Süddeutsche Zeitung

Protokoll des Schiffsunfalls vor Italien:Die Unglücksroute der "Costa Concordia"

Als die "Costa Concordia" vor der italienischen Mittelmeerinsel Giglio auf Grund läuft und Schlagseite bekommt, bricht an Bord Panik aus. Wie konnte es so weit kommen? Welche Route nahm das Schiff? Wie gingen die Rettungskräfte vor? Ein Protokoll der Havarie.

Johanna Bruckner

Freitag, 19 Uhr: Die Costa Concordia verlässt den Hafen von Civitavecchia. Das Küstenstädtchen, etwa 70 Kilometer nordwestlich von Rom gelegen, ist die erste Station einer einwöchigen Route durchs Mittelmeer. Das Kreuzfahrtschiff mit mehr als 4000 Passagieren und Besatzungsmitgliedern an Bord nimmt von dort aus Kurs auf die norditalienische Stadt Savona. Marseille, Barcelona, Palma, Cagliari und Palermo sollen weitere Stopps der Fahrt sein.

Freitag, vor 21:30 Uhr: Während in den fünf Restaurants an Bord das Abendessen serviert wird, passiert das fast 300 Meter lange und knapp 40 Meter breite Schiff die kleine Insel Giannutri. Die reguläre Route führt anschließend vorbei an der Nachbarinsel Giglio, die knapp 20 Kilometer vom Festland entfernt ist. Offenbar verlässt der schwimmende Koloss irgendwann vor 21:30 Uhr die Fahrrinne: Der Kapitän, so wird später der Vorwurf lauten, habe möglichst nahe an Giglio vorbeifahren wollen, um Passagiere und Inselbewohner zu beindrucken. Das britische Boulevardblatt Sun berichtet, einer der Offiziere habe seiner Frau winken wollen, die auf dem Eiland wohne.

Ab 21:30 Uhr gibt es unterschiedliche Angaben über die zeitliche Abfolge der Ereignisse. Die nachfolgend dargestellte Chronologie gründet auf gesichert erscheinenden Quellen.

Freitag, 21:37 Uhr: Die automatisch gesendeten Signale der Schiffsposition (AIS-Signale) reißen ab - möglicherweise hat es unmittelbar zuvor einen Stromausfall an Bord der Concordia gegeben. Das Schiff befindet sich zu diesem Zeitpunkt südöstlich von Giglio, in einer Wassertiefe von mehr als 100 Metern. Dem vorerst letzten AIS-Signal zufolge hat es zu diesem Zeitpunkt eine Geschwindigkeit von umgerechnet etwa 30 km/h.

Freitag, 21:53 Uhr: Die Concordia sendet wieder ein AIS-Signal. Sie ist noch näher an Giglio herangefahren, befindet sich etwa fünf Kilometer nordwestlich der letzten gemeldeten Position. Die Geschwindigkeit beträgt nur noch etwa fünf km/h. Möglicherweise ist das Schiff zu diesem Zeitpunkt aufgrund des vorhergehenden Stromausfalls steuerunfähig - diese Vermutung äußert nach dem Unglück ein Schifffahrtsexperte im Guardian.

Freitag, 21:58 Uhr: Plötzlich gibt es eine heftige Erschütterung: Die Black Box des Luxusliners protokolliert der italienischen Zeitung La Repubblica zufolge, dass das Schiff auf einen Felsen aufgefahren ist. Die Gewässer um die Insel Giglio sind ein beliebter Tauchplatz, weil der felsige Untergrund bewachsen und eine große Artenvielfalt dort heimisch ist. Einer dieser Felsen, "Le Scole", ist dem tonnenschweren, tiefliegenden Kreuzfahrtschiff nun offenbar zum Verhängnis geworden. Passagier Georg Linsi schildert die Havarie später der Basler Zeitung wie folgt: "Wir waren im Speisesaal über der Schraube, als sich das Unglück ereignete. (...) Einen Moment lang ging das Licht aus, und es brach Panik aus. Dann wurden wir aufgefordert, nach draußen zu gehen."

