Süddeutsche Zeitung

SZ-Kolumne "Bester Dinge":Rentner im Schminkkurs

Ein 79-Jähriger will lernen, wie man Wimpern tuscht und Locken dreht. Seine Geschichte rührt eine Kosmetikschule in Kanada zu Tränen.

Von Alexander Menden

Wie stellt man sich die typische Schülerschaft einer Kosmetikschule vor? Weiblich, klar, herausgeputzt, jung natürlich auch. Wie so oft ist sicher was dran am Klischee - aber Klischees bringen es nun mal mit sich, dass wenig Raum für die Komplexität der Wirklichkeit bleibt, für die durchaus erfreulichen Ausnahmen, welche die Regel bestätigen. Und erfreulich ist die Ausnahme, die ein 79-jähriger Kosmetikschüler im kanadischen Alberta darstellt, zweifellos.

Der Mann, der gern anonym bleiben möchte, hatte sich laut der britischen Nachrichtenagentur SWNS nach 50 Jahren Ehe entschlossen zu lernen, wie er seiner Frau das Haar stylt. Sie sei immer stolz auf ihr Aussehen gewesen und es sei noch immer "sehr wichtig für sie", begründete er diesen Schritt laut Carrie Hannah, der Leiterin des "Delmar College of Hair and Esthetics" in Calgary. Aufgrund einer Sehbehinderung sei es für seine Frau jedoch immer schwerer geworden, sich selbst zurechtzumachen. Sie habe sich oft mit dem Lockenstab das Haar verbrannt.

Im Delmar College lernte der Mann zunächst unter Anleitung einer fortgeschrittenen Kosmetikschülerin an einer Puppe, wie man Locken windet, ohne die Kopfhaut zu gefährden. Er bat zudem darum, ihm zu zeigen, wie man Wimperntusche aufträgt. Auch das sei für seine Frau mittlerweile zu beschwerlich.

Das Ganze habe alle in der Schule "zu Tränen gerührt", sagt Carrie Hannah: "Er wird bald 80 - ich kann mir nicht vorstellen, dass viele Männer mutig genug wären, so etwas zu tun." Ein weiteres Klischee, das nun, selbst wenn es vielleicht nicht ganz widerlegbar ist, dringend einiger weiterer Gegenbeispiele bedarf.

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