Süddeutsche Zeitung

Konzert in Geretsried:Stimmig

Der Isura-Madrigal-Chor meistert die polyphonen Werke in seinem Konzert mit Musik aus Renaissance und Frühbarock ganz großartig

Der Andrang ist gewaltig. Schon eine Viertelstunde vor Konzertbeginn werden die Plätze in der Kirche Maria Hilf allmählich knapp, doch der Strom der Interessierten reißt nicht ab. Geschickt hat der Isura-Madrigal-Chor auf seinen Konzertplakaten die Werke zu 36 und zu 24 Stimmen hervorgehoben, was natürlich die Neugier geweckt hat. Hinzu kommt der hervorragende Ruf, den sich der Chor in den gut 30 Jahren seines Bestehens ersungen hat. Und so ist die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt. Sehr erfreulich, dass ein Programm ganz ohne populäre Zugnummern auf so viel Publikumsresonanz stoßen kann. Weniger erfreulich: die klappernde Eingangstür, die das erste Stück empfindlich stört. Erst als ein Konzertbesucher nach hinten geht und die Tür energisch zuklinkt, ist Ruhe.

Chorleiter Johannes Buxbaum hatte für das Konzert in Geretsried ein A-cappella-Programm aus Renaissance und Frühbarock zusammengestellt. Zu Beginn stand das "Deo Gratias" von Johannes Ockeghem, einem Meister aus dem 15. Jahrhundert. In vier Blocks stellte sich der Chor rund um die Zuhörer auf: Sopran vorn, Alt links, Tenor rechts, Bass hinten. So wurde der Kirchenbau in die Musik mit einbezogen und zu einem gewaltigen, klingenden Musikinstrument. Und so faszinierend die ungewohnten Harmoniefolgen der Einleitung auch waren, so warteten doch alle auf das Eigentliche: den Kanon zu 36 Stimmen. Dann ging es los; Buxbaum gab reihum einem Sänger nach dem anderen seinen Einsatz.

Ein derart vielstimmiges Werk ist für einen Chor von 40 Sängerinnen und Sängern nicht nur musikalisch eine Herausforderung, sondern es stellt auch jede einzelne Stimme unbarmherzig bloß. Hier wird jeder Chorist zum Solist, bei seinem Einsatz glasklar und unzweideutig herauszuhören. Und gerade hier bewährte sich die ausgezeichnete Einzelstimmbildung, die der Isura-Madrigal-Chor pflegt. Anna-Theresa Buxbaum, die Ehefrau des Chorleiters, hatte die Sängerinnen und Sänger mustergültig geschult, so dass auch diese Klippe mehr als achtbar genommen wurde. Natürlich waren nicht alle Stimmen gleich: nicht gleich kräftig, nicht gleich klar, ja, und sagen wir es offen, auch nicht gleich schön. Aber keiner blamierte sich, alle trugen das ihre dazu bei, das Werk zu einem faszinierenden Klangerlebnis zu machen. Ob es wirklich 36 Stimmen waren: wer wollte das schon nachzählen?

Dann gruppierte sich der Chor im Altarraum in gemischter Aufstellung, und es folgten die "normalen" Stücke. Überrascht nahm man wahr, welche Ausdrucksvielfalt die Musik der Zeit um 1600 bietet. Zahlensymbolik, Tonmalerei, aber auch harmonische Expressivität - alles wird geboten. Die "Isuraner" folgten dem klaren und präzisen Schlag ihres Leiters und glänzten mit makelloser Intonation, ausgewogenem Chorklang und disziplinierter dynamischer Gestaltung. Beim einzigen hochbarocken Werk des Abends, dem "Crucifixus" von Antonio Lotti, gab es leichte Anlaufschwierigkeiten in den Männerstimmen, doch auch hier fing sich der Chor rasch und fand zu gewohnter Form zurück.

Im Mittelpunkt des Programms stand das "Miserere" von Gregorio Allegri, bekannt vor allem dadurch, dass das Werk früher der Päpstlichen Kapelle vorbehalten war und streng geheim gehalten wurde, bis es der 14-jährige Mozart nach einmaligem Hören aus dem Gedächtnis korrekt niederschrieb. Nun, ein ganz klein wenig konnte man Mozart doch in die Karten schauen. Das "Miserere" besteht aus mehreren Strophen, so dass die musikalischen Abläufe ein paarmal hintereinander zu verfolgen waren. In Geretsried war das Werk aufgeteilt auf den Tuttichor im Altarraum, ein Solistenensemble auf der Empore und einen psalmodierenden Einzelsänger; letzterer war auch für diskrete Intonationskorrekturen zuständig.

Zwischen die Musik eingestreut gab es einige Vorträge von Kaplan Thomas Neuberger: über "Gott sei Dank" und "Danke, Gott", über "Gott sei mir gnädig" und anderes, immer in Bezug auf die Gesangstexte. Neubergers Worte boten nicht nur Denkanstöße, sondern hatten auch die wichtige, ja unverzichtbare Funktion, den Chorsängerinnen und -sängern Ruhepausen zur stimmlichen Regeneration zu gönnen. A-cappella-Singen ist anstrengend.

Den Abschluss bildete wieder ein vielstimmiges Werk: "Qui habitat" zu 24 Stimmen von Josquin des Prez, einem Komponisten aus dem frühen 16. Jahrhundert, der den Ehrentitel "Fürst der Musik" trug. Der Isura-Madrigal-Chor nahm für den "Fürst der Musik" im Halbkreis Aufstellung. Wieder konnte man erleben, wie eine Stimme nach der anderen im Kanon einsetzte. Zwischendurch schwächelten einige Sopran-Damen und wollten langsamer werden, doch Buxbaum zog das Tempo eisern durch und hielt seinen Chor bei der Stange. Als der letzte Akkord verklungen war, brach der große und wahrhaft hochverdiente Applaus los. Der Beifall hielt an, bis der gesamte Chor aus der Kirche ausgezogen war.

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Quelle:
SZ vom 28.03.2017
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