Süddeutsche Zeitung

Eine Industriebrache wird besichtigt:Neue Ideen fürs alte Moralt-Gelände

Bezahlbare Wohnungen, Kultur, Gastronomie, Markthalle oder Tiny-House-Siedlung: Bei einem Spaziergang durch das frühere Firmenareal tragen mehr als 100 Teilnehmende ihre Vorschläge für eine künftige Nutzung vor. Die von der Stadt beauftragte Machbarkeitsstudie soll im Sommer 2023 vorgestellt werden.

Von Klaus Schieder, Bad Tölz

So manche Industriebrache ist schon zu neuem Leben erwacht: Auf dem ehemaligen AEG-Gelände in Nürnberg entstand eine Kulturwerkstatt, im Magnus-Park in Füssen werden frühere Fabrikhallen von Künstlern, Existenzgründern und Handwerkern genutzt. Auch Bad Tölz hat ein Werksgelände mit zerschlagenen Fenstern, leeren Hallen, rostigen Türen und Pflanzen, die aus Asphaltritzen sprießen: Das Moralt-Gelände zwischen Lenggrieser Straße und Bundesstraße 13 steht seit sechs Jahren leer. Die Stadt ist zwar nicht Eigentümerin des rund zwei Hektar großen Areals, hat aber eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, um das Feld für eine künftige Nutzung abzustecken. Im Zuge dieser Untersuchung war die Tölzer Bevölkerung am Samstag zu einem Spaziergang eingeladen, um ihre Ideen für die Zukunft dieser alten Industrieflächen vorzubringen. Die Resonanz war beträchtlich: Mehr als 100 Teilnehmende kamen zu der Ortsbesichtigung.

2016 war die Moralt AG aus Bad Tölz weggezogen. Damit endete eine 116-jährige Firmengeschichte, die einst mit August Moralt begonnen hatte, dem Erfinder der Stäbchenplatten. Seit der Schließung habe die Stadt viele Kontakte wegen der Industriebrache gepflegt, sagte Bürgermeister Ingo Mehner (CSU). Zum Wasserwirtschaftsamt, zum Landratsamt, zum Staatlichen Bauamt. Nun gelte es, aus vielen Einzelfragen, die dabei erörtert wurden, ein Gesamtbild zu formen. Dazu wurde die Dragomir Stadtplanung GmbH aus München mit einer Machbarkeitsstudie beauftragt. Ein Schritt, den Eigentümer Hans Wehrmann mitgeht. Gefragt seien nun Ideen aus der Bevölkerung und der Unternehmerschaft, die von den Stadtplanern hernach "in Form gebracht werden", sagte er.

Auf der einen Seite harte Faktoren, auf der anderen die Zielvorstellungen von Stadt, Eigentümern, Unternehmern, Bürgern und der Nachbargemeinde Gaißach, der ein Stück des südlichen Areals gehört: In diesem Spannungsfeld versuche man, "eine konsensfähige Variante" zu finden, sagte Martin Birgel, geschäftsführender Gesellschafter des Stadtplanungsbüros Dragomir. Diese sei dann die Grundlage für die weiteren Planungsschritte, etwa den Bebauungsplan der Stadt. All das dürfte geraume Zeit dauern. Die Entwicklung des Moralt-Geländes sei "nicht etwas, das in zwei Jahren geschieht", sagte Birgel.

Die Rahmenbedingungen sind kompliziert. Da ist zunächst die Denkmalpflege: Der Uhrenturm, das hölzerne Dachgebälk in der Halle der alten Schlosserei und das ehemalige Verwaltungsgebäude stehen unter Schutz und können nicht einfach abgerissen werden. Da ist der Hochwasserschutz: Durch die nahe Isar und den Linsensägbach, der mitten durchs Gelände fließt, liegen die Moraltflächen in einem Überschwemmungsgebiet. Da ist die Natur: Am Ufer der Isar befinden sich Schutzgebiete, die direkt an die Industriebrache angrenzen. Da ist der Verkehr: Zu dem ehemaligen Firmengelände gibt es bisher nur zwei Zufahrten - im Norden am alten Verwaltungsgebäude, im Süden von der Bundesstraße 13 her. Je nach künftiger Nutzung müsste dies in Absprache mit dem Staatlichen Bauamt Weilheim geändert werden, ebenso die Fußgängerwege und die Radunterführung. Und da ist auch die Nachbarschaft: der Supermarkt, der Baumarkt, die Schnellimbiss-Kette.

Summa summarum: "Es gibt viele Restriktionen", resümierte Birgel. "Da kommt einiges auf das Areal zu, wo es gilt, letztlich eine wirtschaftliche Nutzung zu finden." Schließlich nütze es niemandem, irgendwelche Luftschlösser zu bauen. Wohnen, Gewerbe, Kultur - um Leben aufs Moralt-Gelände zu bekommen, ist für Birgel mehr als nur eines solcher Zielelemente nötig. "Es wird eine Mischung verschiedener Nutzungen sein."

Auf dem Spaziergang über das Areal, der in zwei Gruppen stattfand, durften die Teilnehmenden ihre Wünsche auf Postkarten notieren. Um Vorschläge waren sie nicht verlegen: eine Kulturhalle in der alten Schlosserei, eine Gastronomie mit Biergarten in der alten Kantine, die Ansiedlung von 25 bis 30 Gewerbebetrieben als Zwischennutzung, ein Dokumentationszentrum Flößerei, eine Siedlung mit Tiny Houses, eine Berufsschule, eine Markthalle. All diese Ideen standen nach dem Rundgang auf den Karten zu lesen, die an Stellwände gepinnt werden konnten. Vor allem eine Forderung tauchte jedoch immer wieder auf: bezahlbare Wohnungen.

Bis Anfang nächsten Jahres sollen die Anregungen aus der Tölzer Bevölkerung in einer Dokumentation zusammengefasst und auf die Homepage der Stadt gestellt werden. Die Machbarkeitsstudie soll dann bis Sommer fertig sein und im Stadtrat vorgestellt werden. Wer noch Vorschläge für das Moralt-Areal hat, kann sie per E-Mail an badtoelz@dragomir.de senden.

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