Süddeutsche Zeitung

Von hier für die Welt:Guter Schlaf mit Meeresalgen

Lesezeit: 4 min

Für ihre Marke "Slowsleeping" weben Bettina und Peter Schoierer aus Holzhausern besondere Fasern in die Tücher und Decken ein, die sie in ihrem neuen Online-Shop anbieten. Die Idee dazu entstand während eines Familienurlaubs.

Von Benjamin Engel

Manchmal kommt es vor, dass ein nicht gerade erquickliches Erlebnis inspirierend wirkt: So ging es der gebürtigen Wiesbadenerin Bettina Schoierer vor zwei Jahren in einem Urlaub, den sie mit ihrer Familie auf Ibiza verbrachte. Sie wälzte sich unruhig im Bett, zu hart waren ihr die Hotelkissen. Erst als sie ein Handtuch zusammenknüllte und sich unter den Kopf schob, fand sie endlich Schlaf. Am Morgen wachte sie neben ihrem vierjährigen Sohn auf, der friedlich dalag, in sein Kuscheltuch versunken. "Warum habe ich nicht so ein Tuch", dachte sie sich.

Aus diesem innig-intimen Moment haben die 43-Jährige und ihr zehn Jahre älterer Mann Peter die Idee für die Marke "Slowsleeping" entwickelt. In ihrem kleinen Online-Shop bieten sie seit Februar Schlaftücher und dünne Decken mit Fasern aus Meeresalgen an, die in den Stoff eingearbeitet sind. Und in ihrem Wohnhaus in Holzhausen haben sie einen Showroom für ihr neues Start-up eingerichtet. Der große Kellerraum wurde zum Lager umfunktioniert.

Am Anfang erschien es dem Paar zu wenig innovativ, ein zwar kuscheliges, aber sonst unauffälliges Schlaftuch zu produzieren. "Es sollte irgendetwas für die Schönheit sein, ein Beauty-, Wellness- und Lifestyle-Produkt für zu Hause", erzählt Bettina Schoierer. So stieß sie zusammen mit ihrem Mann auf die vom deutschen Hersteller Smart Fiber entwickelten Meeresalgen-Fasern. Das, so fanden beide, wäre das ideale Material für die Stoffe ihrer Schlaftücher und Decken. "Algen sind reichhaltig an Mineralstoffen und Spurenelementen", sagt Peter Schoierer. "Durch ein Kilo getrocknete Algen sind 100 000 Liter Meerwasser hindurchgeflossen." Das passe hervorragend zu einem Produkt, das die Themen Schönheit und Schlaf verbinde, finden er und seine Frau. Schließlich schlafe der Mensch ein Drittel seines Lebens - und niemand sollte diese Phasen einfach so verstreichen lassen. Durch die natürliche Hautfeuchtigkeit würden die Vitalstoffe der Alge aus dem Stoff freigesetzt. Trotzdem betonen beide vor allem den Wohlfühlfaktor ihrer Produkte, nicht so sehr den medizinischen Aspekt. "Wir wollen kein Wirkversprechen geben", betonen sie.

Für die nachhaltigen und umweltschonenden Ernteprozesse der Alge hat die EU die von Smart Fiber entwickelte und patentierte SeaCell-LT-Faser mit dem Europäischen Umweltpreis ausgezeichnet. Die Algen werden in den Fjorden Islands geerntet, getrocknet und zerkleinert. Mit Hilfe des sogenannten Lyocell-Verfahrens werden die Algen in Zellulosefasern integriert. Für den Herstellungsprozess arbeitet das thüringische Unternehmen Smart Fiber mit der österreichischen Lenzing AG zusammen. "Das Endprodukt fühlt sich an wie feine Härchen", beschreibt Peter Schoierer den haptischen Eindruck.