Freitag, nach 21:58 Uhr: Durch das Auflaufen auf den Felsen wird der Rumpf der Concordia auf einer Länge von 70 Metern aufgeschlitzt. Wasser dringt ein, das Schiff neigt sich zur Seite. "Innerhalb kürzester Zeit bekam es eine Schräglage, so dass die Vasen von den Tischen fielen, von den Tresen fiel alles runter, (...) so ähnlich wie im Film Titanic", berichtet der deutsche Passagier Peter Honvehlmann.

Freitag, nach 22 Uhr: An Bord des schwimmenden Hotels herrschen chaotische Zustände. Die Passagiere werden offenbar nur unzureichend darüber informiert, was geschehen ist und wie sie sich verhalten sollen. Der Franzose Olivier Carrasco erzählt später der Zeitung Sud Ouest: "Wir waren (...) auf uns selbst gestellt, es gab eine völlige Desorganisation. (...) Niemand hat uns gesagt, dass wir in die Rettungsboote steigen sollen. Die Leuchte an meiner Rettungsweste funktionierte nicht." Der Passagier beklagte, es habe nie eine Rettungsübung gegeben. Auch die Aussage eines Journalisten der Südwest Presse, der vier Wochen vor der Havarie auf der Concordia mitfuhr, legt nahe, dass die Seenottrainings an Bord mangelhaft waren. Manche Passagiere seien schon einen ganzen Tag an Bord gewesen, bis es eine Übung gegeben habe. Auch seien die Anleitungen zu den Rettungsboten unzureichend gewesen: "Wie man dort im Notfall hineinkommen sollte, wurde uns nicht erklärt."

Freitag, gegen 22:30 Uhr: Erst jetzt setzt die Concordia einen Notruf an die zuständige Küstenwache ab. Zuvor hatten schon Passagiere per Handy die Behörden alarmiert, doch auf Nachfrage soll die Brücke abgewiegelt haben. Der Kapitän wendet: Versucht er noch, das havarierte Schiff in den Hafen von Giglio zu steuern? Etwa 500 Meter vor der Hafeneinfahrt läuft die Concordia dann endgültig auf Grund.

Freitag, 23:30 Uhr: An Bord kämpfen die Menschen um Rettungswesten und Plätze in den Beiboten. Einige Passagiere springen in Panik ins Wasser. Die Evakuierung ist in vollem Gange, da verlässt der Kapitän, Francesco Schettino, angeblich bereits das Schiff, das immer weiter ins Meer absinkt. In Interviews wehrt sich der 52-Jährige später gegen die Vorwürfe, er habe fahrlässig gehandelt und die havarierte Costa Concordia im Stich gelassen.

Samstag, 2:30 Uhr: Nach Aussage eines Regierungsbeamten befinden sich noch immer etwa 200 Menschen an Bord des havarierten Schiffes. Andere Quellen sprechen sogar von bis zu 300 Personen. Medienberichten zufolge gibt es mindestens zwei Tote. Ein 70-jähriger Mann hat demnach im eiskalten Wasser einen Herzinfarkt erlitten. Dutzende weitere Menschen sind verletzt.

Samstag, gegen 6 Uhr: Mittlerweile ist von bis zu acht Todesopfern die Rede.

Samstag, 10 Uhr: Die Behörden korrigieren die Zahl der Todesopfer nach unten. Es gebe nach dem jüngsten Informationsstand drei Tote und 14 Verletzte, erklärt ein lokaler Regierungsbeamter. Noch immer werden Menschen an Bord der Concordia vermutet, doch die genaue Zahl der Vermissten ist unklar.

Samstag, 17:32 Uhr: Die Leichen sind identifiziert: Bei den Opfern handelt es sich um zwei französische Passagiere sowie ein Besatzungsmitglied aus Peru. Obwohl auch Deutsche an Bord der Concordia waren, geht das Auswärtige Amt zu diesem Zeitpunkt nicht von deutschen Todesopfern aus.

Samstag, 20 Uhr: Nach stundenlangen Verhören wird Kapitän Schettino verhaftet. Ihm und dem Ersten Offizier Ciro Ambrosio wird fahrlässige Tötung zur Last gelegt. Darüber hinaus werden die führenden Besatzungsmitglieder beschuldigt, den Untergang der Concordia verursacht und das Schiff verlassen zu haben, bevor alle Passagiere von Bord waren.

