Süddeutsche Zeitung

SZ-Kolumne "Bester Dinge":Es ist nur eine Phase, Nase!

Britische Restauratoren haben das Porträt einer Adeligen von einer Retusche im Kylie-Jenner-Stil befreit. Jetzt ist es wieder zeitlos schön.

Von Martin Zips

In Sachen Mode ist bekannt, dass man auf jeden Fall mit ihr gehen sollte, wenn man von seinen Zeitgenossinnen ernst genommen werden möchte. Karohemden zum Beispiel sind gerade optisch schwierig, auch Krawatten mit Tiermuster. Ebenso Tattoos an Stellen, an denen sie zuvor noch recht beliebt waren. Klickt man sich dieser Tage durch die "Promi"-Welt, so denkt man schon darüber nach, sich vielleicht die Nase richten oder die Krähenfüße botoxen zu lassen. Muss ja alles nicht so enden wie bei diesem Berliner Modedesigner, dessen Name uns entfallen ist. Dennoch wägt man ab: Mag dieser oder jener Eingriff auch von der Nachwelt noch verstanden werden? Man denke an die schrecklichen Sonnenbrillen, mit denen die eigenen Eltern im Fotoalbum "Noordwijk aan Zee, 1977" verewigt sind.

Das Porträt der englischen Adeligen Diana Cecil (1596 - 1654), das haben Restauratoren herausgefunden, wurde nach ihrem Tod noch mal bearbeitet. Weil die schmalen Lippen und der hohe Haaransatz als nicht mehr zeitgemäß empfunden wurden, versah man die schöne Jakobinerin auf dem Ölgemälde posthum mit: dicken Lippen und einem tieferen Haaransatz. Kunstexperten, so berichtet der Guardian, haben jetzt die sogenannte Kylie-Jenner-Retusche wieder entfernt, benannt nach Kim Kardashians Halbschwester, die auch zur optischen Optimierung neigt.

Menschen, welche mit Modediktaten schon immer Probleme hatten, gibt diese Rückbesinnung auf das Ursprüngliche neue Kraft. Sie sehen: Selbst mit eingefallenen Wangen, schlappen Muskeln und gelben Zähnen habe auch ich noch eine Zukunft. Für die, denen das jetzt vielleicht zu unmodern ist, gibt's sicher bald eine neue KI-Brille zu kaufen, bei der sie einstellen können, wie sie was gerne sehen möchten.

Und, ehrlich gesagt, so eine Brille wäre schon zu Diana Cecils Zeiten sinnvoll gewesen. Also damals, als Papst Pius IV. angesichts der vielen männlichen Genitalien in der Sixtinischen Kapelle schier verzweifelte. Hätte es da schon so eine Brille gegeben, der Retuscheur Daniele da Volterra hätte niemals losziehen müssen, um Michelangelos fröhlichen Himmelsnudisten irgendwelche blöden Hosen anzupinseln.

Bloß, weil das gerade Mode war.

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