Süddeutsche Zeitung

Großbritannien:Rotherham, die schweigende Stadt

  • Im englischen Rotherham wurden zwischen 1997 und 2013 mindestens 1400 Kinder und Jugendliche von organisierten Banden sexuell missbraucht.
  • Eine Sozialforscherin kam zu der erschütternden Einsicht, dass Stadtverwaltung und Polizei bewusst wegschauten.
  • Nun hat ein Prozess gegen sechs Männer und zwei Frauen begonnen, die an den Verbrechen beteiligt gewesen sein sollen.

Von Christian Zaschke, London

Es gibt wohl keinen Ort in England, der einen so schlechten Ruf hat wie Rotherham in South Yorkshire. Das liegt daran, dass in der 120 000-Einwohner-Stadt zwischen 1997 und 2013 mindestens 1400 Kinder und Jugendliche von organisierten Banden sexuell missbraucht worden sein sollen.

Zu diesem Ergebnis kam ein unabhängiger Bericht, den die Sozialforscherin Alexis Jay im August 2014 vorlegte. Ihr erschütterndes Fazit: Das alles geschah unter den Augen der Stadtverwaltung und der Polizei, die jedoch beschlossen hatten, nichts zu tun - absurderweise auch, weil sie um den guten Ruf der Stadt fürchteten.

Der Stadtrat war damit beschäftigt, den eigenen Ruf zu schützen

An diesem Montag hat am Sheffield Crown Court ein Prozess gegen sechs Männer und zwei Frauen begonnen, die an den Verbrechen beteiligt gewesen sein sollen. Sie bestreiten die Vorwürfe. Den Männern werden unter anderem Vergewaltigung, Freiheitsberaubung, schwere Körperverletzung und Kindesmissbrauch vorgeworfen. Die beiden Frauen sollen Komplizinnen gewesen sein.

Die Anklage listet 74 Verbrechen auf, die an 14 Opfern begangen worden sein sollen. Der Prozess ist der Anfang der großen Aufarbeitung, die nun in Rotherham ansteht. Die National Crime Agency geht davon aus, dass es mehrere Jahre dauern werde, sämtliche Fälle aufzuklären.

Jahrelang hatte die Stadt weggesehen, obwohl es immer wieder Hinweise darauf gab, dass in Rotherham organisierte Banden ihr Unwesen trieben. 2001 wurden die Vorgänge erstmals aktenkundig, es gibt Untersuchungsberichte aus den Jahren 2002, 2003 und 2006, die auf die Missstände hinwiesen. Deren Ergebnisse wurden nicht nur ignoriert, sondern auch verheimlicht. Bei den Tätern handelte es sich um Männer pakistanischer Herkunft, bei den Opfern um weiße Mädchen. Die Stadtverwaltung fürchtete den Vorwurf der Ausländerfeindlichkeit und soziale Spannungen, falls sie gegen die Täter vorgegangen wäre.

Im Jahr 2010 wurden fünf Männer wegen Vergewaltigung und anderer sexueller Straftaten zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Vorangegangen war eine zwei Jahre währende Ermittlung der Polizei. Doch der systematische Missbrauch ging weiter. Ein Reporter der Londoner Times begann, ausführlich in Rotherham zu recherchieren. 2011 enthüllte er das Versagen der Stadtverwaltung, die daraufhin aktiv wurde. Allerdings nicht, indem sie sich endlich des eigentlichen Skandals annahm, sondern in dem sie versuchte, den Informanten des Journalisten zu finden.

2012 veröffentlichte die Times die Geschichte eines 13 Jahre alten Mädchens, das von mehreren Männern zum Geschlechtsverkehr gezwungen worden war. Diese Recherchen führten dazu, dass die Stadtverwaltung schließlich eine unabhängige Untersuchung in Auftrag gab. Bis dahin war man von einigen Dutzend Opfern ausgegangen. Das wahre Ausmaß sprengte jede Vorstellungskraft.

"Du wirst nicht die Letzte sein"

Nach Veröffentlichung des Untersuchungsberichts im August 2014 bestritten weite Teile des Stadtrats die Ergebnisse. Dass es 1400 Opfer gebe, sei vollkommen übertrieben. Dennoch trat der Vorsitzende des Stadtrats zurück. Sein Kollege Shaun Wright, der im Rat für die Polizei zuständig war und vormals für Kinder und Jugendliche, sah jedoch keinen Grund für einen Rücktritt. Er blieb im Amt, obwohl selbst Premierminister David Cameron forderte, er müsse gehen. Erst einige Wochen später trat Wright widerwillig von seinem Posten zurück.

Die britische Regierung schickte die Sondergesandte Louise Casey in die Stadt. Im Februar dieses Jahres bestätigte sie die Ergebnisse des Berichts der Sozialforscherin Jay und stellte fest, der Stadtrat sei nicht dazu befähigt, seine Aufgaben wahrzunehmen und dagegen durchweg bestrebt gewesen, seinen eigenen Ruf zu schützen - und nicht die verletzlichsten Einwohner der Stadt. Der Stadtrat trat geschlossen zurück, die Verwaltung wurde an kommissarische Vertreter aus London übergeben.

Der Prozess ist auf mindestens sieben Wochen angesetzt

Die Banden gingen stets nach dem gleichen Muster vor. Die Mädchen - das jüngste erst elf Jahre alt - wurden von den jüngeren Gang-Mitgliedern mit Geschenken umgarnt, mit Drogen und Alkohol und oft auch mit dem Versprechen echter Liebe. Nach einigen Wochen begann die Gewalt, die Mädchen wurden geschlagen, sexuell missbraucht, älteren Männern zugeführt und zur Prostitution gezwungen. Die meisten Opfer kamen aus sozial zerrütteten Verhältnissen, ein Drittel lebte in staatlicher Fürsorge. Doch die Sozialdienste boten ihnen keinen Schutz.

Die Täter sorgten dafür, dass die Mädchen den Kontakt zu ihren Familien verloren und in ihrer Schutzlosigkeit keine Alternative zu ihren Peinigern sahen. Wer sich widersetzte, wurde geschlagen, manche Opfer sollen mit Benzin übergossen worden sein. Die Drohung: Wer nicht spurt, wird bei lebendigem Leib verbrannt. Ein Mädchen erzählt in dem Untersuchungsbericht, dass es dennoch zur Polizei ging. Dort habe es geheißen: "Mach dir keine Sorgen. Du bist nicht die Erste, die von XX vergewaltigt worden ist, und du wirst auch nicht die Letzte sein."

Im nun beginnenden Prozess in Sheffield geht es nur um einen kleinen Teil dieser monströsen Verbrechen. Er ist auf mindestens sieben Wochen angesetzt.

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Quelle:
SZ vom 08.12.2015/fued
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