Süddeutsche Zeitung

Missbrauchsfall in Lügde:Reul räumt Fehler ein

Der NRW-Innenminister gibt bekannt, dass eine von Ermittlern übersehene CD-ROM Kinderporno-Material enthält.

Von Christian Wernicke, Düsseldorf

Eine kürzlich auf dem Campingplatz von Lügde im Kreis Lippe gefundene CD-ROM enthält kinderpornografisches Material. Die CD sei sichergestellt worden, bestätigte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) am Dienstag in Düsseldorf, nachdem ein Abbruchunternehmer die Behausung des Hauptverdächtigen Mitte April abgerissen und dabei 17 meist ältere Datenträger gefunden habe. Im Rahmen einer Sondersitzung des Innenausschusses des NRW-Landtags gab Reul bekannt, er habe die Ermittlungskommission "Eichwald" nochmals auf nun 79 Mitglieder aufgestockt: Zusätzlich zehn Polizisten und vier Schreibkräfte sollen unter anderem helfen, nochmals alle Camper in Lügde zu befragen.

Das aufgestockte Ermittlerteam im Missbrauchsfall Lügde soll noch mal alle Camper befragen

Reul ist sich auch fünf Monate nach Beginn der polizeilichen Ermittlungen im Fall Lügde noch immer nicht sicher, dass seine Beamten alle Täterspuren gesichert oder Hinweise auf weitere Opfer erfasst haben. Er wolle verhindern, "dass sich jemand nicht meldet", sagte Reul. Die Staatsanwaltschaft Detmold hatte ihre Ermittlungen auf dem Platz bereits Ende März eingestellt und das Gelände freigegeben. Erst danach hatte der Abbruchunternehmer die Datenträger gefunden. Wo, das weiß der Abrissunternehmer bis heute nicht, sie fielen ihm vor die Füße, als er Schutt verlud. Die Polizei behauptet, die Datenträger waren in einem doppelten Boden. Die Beamten können es aber nicht wissen - sie waren nicht beim Abriss dabei. Auch war ein naher Geräteschuppen, zu dem der Hauptverdächtige Zugang hatte, nie durchsucht worden. Der Minister räumte ein, dies sei erneut "ein Fehler" gewesen.

Reul war am Dienstag bemüht, den Eindruck eines Konfliktes zwischen seinem Ministerium und der Staatsanwaltschaft zu verwischen. Wiederholt zitierte der Innenminister Aussagen der Justiz, wonach zuletzt gefundene Datenträger "keinerlei Relevanz" für die strafrechtliche Verfolgung der Beschuldigten hätten. Sinngemäß habe die Staatsanwaltschaft gesagt, man habe "schon so genug in der Hand". Es seien "keine Differenzen, sondern unterschiedliche Sichtweisen", weshalb er seine Polizisten auf dem Platz weiter ermitteln lasse. Die Staatsanwaltschaft müsse die Anklage gegen die mutmaßlichen Täter vorantreiben, seine Beamten hingegen dienten auch der Abwehr weiterer Gefahren: "Die Polizei darf nie aufhören."

Nach bisherigen Erkenntnissen ist "Lügde" einer der schlimmsten Fälle massenhaften Kindesmissbrauchs in der Geschichte der Bundesrepublik: Zwei Haupttäter sollen sich jahrelang in mehr als tausend Fällen an mindestens 40 Opfern vergangen haben. Wegen zahlloser Pannen entwickelte sich der Fall zudem zu einem Polizeiskandal.

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Quelle:
SZ vom 02.05.2019
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