Süddeutsche Zeitung

10 Jahre nach dem Tsunami:Der Leichensucher von Aceh

In der indonesischen Provinz Aceh forderte der Tsunami so viele Opfer wie nirgends sonst. Fauzi Husaini hat nach der Katastrophe die Toten geborgen. Er hat diese grauenvolle Arbeit unversehrt überstanden, doch manche Enttäuschung wirkt noch nach.

Von Stefan Klein, Aceh

Fauzi Husaini erledigte seine grauenvolle Arbeit still, klaglos und zügig, Tag für Tag, Woche für Woche. Es gab Leute, die wandten sich erschrocken ab, wenn sie sahen, was er machte - und zogen sich das T-Shirt über Mund und Nase. Es gab Mitglieder in seinem Team, die wurden gefragt, ob sie verrückt geworden seien, eine solche Arbeit zu machen, noch dazu bei einem solchen Lohn. Der betrug weniger als einen halben Dollar pro Tag. Aber um Geld sei es ihm nicht gegangen, sagte Husaini. Die Arbeit empfand er als seine Pflicht.

Einmal nahm er den SZ-Reporter mit. Es war der 4. Februar 2005, ein paar Wochen nach dem Tsunami, der die indonesische Provinz Aceh an der Nordspitze der Insel Sumatra brutaler getroffen hatte als jedes andere Land in der Region. Es war ein Tag wie so viele im Leben des Indonesiers Husaini, und als er zu Ende war, da hatte er mit seinem Team 98 Leichen geborgen und in einem Massengrab entsorgt.

Wiedersehen mit dem Leichensucher von Aceh. Fast zehn Jahre sind vergangen, Menschen verändern sich in so vielen Jahren, aber manches bleibt. Der schnelle Griff zur Zigarettenpackung ist noch immer der gleiche wie damals in dieser grauen, leblos wirkenden Wüste aus Schlamm und Dreck. Es war die einzige Ablenkung, die sich Husaini bei seiner Arbeit zwischendurch gönnte. Ein paar tiefe Züge gegen den Verwesungsgeruch.

Die Handschuhe viel zu dünn und viel zu kurz

Wo sich städtisches Leben in Tod und Zerstörung verwandelt hatte, in der schwer geschlagenen Provinzhauptstadt Banda Aceh, war an diesem Februartag sein Arbeitsplatz. Es ging durch seifigen Morast und schwarzes Wasser, über knatterndes Wellblech, über gefällte Bäume, über Berge von Müll. Husaini und seine Helfer gingen dem Gestank nach oder den Wegweisern, die Überlebende aufgestellt hatten, die irgendwann gekommen waren, um nachzuschauen, was noch übrig war von ihren Häusern. Wo sie einen Toten vermuteten, markierten sie die Stelle mit einem Stock und einem Fetzen Stoff, als Hinweis für die Bergungsteams.

In den ersten Tagen der Katastrophe war das Land übersät mit Leichen, man musste sie nur einsammeln. Das war noch einfach. Am 28. Dezember 2004 zum Beispiel, zwei Tage nach dem Tsunami, war Husaini das erste Mal unterwegs, und als sie an diesem Abend die Toten zählten, waren es über zweihundert.

Nun aber galt es, ganze Schichten von Müll und Trümmern abzutragen, um an die Toten heranzukommen, die davon begraben worden waren. Das war mühsam, gefährlich, und manchmal ging es nur mit der Kettensäge. Es war das einzige Hilfsmittel des halben Dutzend Männer, die noch nicht mal gescheit ausgerüstet waren. Die Handschuhe viel zu dünn und viel zu kurz, man musste sich Sorgen machen um die Gesundheit dieser Totenausgräber.

Info

Eine deutsche Mutter machte 2004 mit ihrem fünfjährigen Sohn Urlaub in Thailand. Dann kam der Tsunami. SZ-Autor Kai Strittmatter traf sie damals. Jetzt begab er sich noch mal auf die Suche. Stefan Klein war nach zehn Jahren wieder in der indonesischen Provinz Aceh, wo der Tsunami wohl mehr als 200.000 Opfer forderte - so viele wie nirgends sonst. Lesen Sie die Reportagen in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung und in der digitalen Ausgabe für Tablet, Smartphone und Windows 8.

Doch Husaini scheint unversehrt aus der Sache herausgekommen zu sein, zumindest äußerlich. Zusammen mit seinen Teams, 72 Mann insgesamt, hat er für das Indonesische Rote Kreuz Tausende von Leichen ausgegraben und geborgen. Wenn seine Gummistiefel einsanken im Schlamm, wusste er nie, ob er auf rostige Nägel oder in gesplittertes Holz treten würde. Wenn er zupacken musste, war er völlig unzureichend geschützt vor dem verseuchten Wasser. Aber es soll ja Schutzengel geben, und Husaini hat offenbar einen gehabt.

