Süddeutsche Zeitung

Kunst und Natur:Die Quelle der Inspiration

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Sabrina Hohmann lebt und arbeitet in Wackersberg, wo im Jahr 1845 Jodwasser entdeckt wurde. Die Künstlerin reflektiert in ihren Arbeiten die Welt, die sie umgibt.

Von Petra Schneider, Wackersberg

Die Adresse klingt wie aus einem alten Märchenbuch: Quelle 1. Wer in Wackersberg die schmale Straße am Fuß des Blombergs entlangfährt und bis zur Quelle vordringt, wird nicht von Wassergeistern oder Elfenwesen begrüßt, sondern von der Künstlerin Sabrina Hohmann und ihrem Hund, der pflichtschuldig bellt. Ein braver Wachhund, den man vermutlich gern bei sich hat, an diesem zwar märchenhaft idyllischen, aber abgelegenen Ort. Im Garten schleicht eine Katze um einen Ameisenbau - ein Bronze-Abguss, für den Hohmann echten Waldboden samt Fichtennadeln verarbeitet hat und an dem schon mal der Hund sein Bein hebt, wie die Künstlerin erzählt.

Vor 14 Jahren hat sie mit ihrem Mann, dem Bildhauer und Hochschulprofessor Andreas von Weizsäcker, das Haus als Atelier gepachtet. Nach dem Krebstod ihres Mannes vor sieben Jahren ist sie ganz von München nach Wackersberg gezogen. Die 49-Jährige hat Bildhauerei an der Kunstakademie studiert. Mit ihren Objekten und Installationen im öffentlichen Raum und in Einzelausstellungen, etwa im Haus der Kunst in München, hat sie sich bundesweit einen Namen gemacht und diverse Preise und Stipendien bekommen.

Das ehemalige Sudhaus am Sauersberg, in dem Hohmann nun lebt und arbeitet, ist eine Quelle der Inspiration und ein historischer Ort: Im Jahr 1845 wurde dort die Jodquelle entdeckt, die den Aufstieg des Marktes Tölz zur Kurstadt begründete. In den 1920er Jahren eröffnete die legendäre "Quellenwirtschaft". Neun Monate haben Hohmann und ihr Mann das alte Haus renoviert - behutsam und überwiegend in Eigenarbeit. Die ehemalige Wirtsstube wurde zum Wohnraum: Dunkler Holzboden, Holzofen, die ehemalige Stammtischlampe baumelt in einer Ecke, gegenüber ein altes Klavier, Bücher bis zur Decke, Fotos, Skizzenblätter.

Im Flur steht der weiße Esel, den Hohmann für die Eröffnungsausstellung des Kulturraums "Eichengrund" von Johanna Zantl gemacht hat und eine Tischtennisplatte. Die Decke ist so hoch, dass man fast Drachen steigen lassen könnte.

In ihrem Atelier hat sich Hohmann einen Diwan gegönnt. "Ich finde, ich bin jetzt alt genug dafür", schmunzelt die 49-Jährige und zündet sich eine Zigarette an. Eine zierliche Person, natürlich und unprätentiös, die eine heitere Gelassenheit ausstrahlt. Sie singt im Wackersberger Kirchenchor und mag es, dass die Einheimischen sie und ihre Arbeit mit Interesse, aber ohne großes Gewese aufnehmen. Die Frage nach der Familie von Weizsäcker beantwortet sie knapp: Das Ferienhaus in Wackersberg gebe es nach wie vor, aber ob die Familie nach dem Tod Richard von Weizsäckers im Januar noch regelmäßig komme, wisse sie nicht.

Hohmann lebt inzwischen mit ihrem Lebensgefährten, dem Maler Stephan Conrady im Haus an der Quelle. Ihr Atelier wird momentan belegt von Wellpappe-Stapeln, aus denen das Schichtmodell eines Gebirges wächst. Mehr will sie über die noch unfertige Auftragsarbeit nicht verraten. Dass für die exakten Schnitte viel Geduld nötig ist, ist unübersehbar. Hohmann ist eine akribische Künstlerin. Für ihre Installation "Chromosomyself" hat sie den menschlichen Chromosomensatz gestrickt, monatelang, obwohl sie Handarbeit nicht leiden kann. Aber die DNA gleiche nun einmal einer endlosen Schnur. "Und da gibt es eben nur den langen Weg."

