Süddeutsche Zeitung

Kriminalität:4chan lässt in den digitalen Abgrund blicken

Die Plattform 4chan.org, auf der Bilder vom Mord an einem Neunjährigen in Herne veröffentlicht wurden, ist die Erfindung eines Teenagers. Die Seite gerät nicht zum ersten Mal in Verruf.

Die Geschichte der Düsternis beginnt mit langen Sommerferien. Weil er nicht wusste, was er mit der freien Zeit anfangen sollte, bastelte Christopher Poole, ein US-Schüler und damals 15 Jahre alt, in seinem Zimmer eine Online-Plattform. Auf 4chan.org wollte er mit seinen Freunden japanische Anime-Bildchen austauschen. Heute sind dort laut New York Times um die 20 Millionen Besucher unterwegs - täglich. Mit dieser Bilanz zählt 4chan zu den erfolgreichsten Projekten der Netzgeschichte. Und zugleich zu den finstersten.

Das zeigte sich einmal mehr, als dort am Dienstag Bilder von Marcel H. auftauchten, auf denen der 19-Jährige mit der Leiche eines ermordeten Kindes aus Nordrhein-Westfalen zu sehen ist.

Die Plattform ist frei zugänglich. Neun Tastaturanschläge, Enter, und man ist mittendrin. In Dutzenden Themensträngen tauschen die Nutzer Bilder und Nachrichten aus. Es geht um spezielle Autofelgen, um geköpfte Hunde, um Penisse, um Eulenvideos, um die Musik von Mozart, um Leichenteile. Alle Posts verschwinden nach einer Weile, viele sofort. Nicht aber die Inhalte; die verbreiten sich dann längst andernorts weiter. Inhaltlich gibt es nur eine Regel: keine Kinderpornos. Und selbst die wird gebrochen.

So dunkel diese Nische des Internets ist - illegal ist sie nicht, vielmehr wird sie von der Meinungsfreiheit gedeckt. Der Seitenanbieter muss Inhalte löschen, die gegen US-Gesetze verstoßen - aber erst, wenn er davon Kenntnis genommen hat. Bei der schieren Datenmenge scheitert daran zum Beispiel auch Facebook. Das Bundesinnenministerium teilt auf Anfrage mit, soziale Netzwerke seien "zunächst grundsätzlich neutral zu betrachten", fordert aber auch, dass die Betreiber bei Illegalem schneller eingreifen. 4chan aber ist dafür bekannt, dass kaum reguliert wird. Die Nutzer sind anonym. Sie posten unter Pseudonym oder als "Anonymous".

Bekannt wurde das Forum als Wiege der danach benannten Anonymous-Bewegung. 2008 formierten sich die im analogen Leben weiß maskierten Aktivisten auf Christopher Pooles Plattform. Jüngst tummelte sich dort die Alt-Right-Bewegung, die Donald Trump im Wahlkampf mit Netzpropaganda unterstützte. Es gab dort schon Nutzer, die einen Mann beim Suizid anfeuerten, der sich vor einer laufenden Kamera anzündete. Nutzer, die gestohlene Promi-Nacktbilder veröffentlichten. Und auch solche, die die Eltern eines Jungen mit Klingelstreichen am Telefon belästigten, der sich mit einer Schrotflinte erschossen hatte.

Poole hat 4chan 2015 an einen japanischen Betreiber verkauft. Der teilte wenig später mit, es laufe schlecht mit den Werbeanzeigen, das Forum stehe vor der Pleite. Das mag wie ein Hoffnungsschimmer klingen. Aber dann gibt es ja immer noch die Nutzer. Und seit einiger Zeit auch die Webseite 8chan. Ein Ort, an dem es noch düsterer zugeht.

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Quelle:
SZ vom 09.03.2017/hsel/cat
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