Der Prozess vom ersten Kontakt mit Smart Fiber im November 2019 bis hin zu den Musterprodukten war für das Paar aus Holzhausen länger und auch reibungsreicher als gedacht. "Es war ein wenig holprig", sagt Schoierer. "Eigentlich war es uns eine Herzensangelegenheit, die Produktion in Deutschland zu haben." In der gesamten Bundesrepublik habe er zwar viele Textilhersteller besucht, erzählt er. Doch keiner von diesen sei bereit gewesen, mit seinem Start-up zusammenzuarbeiten, teils auch wegen der geringen Abnahme-Stückzahlen. Dabei wäre eine Kooperation nicht an seiner Bereitschaft gescheitert, auch selbst Geld in die Hand zu nehmen, sagt Schoierer. Nun verarbeitet eine asiatische Manufaktur die Stoffe für die Slowsleeping-Produkte. Per Zug wird die Ware zwischen Europa und Fernost hin- und hertransportiert.

Ohne globale Wirtschaftskreisläufe würde das Holzhauser Start-up wohl nicht existieren - diese Zirkulation reicht in ihrem Fall von den in Island geernteten Algen über die Faserproduzenten in Deutschland und Österreich bis zu der Manufaktur in Asien. Dafür erhalten die Kunden nach Darstellung der Schoierers jedoch ein hochwertiges Premium-Produkt, das allerdings auch seinen Preis hat. Das liegt schon allein am recht teuren Algenfaser-Grundstoff. Daraus besteht das 120 mal 75 Zentimeter großen Schlaftuch zu 25 Prozent, die restlichen 75 Prozent sind Baumwolle. In die Füllung kommen ausschließlich botanische Fasern aus nachwachsenden Hölzern. Zu kaufen gibt es das Schlaftuch für einen Preis von 128 Euro, in der Version mit zusätzlich eingearbeiteten Zinkfasern für 168 Euro. Die dünnen Decken kosten knapp 200 Euro das Stück.

Ihr Ziel sei es, eine hochwertige Premium-Marke um das Label "Slowsleeping" aufzubauen, sagt Bettina Schoierer. Deshalb auch die verhältnismäßig hohen Preise. Und irgendwie passen die Produkte auch gut zum Entstehungsort der Idee - eben zu Ibiza. Die balearische Mittelmeerinsel ist schließlich für ihren trendigen, durchaus exklusiveren Lifestyle bekannt. Ganz bewusst haben die Schoierers ihre Produkte auch in hellgrau gehalten. Schließlich sollen sie zeitlos elegant sein. Auffällig ist zudem das auf jedem Produkt eingestickte Logo des Start-ups. Fast erinnert es an eine symmetrische Blüte. Dahinter verbirgt sich allerdings der altgriechische Buchstabe Phi, der für das Logo vier Mal ineinandergeschlungen ist. In der Theorie des Goldenen Schnitts bezeichnet die Zahl Phi das perfekte Teilungsverhältnis. "Es steht für Schönheit und Ästhetik", sagt Peter Schoierer. Daher habe er sich dafür als Logo entschieden.

Nach einem stressigen Arbeitstag mache sie es sich selbst gerne unter einer der Decken gemütlich, sagt die selbständige Personaldienstleisterin Bettina Schoierer. Wie die Kunden die Produkte nutzten, ob sie beispielsweise das Schlaftuch mehrmals falteten, sei ganz ihnen überlassen. Ihr Mann ist als Marketing-Experte in der Modebranche durchaus erfahren. Er hat Werbekampagnen für Unternehmen entwickelt und ist als Berater eines Ski-Bekleidungsherstellers selbst in die Produktion eingestiegen. Sogar eine Firma für Kaschmir-Bekleidung gründete und betrieb er. Jetzt hat er sich den Traum verwirklicht, gemeinsam mit seiner Frau ein eigenes Start-up aufzubauen.

Das wollen beide bewusst exklusiver halten. Ihre Produkte möchten sie nach eigener Vorstellung nur online oder in ausgewählten Hotelshops und Boutiquen anbieten. "Wir wollen kein Massenprodukt sein", sagt das Paar unisono. Gerade dafür bietet sich die innovative, bislang erst für wenige Textilfirmen verarbeitete Meeresalgenfaser als Produktbasis womöglich besonders gut an.

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Quelle:
SZ vom 23.04.2021
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