Süddeutsche Zeitung

Grüße ins Altenheim:Die Botschaft der Oma

Lena Gneist will unbekannten Menschen in Coronazeiten mit einer Postkartenaktion eine Freude machen

Von Marie Hesslinger

Als ihre Oma vor Weihnachten Corona bekam, war das der "Anstupser", sagt Lena Gneist. Die 35-Jährige schrieb Postkarten an Menschen in Geretsrieder Altenheimen. Menschen, die sie nicht persönlich kennt, denen sie aber eine Freude machen wollte.

Lena Gneist war 18, als sie wieder zu ihrer Oma nach München zog. Ein eigenes WG-Zimmer konnte sie sich nicht leisten. Doch gleich am ersten Tag schrieb die Oma einen Putzplan und stellte klar: Auch bei ihr würde sie Miete zahlen. "Da war nichts mit 'Oma kocht'", erinnert sich Gneist. Und doch: Die Großmutter nahm ihre Enkelin in den Arm, wenn es mal nicht so gut lief, sang "Der Mond ist aufgegangen", wenn diese nicht schlafen konnte. Als Gneist begann, sich für den Buddhismus zu interessieren, meditierten die beiden Frauen gemeinsam. "Es war sehr tiefgründig", sagt Gneist, und, nach einer kurzen Pause am Telefon: "Sie war mit Abstand der wichtigste Mensch in meinem Leben."

Nun, 17 Jahre später, lebt Gneist in Geretsried mit ihrem Lebenspartner zusammen, der genauso alt ist wie ihre Oma. Und ihre Großmutter liegt in München und hat Corona. Gneist sorgt sich vor allem wegen der Isolation: "Die Eindrücke von draußen, der Kontakt mit anderen Menschen, das Beobachten, auf einer Bank zu sitzen - das alles fehlt." Vor Weihnachten hatte sie deshalb einen Impuls. Sie packte die Werbe-Postkarten aus, die sie aus den Kartenständern der Restaurants mitgenommen hatte. Gneist hat eine ganze Kiste davon, obwohl sie manche der Werbenden nicht mag. "Gegen das Vergessen der Älteren", schrieb sie in Großbuchstaben auf die Adresszeilen. Und daneben: "Liebe Bewohner/innen, ich wünsche Ihnen ein frohes, gesegnetes Weihnachtsfest. Wir Menschen da draußen denken an Sie, wir haben Sie nicht vergessen! Ich denke gerne an das, was mir erzählt worden ist, die Zeiten kommen bestimmt wieder." Was ihr erzählt worden ist - damit meint Gneist, was sie von ihrer Großmutter gelernt hat. "Das Wichtigste, was mir meine Oma beigebracht hat, ist, auf die Mit- und auf die Umwelt zu achten."

"Es wäre schön, das auch außerhalb von Weihnachten zu machen."

Fünf Karten schrieb Gneist an die Bewohnerinnen und Bewohner der fünf Geretsrieder Altersheime, dann schob sie ihren Partner im Rollstuhl in den Bus. Es war ein Sonnentag, sie gingen spazieren, nebenbei verteilte Gneist die Karten an die Altersheime und bat an den Pforten darum, ihre Grußworte den Bewohnerinnen laut vorzulesen.

Auf Facebook teilte Gneist ein Foto ihrer Karten. "Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun", steht auf einer umgedrehten Karte daneben. Acht virtuelle "Likes" hat sie dafür bekommen. Wie vielen Empfängern ihre Aktion in der Realität gefiel, lässt sich nur erahnen. Die Menschen an den Pforten der Altenheime jedenfalls, so erzählt sie, hätten sich sehr positiv geäußert. "Sie haben gesagt, dass es total schön wäre, das auch außerhalb von Weihnachten zu machen", sagt Lena Gneist. Diesen Impuls will sie nun weitergeben.

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Quelle:
SZ vom 02.01.2021
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