Süddeutsche Zeitung

Podiumsdiskussion in Penzberg:Hauptsache, es geht los

Örtliche Initiativen und Fachleute diskutieren über Klimaschutz. Gymnasialdirektor Bernhard Kerscher gesteht den "Fridays for Future"-Aktivisten, seine Generation habe "es vermasselt"

In Penzberg tut sich etwas in Sachen Klimaschutz. Nicht nur hat der Stadtrat vergangene Woche ein ganzes Maßnahmenpaket beschlossen, was die Sanierung und den Neubau öffentlicher Gebäude betrifft, es gibt auch mehrere Initiativen wie den Bund Naturschutz und den Gesprächskreis "Penzberg 2030", die etwas bewegen wollen und sich im Penzberger Aktionsbündnis für Klimaschutz organisiert haben. Dieses hatte für Freitag zu Informationen und Austausch in den Barbarasaal im Pfarrzentrum Christkönig eingeladen. Nach ausführlicher Diskussion auf dem Podium fasste Moderatorin Martina Raschke, von Beruf Nachhaltigkeitsberaterin, die Klimaschutzziele so zusammen: "Lieber schlampig gestartet als perfekt abgewartet!"

Anette Völker-Rasor von Penzberg 2030 eröffnete den Abend mit den Worten: "Liebe Verteidiger des Klimas!", ehe ein aus Klimafachleuten, Bildungsvertretern sowie Politikerinnen und Politikern zusammengesetzter Expertenkreis das Podium übernahm. Völker-Rasor zeigte sich überrascht. "Wir sind überwältigt", sagte sie angesichts des vollbesetzten Barbarasaals.

"Seien Sie Botschafter, gehen Sie raus! Die, die hier sind, sind sowieso schon auf dem Weg", appellierte Moderatorin Martina Raschke an die Besucher, die sich vorher auf dem "Markt der Möglichkeiten" in den Räumlichkeiten der Pfarrei über verschiedene Umwelt- und Klimainitiativen wie das Carsharing Pfaffenwinkel informieren konnten. Raschke bat Friedemann Zeitler auf die Bühne, Professor an der Hochschule Coburg und Experte im Bereich der energetischen Bewertung und Optimierung von Gebäuden.

Er erklärte anhand prägnanter Beispiele, wie schnell eine Kilowattstunde Strom verbraucht ist - und wie viel es braucht, um sie zu erarbeiten. Beispielsweise sei diese eine Kilowattstunde mit dem Streamen eines 100 Minuten langen Spielfilms über das Internet bereits weg, rechnete der Professor vor. "Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Schutzmauern und die anderen Windmühlen", fasste er seine Ausführungen mit einem chinesischen Sprichwort zusammen.

Beatrix von Frenckell, bei der Stadt Innsbruck für Klimaschutzstrategien zuständig, referierte anschließend über die Maßnahmen, die man in der Tiroler Landeshauptstadt im Gebäudebereich umgesetzt hat. Basis für die Entscheidungen sei ein fraktionsübergreifender Konsens. So würden in der 132 000-Einwohner-Stadt von 2023 an nur noch Passivhäuser genehmigt, sowohl bei städtischen als auch bei Privatbauten. Zudem werde es im Strom-Mix von 2021 an keine fossilen Energieträger mehr geben. Der Vorteil der Tiroler: Sie können rund 85 Prozent ihres Energieverbrauchs über Wasserkraft decken.

In der anschließenden Gesprächsrunde diskutierten der Penzberger Gymnasialdirektor Bernhard Kerscher und Jakob Ohage, ehemaliger Schüler des Gymnasiums und nun Student, über das Phänomen "Fridays for Future" (FFF). Kerscher signalisierte sein grundsätzliches Verständnis. "Wir ham's vermasselt", sagte er hinsichtlich des Ressourcenverbrauchs seiner Generation. Schulen seien zwar schon immer "Brutstätten der Revolution" gewesen. Trotzdem habe er dafür zu sorgen, dass die Schulpflicht eingehalten wird. Ohage umriss die Situation der Schüler. "Man hat wenig Macht, irgendwann muss aber Schluss sein und man muss auf den Tisch hauen."

Auf die Frage Raschkes, wo denn "jeder selbst schrauben" könne, um etwas zu verändern, sprach Kerscher von einem Systemfehler. Der "wahre Preis", den jeder Einzelne zahlen müsse, "wird weh tun". Er bezeichnete das Klimapaket der Bundesregierung als "lächerlich". Die Moderatorin appellierte an die Zuhörerschaft, dass man "teilweise mit dem Denken neu anfangen" müsse. Beatrix von Frenckell insistierte, dass klimafreundliches Verhalten mehr belohnt werden sollte.

Schließlich legten die Penzberger Bürgermeister-Kandidaten die ihrer Meinung nach wichtigsten Impulse für das erklärte Ziel "Anders leben in der Kommune" dar. "Klimaschutz muss bezahlbar sein", sagte Amtsinhaberin Elke Zehetner (SPD). Michael Kühberger (FLP) sieht den überbordenden Lobbyismus als Grund vielen Übels. "Wir hätten so viele Möglichkeiten", sagte der 56-Jährige. Vieles werde schlichtweg blockiert. "Wenn wir nicht anders leben, bleibt unseren Kindern nichts anderes übrig, als anders zu leben", fasste Stefan Korpan von der CSU zusammen. Die Politik habe eine klare Aufgabe und könne es sich leisten, etwas zu tun. Kerstin Engel (Grüne) sieht sich als Aufklärerin. "Politiker müssen das Bewusstsein verbreiten, dass wir was tun können, wenn wir wissen, was wir tun können."

Für Martin Okrslar von der Wohnbaugenossenschaft Maro gehört der "schmerzfreie Verzicht auf den Individual-Pkw" zum Bau moderner Wohnanlagen dazu. Für das Maro-Projekt in Penzberg, dessen 22 Wohneinheiten 2020 bezugsfertig werden, sind Car-Sharing-Stellplätze geplant. "Sehr viel macht aber der Nutzer aus", fasste Okrslar zusammen. Es liege an jedem einzelnen Bewohner, sich klimafreundlich zu verhalten.

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SZ vom 25.11.2019
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