Oft kommen in ihren Arbeiten Tiere vor oder deren Verhaltensweisen: Schwärme von Türklinken in Vogelflugformation, in Bronze gegossene Tierspuren, die beliebig angeordnet werden können. Auch bei ihrer Arbeit "Dürer trifft Einstein auf Reisen", die sie 2012 als Kunst am Bau im Auftrag des Physikalischen Instituts der Uni Heidelberg gestaltet hat. Wie kann die Idee von Naturwissenschaft und Forschung mit künstlerischen Mitteln ausgedrückt werden? Hohmann entschied sich für zwei Bronzehasen, einer sitzend und aufmerksam beobachtend. Der andere, der den durch eine transparente Plexiglasscheibe gebildeten Raum im Flug durchspringt. "Ich will darüber nachdenken, wie schaue ich auf die Welt und das Leben, das mich umgibt", beschreibt sie das, was sie in ihrer Arbeit antreibt. Die menschliche Wahrnehmung sei nicht frei von tradierten Vorstellungen, von Nutzendenken und Attributen. "Da spult oft einfach ein Programm ab." Und eine Bewertung, die den Lebewesen und ihrem Verhalten nicht immanent sei. Wie bei einem Ameisenhaufen zum Beispiel, der positiv als perfekt funktionierendes System einer konformen Masse wahrgenommen werde. "Bei Menschen würden wir da doch zu Recht einen Schreck kriegen."

Am Ursprung des Bades Tölz

Der Ort, an dem die Künstlerin Sabrina Hohmann lebt und arbeitet, hat historische Bedeutung: Im Jahr 1845 entdeckte Caspar Riesch in Sauersberg die Jodquelle. 1860 wurde die Jodquellen AG gegründet, die bis heute Eigentümerin der Quelle und des 1863 erbauten Sudhauses ist, in dem Jodseifen hergestellt wurden und der Quellenwart wohnte. Dort war auch eine "Restauration" angeschlossen, die sich später zur weithin bekannten "Quellenwirtschaft" entwickelte. Die Kurgäste wanderten von Tölz aus zum Sauersberg, um in dem eigens angelegten Stollen das leicht salzig schmeckende Heilwasser zu sich zu nehmen. Damit beugte man dem vor allem im Alpenraum weit verbreiteten Jodmangel vor, der zu Schilddrüsenerkrankungen führen kann.

Im Juni 1899 wurde dem Markt Tölz die Bezeichnung "Bad" verliehen, im Jahr 1969 das Prädikat "Heilklimatischer Kurort". Die Quelle sprudelt noch heute aus dem Sauersberg, allerdings hat sie ihren Jodgehalt verloren.

In den 1960er Jahren erschloss die Jod AG in der Nähe eine neue Quelle, aus der das Wasser für das Jodbecken im kürzlich geschlossenen Erlebnisbads Alpamare abgefüllt wurde. Bis heute wird es zur Herstellung von Jodprodukten wie Seifen oder Bädern verwendet.

Mit der Einführung von jodiertem Speisalz und Jodtabletten haben Trinkkuren längst ihre Bedeutung verloren. Im Jahr 2005 hat die Stadt Bad Tölz das Prädikat "Jodheilbad" abgegeben und sich erfolgreich um die Anerkennung als "Moorheilbad" beworben. Im von der Stadt geplanten Wellnessbad "Natura Tölz" soll laut Kurdirektorin Brita Hohenreiter das Thema Jod wieder aufgegriffen werden. schp

Viele Geschichten kann Hohmann über die ehemalige Quellenwirtschaft erzählen. Dann fällt sie ins Bairische und man spürt, wie innig ihre Verbindung mit dem Ort und den Leuten ist. Etwa wenn sie vom Klee Toni erzählt, dem legendären Wirt der Quellenwirtschaft, der 25 Jahre lang mit der Zither und seinem "Quellentrio" aufgespielt und berühmte Musikanten wie den Kraudn Sepp angezogen habe. Oder von der Quellen-Anni und der Quellen-Lisl, die aus dem Haus ausgezogen sind, als im Jahr 1959 elektrischer Strom dorthin verlegt wurde. "Weil so was Neumodisches wollten die ned mitmachen", sagt Hohmann.

Ende der 1980er Jahre habe der Klee Toni wegen seines Alters die Wirtschaft aufgegeben. Weil im Gefolge der Gesundheitsreform die Kurgäste ausblieben und immer häufiger die Pächter wechselten, beschloss die Jod AG schließlich, das historische Gebäude nicht länger als Wirtschaft zu verpachten. Dass es stattdessen als Atelier und Wohnraum genutzt werden sollte, habe dem Wackersdorfer Gemeinderat anfangs nicht behagt, erinnert sich Sabrina Hohmann. Denn der Ort habe für die Einheimischen eine identitätsstiftende Bedeutung, die ihr sehr wohl bewusst sei. Deshalb öffnet sie ihr Atelier immer wieder für Ausstellungen und Veranstaltungen. Wie vor zwei Jahren, als sie anlässlich des 150-jährigen Jubiläums zum "Historischen Biergarten" eingeladen hatte. "Wenn sich hier die gstudierten Künstler aus München und die Einheimischen mischen, das mag ich sehr."

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Quelle:
SZ vom 07.10.2015
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