Die Suche nach den Überlebenden

Sonntag, 1 Uhr: Im Schiffswrack werden zwei Passagiere geortet. Wenig später kann das junge Paar aus Korea gerettet werden. Die beiden waren auf Hochzeitsreise, schliefen nach eigener Aussage, als das Unglück passierte. "Als wir aufwachten, kippte das Schiff", berichtet Han Ki Deok später. "Wir sind bis zum Ende des Korridors gerutscht und haben uns dabei verletzt", so der 29-Jährige. Seine Frau und er seien deshalb in ihre dunkle Kabine zurückgekehrt und hätten dort ausgeharrt, mit ein paar Keksen und etwas Wasser als einziger Verpflegung. Sie hätten geschrieen, bis sie heiser waren, und die an ihren Rettungswesten angebrachten Pfeifen betätigt.

Sonntag, 8:56 Uhr: Ein weiterer Überlebender wird geortet. "Wir versuchen das schier Unmögliche, um zu der Person vorzudringen", sagt ein Sprecher der Küstenwache dem italienischen Fernsehen. Drei Stunden später ist auch das Besatzungsmitglied Marrico Giampietroni in Sicherheit.

Sonntag, 12:48 Uhr: Die Black Box des Luxusliners wird gefunden und von der Küstenwache zur Auswertung beschlagnahmt.

Sonntag, 16:17 Uhr: Taucher finden im Rumpf der Concordia zwei weitere Leichen. Es handelt sich um einen Italiener und einen Spanier.

Sonntag, 23 Uhr: Die Betreibergesellschaft des Kreuzfahrtschiffs nimmt öffentlich Stellung zu dem Unglück. Es habe den Anschein, als ob der Kapitän eine fehlerhafte Einschätzung vorgenommen habe, indem er zu nahe an die Küste gefahren sei und von den Evakuierungsprozeduren abgewichen sei, heißt es in einer Erklärung des in Genua ansässigen Unternehmens Costa Crociere. Die Reederei äußert ihr "tiefstes Bedauern über diesen schrecklichen Unfall".

Montag, 6:38 Uhr: Ein sechstes Todesopfer wird aus dem Wrack der Concordia geborgen. Es soll sich um einen Passagier handeln.

Montag, 12 Uhr: Noch immer werden Personen an Bord des havarierten Kreuzfahrtschiffs vermutet, auch das Schicksal mehrerer Deutscher ist ungeklärt. Das Auswärtige Amt spricht von einer Zahl "im niedrigen zweistelligen Bereich". Mittlerweile könne man nicht mehr ausschließen, dass unter möglichen weiteren Todesopfern auch deutsche Staatsangehörige sind. Es könne "betrübliche Nachrichten" geben.

Montag, 12:13 Uhr: Die Suche nach weiteren Überlebenden muss wegen starken Seegangs vor der Insel Giglio unterbrochen werden.

Montag, etwa 14:30 Uhr: Die Sorge um die Vermissten hat die Gefahr für die Umwelt durch das havarierte Schiff fast in Vergessenheit geraten lassen. Nach Angaben eines niederländischen Fernsehsenders hat ein Expertenteam aus den Niederlanden gemeinsam mit örtlichen Helfern nun jedoch begonnen, ausgetretenen Treibstoff abzuschöpfen. Sobald die Suche nach Überlebenden und Opfern abgeschlossen sei, solle der noch in den Schiffstanks verbliebene Treibstoff abgepumpt werden.

Montag, 15:33 Uhr: Nach Informationen von Landesbehörden ist zur Stunde das Schicksal von zwölf Deutschen ungewiss. Unter den Vermissten sind demnach fünf Menschen aus Hessen sowie je zwei Personen aus Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Ungeklärt ist zudem das Schicksal einer Frau aus Bayern sowie eines offenbar gehbehinderten Paares aus Berlin. Ob sich die Vermissten tatsächlich noch an Bord der Concordia befinden oder ob sie auf eigene Faust die Heimreise nach Deutschland angetreten haben, ist unklar.

Montag, 15:41 Uhr: Nach mehrstündiger Unterbrechung geht die Suche nach Überlebenden und Opfern im Wrack des Schiffes weiter.

Mit Material aus den Agenturen.

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