Gut sieht er aus, gesund die Hautfarbe. Nein, er hätte keine Probleme gehabt, sagt Husaini, Schwierigkeiten hätten ihm nur die Teammitglieder bereitet, die es nicht ausgehalten hätten, ständig und immer wieder Leichen freizulegen und in Leichensäcken zu verstauen. In Sri Lanka wurden die Tsunami-Opfer an Ort und Stelle mit Benzin übergossen und verbrannt. In einem muslimischen Land geht das nicht, in einer so strenggläubigen Provinz wie Aceh erst recht nicht. Da müssen Leichen begraben werden.

Vorher waren sie zu durchsuchen. Sofern es noch möglich war. Manchmal fanden sie dabei Hinweise auf die Identität, manchmal Geld, manchmal Schmuck. Was vom Leben übrig blieb, haben sie den Toten abgenommen und aufgehoben. Zum Teil befindet es sich jetzt beim Roten Kreuz in einem kleinen Zimmer hinter Glas: Personal- und Studentenausweise, Führerscheine, Kreditkarten, SIM-Karten und all die anderen Karten, die einen Menschen identifizieren als Wähler, als Parteimitglied, als Angestellter im öffentlichen Dienst, als Mitglied in der Leihbibliothek.

1,782 Kilogramm Goldschmuck

Husaini führt an den Vitrinen entlang, und wenn es nach ihm gegangen wäre, dann würde er jetzt auch noch etwas anderes präsentieren. Je mehr Schmuck sie an den Toten fanden, desto konkreter wurde ihr Plan, das Gold zu Geld zu machen und davon eine Moschee zu bauen. Syuhada sollte sie heißen, Märtyrer, zu Ehren der Tsunamiopfer. Die Idee hat sie begeistert, sie gab ihrer Arbeit zusätzlichen Sinn.

In der bauchigen Hälfte einer Wasserflasche aus Plastik haben sie alles gesammelt, was sie fanden, Kettchen, Ringe, Ohrringe, Armreifen, und in den Pausen haben sie die immer wieder mal hervorgeholt, in den Händen gewogen und sich dabei ausgemalt, was für eine prachtvolle Moschee sie bauen würden.

Aber am Ende, als Schluss war mit dem Bergen der Toten, hat man sie von der Idee abgebracht. Nobler Plan, alles gut, aber sei es nicht doch sinnvoller, das Gold einer Wohltätigkeitsorganisation zur Verfügung zu stellen? Schweren Herzens haben sie sich überzeugen lassen, haben ihren Schatz von 1,782 Kilogramm Goldschmuck abgeliefert und sich von ihrem Traum verabschiedet.

Die Enttäuschung wirkt noch nach, und es war nicht die einzige. Husaini hatte gehofft, es würde öfter gelingen, Tote zu identifizieren und sie den Angehörigen zurückzugeben. Passiert ist dies jedoch nur in ganz seltenen Fällen. Fast immer verschwanden die Leichen am Abend anonym in einem Massengrab. Eine tiefe Grube, das Gebet eines Imams, und dann begann auch schon der Bagger, das Loch mit Erde aufzufüllen.

Fauzi Husaini, 46, hat jetzt eine Arbeit, die weniger Stress und weniger Risiko bedeutet. Er ist immer noch beim Roten Kreuz, aber er gräbt keine Leichen mehr aus, sondern hilft dafür zu sorgen, dass es sie in Zukunft nicht mehr gibt - jedenfalls nicht mehr in solchen Massen. Er reist, Zigarette in der Hand, durch die Dörfer in der Provinz Aceh, er besucht Schulen und Gemeinden und klärt auf über die Gefahren von Erdbeben und Tsunamis und was man im Fall einer solchen Katastrophe tun und was man lassen soll.

In 340 Dörfern war er bereits. Fauzi Husaini glaubt, dass die Menschen auf die Gewaltausbrüche der Natur inzwischen gut vorbereitet sind - "viel besser als vor zehn Jahren."

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Eine deutsche Mutter machte 2004 mit ihrem fünfjährigen Sohn Urlaub in Thailand. Dann kam der Tsunami. SZ-Autor Kai Strittmatter traf sie damals. Jetzt begab er sich noch mal auf die Suche. Stefan Klein war nach zehn Jahren wieder in der indonesischen Provinz Aceh, wo der Tsunami wohl mehr als 200.000 Opfer forderte - so viele wie nirgends sonst. Lesen Sie die Reportagen in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung und in der digitalen Ausgabe für Tablet, Smartphone und Windows 8.

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