Süddeutsche Zeitung

Fall Madeleine McCann:Verdächtiger muss im Gefängnis geschützt werden

Seit bekannt wurde, dass der in Kiel einsitzende Mann vor 13 Jahren Madeleine McCann entführt haben könnte, wird er von seinen Mithäftlingen isoliert. Verhört wurde er noch nicht.

Von Peter Burghardt, Hamburg

Bis vor Kurzem schien der Fall Madeleine McCann weit weg zu sein vom deutschen Norden, das Mädchen war ja vor 13 Jahren in Portugals Süden verschwunden. 3000 Kilometer entfernt. Seit Mai 2007 wird die damals dreijährige Engländerin vermisst, sie wurde aus dem Familienappartement einer Ferienanlage in Praia da Luz heraus mutmaßlich entführt. In der vergangenen Woche machten das Bundeskriminalamt und die zuständige Staatsanwaltschaft Braunschweig öffentlich, dass ein 43-jähriger Deutscher im Verdacht stehe, Madeleine McCann ermordet zu haben. Seither schaut die Welt auf Kiel.

In der dortigen Justizvollzugsanstalt sitzt der Verdächtige B. seit 2018 ein, derzeit wegen einer anderen Strafsache. Im Zuge der Berichterstattung in der Causa McCann wird er im Gefängnis inzwischen isoliert, aus Sorge vor Übergriffen anderer Häftlinge. Der Name und auch das Foto des mehrfach vorbestraften Mannes sind in manchen Medien längst zu sehen, obwohl sich bisher nicht nachweisen lässt, dass er mit dem Schicksal des Kindes zu tun hat.

Inzwischen haben auch die Anwälte von B. gewechselt, es übernahmen der Hamburger Johann Schwenn und der Kieler Friedrich Fülscher. Und in Schleswig-Holsteins Landtag landete der Fall am Mittwoch auf der Tagesordnung, nachdem die Süddeutsche Zeitung über eine Justizpanne berichtet hatte. Im Innen- und Rechtsausschuss sollte die Landesregierung auf Antrag ihrer Fraktionen von CDU, Grünen und FDP erklären, was es mit der Inhaftierung und zwischenzeitlichen Freilassung des Verdächtigen 2018 auf sich hatte. Denn B. war zwar wegen anderer pädokrimineller Taten damals in Wolfenbüttel in Haft - aber er musste am 31. August 2018 vorübergehend auf freien Fuß gesetzt werden, weil die Genehmigung für seine nächste Freiheitsstrafe nicht termingerecht eintraf. 2011 hatte das Amtsgericht Niebüll B. wegen Drogenhandels auf Sylt verurteilt, die Verbüßung zunächst aber zur Bewährung ausgesetzt, ehe diese Bewährung kassiert wurde.

B. ist bisher nicht verhört worden

Um das Strafmaß von 21 Monaten Gefängnis zu vollstrecken, war nun die Erlaubnis eines Gerichts aus Portugal nötig, denn Portugal hatte B. nur wegen sexuellen Missbrauchs ausgeliefert. Die Zustimmung erfolgte "nicht rechtzeitig", wie der Bundesgerichtshof feststellte. B. wurde entlassen, worüber man bei der Braunschweiger Kripo "den Kopf geschüttelt" habe, wie ein früherer Beamter berichtet. Braunschweigs Polizei observierte den Entlassenen ersatzweise, ehe er mit Europäischem Haftbefehl in Italien gefasst wurde.

Die Verzögerung ließ sich seinerzeit nicht vermeiden, meint die Flensburger Staatsanwaltschaft, damals für den Antrag zuständig. Gewisse Abstimmungsschwierigkeiten zwischen den Behörden muss es jedenfalls gegeben haben, sonst wäre es wohl schneller gegangen - man wusste mittlerweile um die Gefährlichkeit von B. Ende 2019 wurde er wegen Raubüberfall mit Vergewaltigung einer älteren Frau an der portugiesischen Küste in Braunschweig zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt, aber das Urteil ist noch nicht rechtskräftig und sein Verbleib in Haft derzeit unklar.

Wegen des Mordverdachts in der Causa McCann wurde B. bisher nicht verhört. "Dieser Zeitpunkt ist für uns noch nicht gekommen", wird Hans Christian Wolters von der Staatsanwaltschaft Braunschweig zitiert. Hunderte Hinweise gingen ein, Berichte von Bekannten von B. machen die Runde, auch wird er mit anderen ungeklärten Verbrechen in Verbindung gebracht. Unter anderem tauchte ein anderes mögliches Vergewaltigungsopfer auf und ein Satellitenfoto, das ein Fahrzeug von B. nahe dem Ferienresort der McCanns zeigen soll.

Das BKA hat Fotos von Häusern, Autos und Handynummern von B. von der Algarve veröffentlicht, er lebte bis 2007 dort. Alles sehr vage für einen Mordverdacht. "Hört sich nicht schlecht an", dachte sich zwar auch der Kriminalist und Profiler Axel Petermann: das Profil; die Indizien, darunter ein Chat, in dem B. Madeleine McCann erwähnt. Auch sprach er offenbar von Gräuelideen. "Solche Gedanken muss auch der Täter gehabt haben", sagt Petermann. Aber der Bremer fragt sich, weshalb die Spur nicht früher genauer verfolgt wurde - und woher der Braunschweiger Staatsanwalt die Gewissheit hat, dass Madeleine McCann tot ist. Er kann sich vorstellen, dass der Zeugenaufruf ein Umweg sein könnte, weil die Beweise für Haftbefehl und Öffentlichkeitsfahndung nicht reichen. Er erinnert sich an einen deutschen Serienmörder und Sexualstraftäter, den man den "schwarzen Mann" und "Maskenmann" nannte und der dann nach einer ähnlichen Aktion 2011 überführt wurde. Auch von ihm war im Fall McCann mal die Rede.

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