotunno konfrontierte die Frau vor Gericht: "Von all den Klamotten, die Sie in Ihrem Kleiderschrank haben, entscheiden Sie sich für ein Treffen mit Ihrem 'Vergewaltiger' ausgerechnet für die Pyjamahose, in der Sie vergewaltigt wurden?" Ein einziger Blick in die Gesichter der weiblichen Jurymitglieder habe anschließend genügt, so Rotunno: "Ich wusste, es war vorbei."

Die Männer, die sie engagieren, sind nicht immer Opfer falscher Anschuldigungen, das weiß die Weinstein-Anwältin. Etwa 20 Prozent seien unschuldig, schätzt Donna Rotunno, 20 Prozent hätten die Tat begangen und 60 Prozent lägen in einem Graubereich dazwischen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4765537
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 22.01.2020/jael
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.