Süddeutsche Zeitung

Vandalismus in der Hauptstadt:Berlin, du kannst so hässlich sein

Autobrände, fremdenfeindliche Aufkleber und linke Blockwarte: Das Klima in der Hauptstadt wird zunehmend rauer. Unverbesserliche Überzeugungstäter wollen Wohlhabende aus bestimmten Bezirken Berlins vertreiben, Zusatzopfer nehmen sie billigend in Kauf. Zwar scheut die Politik bislang den Begriff "Terror" - doch die Strategie der Linksautonomen folgt der Logik des Terrors.

Gustav Seibt

Ist das jetzt der "kommende Aufstand", den das Manifest eines "unsichtbaren Komitees" zuerst im Jahr 2007 auf Französisch forderte und das seit 2009 auch in deutscher Sprache zum Bestseller geworden ist? In Berlin wurden allein in diesem Jahr mindestens 205 Autos angezündet, das sind im Jahresmittel jetzt schon fast so viele wie die insgesamt 221 des Rekordjahrs 2009.

Am frühen Donnerstagmorgen wurden in den Bezirken Charlottenburg, Tiergarten und Neu-Hohenschönhausen neun Autos angezündet. Bereits am Dienstag waren kurz nach Mitternacht elf Personenwagen verbrannt, sieben weitere wurden beschädigt. In der Nacht zum Mittwoch kamen noch einmal 14 dazu. Bislang haben die Brandstifter insgesamt 35 Autos angezündet, vor allem teure Modelle der Marken Mercedes, BMW und Audi. Zuletzt hatten es die Brandleger mit Grillanzündern und Feurzeugen auch auf ältere Modelle abgesehen.

Unverbesserliche Überzeugungstäter?

Unterdessen berichtete der Tagesspiegel am Mittwoch von einem Verdacht aus Berliner Sicherheitskreisen: Die jüngsten Brandstiftungen könnten von einem Mann stammen, der erst vor etwa einer Woche zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilt und dann aus der Untersuchungshaft entlassen worden war. Dieser Mann war Mitte Mai in Friedrichshain erwischt worden, nachdem er einen BMW angesteckt hatte.

Er wird der links-alternativen Szene zugerechnet. Sollte er auch die jüngsten Anschläge zu verantworten haben, hätte man das Vollbild eines unverbesserlichen Überzeugungstäters.

Die Anschläge haben die umkämpften Szene-Bezirke Kreuzberg, Mitte und Friedrichshain verlassen, wo sie sich angeblich gegen die "Gentrifizierung" durch wohlhabende Zuzügler richteten, und suchen nun die Zonen einer alteingesessenen Bürgerlichkeit in Berlin auf. Die Polizei und der Staatsschutz stehen so gut wie hilflos vor den mit minimalem Aufwand betriebenen Anschlägen.

Berlins Innensenator Körting äußerte in dieser Woche "Wut" und versprach mehr Streifen, kann aber sonst nur die Bevölkerung zu erhöhter Wachsamkeit auffordern. Bemerkenswert scharf verurteilte Volker Ratzmann, der Fraktionschef der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus, einen Monat vor der Wahl in der Hauptstadt die Anschläge: "Null gesellschaftliche Toleranz für Autobrandstiftungen" gelte für seine Partei.

So ähnlich hatte Ratzmann schon nach dem Kabelbrand am Berliner Ostkreuz Ende Mai gesprochen, der nicht nur den S-Bahn-Verkehr im Osten der Stadt, sondern auch die Ampeln eines ganzen Bezirks lahmlegte, dazu die Telefonverbindungen von zwei Krankenhäusern. Damals war in Blogs der linken Szene viel von "Sabotage" die Rede, im Sinne des ominösen Komitees, das die Anarchie durch Verletzung strategischer Punkte der Gesellschaft erreichen will. Von "Terror" mochte keiner sprechen.

"Wo gehobelt wird, fallen Späne"

Doch die Autobrandstiftungen folgen schon längst der Logik des Terrors, denn sie sollen die Wohlhabenden ja ausdrücklich aus den Gebieten vergraulen, in denen sie nach Meinung linksautonomer Kiezwächter nichts zu suchen haben. Dass es dabei ungewollte Zusatzopfer geben kann, wird ausdrücklich in Kauf genommen: "Wo gehobelt wird, fallen Späne", erklärte bereits 2009 ein anonymer Unterstützer der Szene in der taz.

Dass jetzt das Einsatzgebiet der Auto-Anzünder potentiell aufs ganze Stadtgebiet ausgedehnt wird, zeigt eine Dynamik, die sich gegen das "System" insgesamt richtet. Die Botschaft kann nur lauten: Kein Reicher soll sich hier mehr sicher fühlen. Und "reich" ist dann schon der Handwerker, für den der Mercedes zu den Grundlagen seiner Arbeitsfähigkeit zählt.

Wer nicht den passenden Stallgeruch vermittelt, wird angepöbelt

Das hasserfüllte Klima, das sich darin ausdrückt, mag es nicht allein in Berlin geben - auch Hamburg kennt die Pest brennender Autos -, nirgends aber durchdringt es das Stadtleben in so reichen Abstufungen wie hier. In den Straßen ums Schlesische Tor hängen seit Monaten ausländerfeindliche Aufkleber, die sich gegen Touristen richten, denn die verwandelten abgehängte Problemkieze in Wohlstandszonen und verdrängten billigen Wohnraum. Selbst eingesessene Berliner, deren Outfit nicht den passenden Stallgeruch vermittelt, müssen sich auf der Straße anpöbeln lassen, sie sollten bleiben, wo sie herkämen.

Und hier kommen doch wieder die Grünen ins Spiel. Deren Kreuzberger Mandatsträger Dirk Behrendt hat jetzt zum wiederholten Mal die Begrenzung der Zahl von Hotelbetten im Sinne des alternativen Milieuschutzes verlangt - auf welcher gesetzlichen Grundlage, bleibt undeutlich. Im Wahlprogramm der Grünen für Friedrichshain-Kreuzberg wird gefordert, Nachmodernisierungen mit Parkettböden und vollverkachelten Bädern zu unterbinden, damit die Mieten nicht steigen; da solche Sanierungen nicht meldepflichtig sind, seien "die BewohnerInnen aufgerufen, dem Bezirk entsprechende Vorhaben zu melden".

Natürlich sind verbürgerlichte Alternative gegen brennende Autos, aber ein paar Blockwartdienste zum Wohl der Volksgemeinschaft im Kiez dürfen schon sein. Die in den Nachwendejahren fast beispiellose Freiheitlichkeit Berlins droht zwischen linksterroristischen Spießern und verschreckten Normalbürgern zerrieben zu werden.

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SZ vom 18.08.2011/jobr
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