Süddeutsche Zeitung

#MeToo:Man kann sich gar nicht genug empören

Der Fall Weinstein hat die Seximus-Debatte in die Gesellschaft geholt. Unter dem Hashtag #MeToo twittern Menschen über Alltagserlebnisse - und zeigen: Das hat nichts mit Hysterie zu tun.

Kommentar von Friederike Zoe Grasshoff

Kommt eine Frau ins Männermeeting, sagt der Kollege: "Was für ein Rock. Sie werten diese Runde ja optisch richtig auf." Steht ein Mädchen in der Bahn, dann sind da diese fremden Hände auf ihrem Po. Wird ein Kind von seinem Vater intim angefasst. Seit ein paar Tagen geht alle paar Sekunden eine solche Geschichte auf Twitter ein, sie alle sind gebündelt unter dem Schlagwort #MeToo - Ich auch.

Es sind so viele "Ich auchs", Hunderttausende, dass man nicht hinterherkommt mit dem Lesen. Dieses Ausmaß an sexueller Gewalt, Belästigung und dummen Sprüchen ist nur schwer zu begreifen. Es war Schauspielerin Alyssa Milano, die im Zuge des Skandals um den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein dazu aufrief, Erfahrungen zu teilen. Dafür schuf sie einen emblematischen Hashtag.

Emblematisch? Ist doch nur so ein weiterer Hashtag zwischen Trump-Tweets und dem täglichen Shitstorm, könnte man jetzt sagen. Noch so ein Rautezeichen, das für die allgemeine Hysterisierung, die Empörungskultur im Internet steht. Doch hysterisch ist hier gar nichts. Im Gegenteil.

Frauen erleben Übergriffe als allgegenwärtiges Übel

Mehr als eine Woche hat es gedauert, bis der Fall Weinstein in seiner gesellschaftlichen Relevanz verstanden wurde. Frauen und Männer twittern und reden nun über den ganz alltäglichen Sexismus abseits von hollywoodesken Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen. Und das in den sozialen Medien, wo es mehr um beschönigende Selbstdarstellung als um die eigene Verletzlichkeit geht.

Selbstverständlich gibt es in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein für sexuelle Gewalt. Sei es die Silvesternacht von Köln, der Vergewaltigungsprozess um Gina-Lisa Lohfink, die Verschärfung der Sexualstrafgesetze 2016 oder die "Grab the pussy"-Bemerkungen eines Donald Trump: Das Thema ist da und das Thema ist groß. Die wuchtige Wirkung des #MeToo-Hashtags aber zeigt, dass es noch viel zu reden gibt - und dass man sich über diese Alltäglichkeit von Grenzüberschreitungen gar nicht genug empören kann.

Wut und Empörung - diese Mechanismen greifen meist spät, wenn man Opfer geworden ist. Zu spät. Weil die Betroffenen oft selbst nicht wissen, wie ihnen geschieht. Weil sie überrumpelt sind. Mal ist es die Hand des Chefs, die eine Sekunde zu lange die eigene Hand streift. Mal sind es ein paar Schritte im Rücken, nachts auf der Straße. Mal ist es ein "Ich will dich" auf der Rolltreppe. Mal ist es eine Hand im Schritt. Mal ist es der Zahnarzt, der sagt, dass er einen lieber bei einem Glas Champagner untersuchen würde.

Was tun? Sich im patriarchalisch gewachsenen Betrieb als "hysterische Feministin" outen, die keinen Spaß versteht? Den Zahnarzt anzeigen? Den Jungen auf der Rolltreppe ohrfeigen? Waren ja nur Worte, tat ja nicht weh.

Belästigung tut immer weh

Belästigung sollte aber keine Frage der Abwägung sein, sie tut immer weh. Einer Untersuchung des Bundesfamilienministeriums von 2010 zufolge haben fast 60 Prozent der befragten Frauen angegeben, dass sie schon einmal sexuelle Belästigung erlebt haben, die Dunkelziffer dürfte hoch sein. Reagiert man nicht sofort auf die Belästigung, wirkt sie kurze Zeit später umso stärker: Scham und Selbstekel entfalten verhängnisvolle Wirkung. Wem gibt man die Schuld, wenn der Schuldige weg ist? Sich selbst? Die Abertausenden Ich-auch-Geschichten geben auch hier eine Antwort. Er hat mich vergewaltigt! Die Lehrerin hat mich geküsst! Ich wurde beim ersten Date missbraucht! Bei Twitter ist der Tenor eindeutig: Ich bin nicht schuld. Diese Befreiung von Schuldgefühlen macht #MeToo wertvoll.

Bereits 2013 hatte der Eklat um Rainer Brüderle und seine Busen-Bemerkungen eine Debatte angestoßen. Unter dem Hashtag #Aufschrei erzählten Menschen ihre Leidensgeschichten - und plötzlich redete man über Sexismus, das Machtgefälle in Betrieben, ungleiche Bezahlung, eine Gesellschaft, in der Gleichberechtigung oft nur ein Label ist. Die aktuelle Debatte hat Weinstein hinter sich gelassen. Es geht wieder um denselben Nährboden. Und er ist noch immer fruchtbar.

Jede Frau ist von dieser Belästigung betroffen. Aber es darf keiner Frau genug sein, in der Opferhaltung zu verharren. Wieso im Meeting nicht sagen, dass Genderwitze in aller Regel nicht lustig sind? Wieso nicht den Zahnarzt brüskieren? Wieso nicht ein Kompliment versuchen, das die Frau nicht aufs Frausein reduziert? Wieso nicht streiten?

Es wird nicht reichen, sich auf Ich-auch-Botschaften zu beschränken. Twitter löst das Problem nicht. Über sexuelle Belästigung muss jenseits der virtuellen Räume geredet werden. Nur so entsteht Bewusstsein. In den Familien, den Büros, den Schulen und an den Kneipentischen. Bei Frauen und Männern.

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Quelle:
SZ vom 18.10.2017/jael
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