Süddeutsche Zeitung

Verbrechen in Kalifornien:Mister X ist gefasst

Nach vier Jahren Suche, die an das Gesellschaftsspiel "Scotland Yard" erinnerte, schnappt die Polizei den US-amerikanischen Millionär Peter Chadwick, der 2012 seine Ehefrau ermordet haben soll.

Als die Ermittler im Jahr 2015 das Haus von Peter Chadwick durchsuchten, ahnten sie bereits, dass nun eine Suche beginnen würde, ähnlich wie die nach "Mister X" im Brettspiel Scotland Yard: Der Millionär hatte mehrere Hunderttausend Dollar von seinem Konto abgehoben und sämtliche Kreditkarten bis zu den jeweiligen Limits belastet, in seiner Villa in Newport Beach, eine Autostunde südlich von Los Angeles, fanden die Beamten mehrere Ratgeber, wie man untertaucht, seine Identität verheimlicht und auf der Flucht überlebt.

Chadwick, 55, ist auf der Liste der 15 meistgesuchten Verbrecher der USA zu finden, ihm wird vorgeworfen, im Oktober 2012 seine Ehefrau Quee Choo während eines Streits erwürgt und ihre Leiche im Mülleimer einer Tankstelle in der Nähe von San Diego entsorgt zu haben. Chadwick hatte damals von der amerikanisch-mexikanischen Grenze aus die Polizei angerufen und zunächst behauptet, dass zwei Männer ihn und seine Frau gekidnappt hätten. Er habe sich befreien können, fürchte aber, dass seine Frau tot sei.

Als die Polizei im Haus, das Chadwick mit seiner Frau und den drei Kindern bewohnte, Indizien für Handgreiflichkeiten fand und in der Badewanne Blutspuren von Chadwick und seiner Frau entdeckte, änderte er seine Aussage und erklärte, von einem mexikanischen Angestellten mit einem Messer bedroht und zur Tat gezwungen worden zu sein. Auch diese Version glaubten die Beamten nicht, während einer weiteren Vernehmung gab Chadwick zu, beide Geschichten erfunden zu haben; den Mord gestand er jedoch nicht.

Gegen Kaution von einer Million US-Dollar kam er frei, gab seine Reisepässe ab - er besitzt neben der amerikanischen auch die britische Staatsbürgerschaft - und behauptete, bis zur Gerichtsverhandlung bei seinem Vater in der Nähe von Los Angeles wohnen zu wollen. Als er 2015 nicht zu einer Anhörung erschien, bemerkten die Beamten, dass Chadwick geflohen und wahrscheinlich mit mehr als einer Million Dollar Bargeld das Land verlassen hatte.

Nun begann die Jagd nach Scotland Yard-Manier: Weil Chadwick als Immobilienspekulant ein Vermögen verdient hatte, war er in der Lage, sich falsche Pässe zu besorgen und damit von Staat zu Staat zu reisen. Die Ermittler waren derart verzweifelt, dass sie im September vergangenen Jahres die Hörer des sechsteiligen Podcasts Countdown to Capture um Hilfe baten. "Er könnte überall auf der Welt sein und dürfte mit seinem Geld zahlreiche Spuren verwischen können", sagte Jon Lewis, der Polizeichef von Newport Beach, in dem Podcast, der weltweit zu sehen war. Ziel der Polizei sei es, "dass jeder auf der Welt sein Gesicht kennt. Wir wollen, dass jeder auf der Welt nach ihm sucht, so Lewis.

Die Polizei wollte, dass jeder auf der Welt nach ihm suchte

In den Monaten nach der Podcast-Veröffentlichung seien den Ermittlern zufolge zahlreiche Hinweise eingegangen, so wie in Scotland Yard auch alle paar Spielrunden der Aufenthaltsort von "Mister X" gezeigt wird. Im Mai dieses Jahres dokumentierten die Beamten ihre Suche in der Sendung "48 Hours", eine Art Aktenzeichen xy... ungelöst für US-Zuschauer. Und unter dem Twitter-Hashtag #FindPeterChadwick bat die Polizei die Öffentlichkeit erneut um Hilfe. Die Ermittler gaben an, dass sie einige brauchbare Anhaltspunkte bekommen hätten, dass sie jedoch nicht wüssten, zu welchem Zeitpunkt genau sich Chadwick an welchem seiner vielen Fluchtorte aufgehalten habe.

Nach der Sendung soll der entscheidende Tipp gekommen sein: Chadwick, so der Tippgeber, könnte Anfang August in Mexiko sein. Vier Jahre nach Beginn der Flucht ist die Jagd nun vorbei, Chadwick wurde am Wochenende tatsächlich in Mexiko festgenommen und am Montag nach Los Angeles überstellt. Wenn er vor Gericht des Mordes an seiner Frau für schuldig befunden wird, dürfte er den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen. Es soll ihm diesmal nicht ermöglicht werden, gegen Kaution auf freien Fuß zu kommen - wegen Fluchtgefahr.

"Er hat zwar keinen Reisepass gehabt, doch aufgrund seines Reichtums konnte er sich überall auf der Welt verstecken", sagte Lewis auf einer Pressekonferenz am Dienstag. Chadwick sei viel gereist, habe sich nie länger als ein paar Wochen am gleichen Ort aufgehalten und verschiedene gefälschte Ausweise benutzt, um zunächst in Luxushotels zu nächtigen. Später sei er in Motels abgestiegen und habe Gelegenheitsjobs angenommen. Festgenommen worden sei er im mexikanischen Puebla südöstlich der Hauptstadt Mexico City: "Durch den Podcast haben wir Hunderte von Hinweisen erhalten, von denen uns einige auf die richtige Spur geführt haben. Am Ende war es aber gute alte Polizeiarbeit, die zu seiner Ergreifung geführt hat."

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SZ vom 07.08.2019/olkl
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