Süddeutsche Zeitung

Kommunalwahl in Penzberg:Absturz einer Volkspartei

In Penzberg hat sich die Wählerschaft über die Jahre verändert. Das bekommt nun auch die SPD heftig zu spüren

Die Stadt Penzberg und die SPD - über mehr als 100 Jahre gehörten beide untrennbar zusammen. Das ist seit der Kommunalwahl 2020 nicht mehr so. Die SPD-Ära ist zu Ende. Künftig sitzt ein CSU-Bürgermeister im Rathaus und die Machtverhältnisse im Stadtrat haben sich grundlegend verändert. Während die Sozialdemokraten noch ihre Wunden lecken, schickt sich die CSU an, alles für den Wechsel vorzubereiten. "Das Wahlergebnis ist bitter, aber lehrreich", sagt Klaus Adler. 29 Jahre lang saß Adler für die Grünen im Stadtrat. 2019 schied er aus gesundheitlichen Gründen aus. Als Kenner der Stadtpolitik verwundert ihn das Ergebnis nicht.

Die SPD müsse in erster Linie bei sich anfangen, die Gründe für dieses Desaster zu suchen, betont der 71-Jährige. Es habe in den vergangenen sechs Jahren viele Rauchzeichen gegeben, doch die Sozialdemokraten hätten sich regelrecht verweigert und Impulse von außen nicht angenommen. "Das konnte nicht gutgehen", betont Adler. Und so habe die Demokratie ihren Lauf genommen.

Der Siegeszug der SPD in Penzberg begann Anfang des 20. Jahrhunderts. In der damaligen Bergarbeiterstadt litten die Bürger unter miserablen Arbeitszeiten, unzumutbaren Wohnverhältnissen und unzureichender Krankenversicherung, obschon die Arbeit im Bergwerk nicht gesundheitsförderlich war. Das war der Nährboden für die Gründung der SPD am 1. April 1901. Aus dieser Zeit stammt die enge Verbundenheit der Penzberger mit der Arbeiterpartei. Hans Rummer war der erste SPD-Bürgermeister von 1919 bis 1933. Erst nach der Nazi-Diktatur stellten die Sozialdemokraten wieder den Rathauschef - drei Mal in Folge, angefangen mit Anton Prandl von 1946 an. Ihm folgten Kurt Wessner und Hans Mummert. 68 Jahre ohne Unterbrechung saß ein SPD-Bürgermeister im Rathaus. 2014 wurde die parteifreie Elke Zehetner als Nachfolgerin Mummerts mit großer Mehrheit gewählt.

Die Hochzeit der SPD seien für ihn die 1970er- und 80er-Jahre, erinnert sich Max Kapfer. Er saß von 1972 bis 1978 für die Partei im Stadtrat. 16 Sitze hatte sie unter Kurt Wessner im Jahr 1975 im Stadtrat. "Mit dem Bürgermeister waren es 17", sagt Kapfer. Damals habe die Gewerkschaftsjugend gemeinsam mit den Jungsozialisten vieles bewegt. Es wurden Podiumsdiskussionen organisiert, aber auch das erste Frauen-Fußballturnier. "Wir konnten eine NPD-Kundgebung verhindern." Und bei der Abstimmung über die Einführung des Wahlrechts ab 18 Jahre gab es in Penzberg das beste Ergebnis in ganz Bayern.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Der SPD ist ihre Klientel in Penzberg verloren gegangen. Den klassischen Arbeiterwähler, der getreu an der Seite seiner Milieupartei steht, gibt es kaum mehr. Der Zuzug nach Penzberg hat das Seinige dazu beigetragen, die Wählerschaft in der Stadt zu verändern. Eine Entwicklung, die die SPD in Penzberg verschlafen habe, sagt Adler. "Sie hat sich nicht auf gut verdienende Dienstleister als Wählerschaft eingestellt."

Adler war einst selbst Mitglied der SPD. Unter Kanzler Helmut Schmidt trat er wegen des Nato-Doppelbeschlusses aus. Im Januar 1980 gehörte er zu den Mitbegründern der Grünen-Bundespartei. Als er im Mai 1990 erstmals in den Penzberger Stadtrat einzog und von Kurt Wessner vereidigt wurde, hatte die SPD 14 Sitze, die CSU acht und die Grünen zwei. "Das war nicht lustig. Egal, was wir gemacht haben, es war sinnlos", erzählt er. Eine Haltung, die die Penzberger SPD beibehalten habe, was aus Sicht Adlers letztlich zu der herben Niederlage im Jahr 2020 führte.

Als Elke Zehetner 2014 zum ersten Mal als Bürgermeisterkandidatin angetreten sei, habe die SPD sie zur Galionsfigur gemacht. Doch nach ein paar Jahren bröckelte die Fassade. "Da wurde einigen bewusst, aufs falsche Pferd gesetzt zu haben, aber sie konnten nicht mehr zurück." Fachlich halte er von Zehetner viel. "Aber es fehlte an Empathie."

Die nächsten Jahre würden kommunalpolitisch gesehen spannend, gewiss nicht einfach, sagt Adler. Zusammenarbeit im Stadtrat über Fraktionsgrenzen hinweg - nur so könne die Krise gemeistert werden. Und mit dem Vertrauen zu den Mitarbeitern im Rathaus, die wieder ihre Arbeit machen könnten.

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SZ vom 31.03.2020
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