Süddeutsche Zeitung

Egling:Eine Frage der Schwingung

Der Musiker Peter Bornkessel geht mit Gehör und Schraubenschlüssel der Stimmung von Klavieren auf den Grund - und erfährt dabei einiges über ihre Spieler.

Stephanie Schwaderer

Peter Bornkessel hört. Drückt drei-, fünf-, siebenmal dieselbe Taste. Lauscht immer wieder dem einen Ton. Eben nicht. In der rechten Hand hält der 57-Jährige einen Stimmschlüssel, mit dem er im offenen Leib eines alten Klaviers eine Saite nach der anderen millimeterweise drillt, bis sie auch für seine Ohren richtig schwingt. Er hört offenkundig mehr, hört anders - und manchmal auch ganz Anderes. Zum Beispiel, dass der Mensch, der dieses Klavier spielt, ein Problem mit seinem C hat. Oder dem F oder G.

Was das heißen soll? Die Frage, das sieht man ihm an, beantwortet er gern. Aber er lässt sich Zeit, prüft jedes Wort, als komponiere er seine Antwort für den nächsten Talentwettbewerb. "C-Dur steht für die Fröhlichkeit", sagt er dann und lächelt verschmitzt.

Will er damit sagen, dass der Spieler dieses Instruments zur Melancholie neigt? Dass andererseits er, der Klavierstimmer, mit dem Abnehmen des Instrumentendeckels auch hinter die Fassaden seiner Kunden blicken kann? Dass das Geflecht aus Holz und Stahl, Wirbeln und Hämmern ihm etwas über das Seelenleben desjenigen verrät, der es gewöhnlich in Bewegung versetzt? Kurz gesagt: Ja, das will er. Allerdings nur, wenn man ihn fragt.

Nun kommt der grau melierte Herr mit Brille nicht eben wie ein Guru daher. Seit 15 Jahren ist Bornkessel Mitinhaber des "Klaviersalons" in Höhenrain, der sich auf die Restauration von Klavieren und Flügeln spezialisiert hat. In Egling betreibt er ein Tonstudio. Alles sehr bodenständig. Sein Lebensweg weist indes ein paar wilde Wendungen auf. Nach dem Musikstudium in München heuerte er bei Roy Black an, legte ein paar jazzige Zwischenstopps bei Formationen wie dem John West Orchestra ein und driftete dann tief ins Volkstümliche hinein.

Tausende Kilometer tourte er mit Marianne und Michael durchs Land, komponierte Hits wie "Ich lieb die Heimat, meine Berge", mischte den Ton für den Musikantenstadl. 1995 zog er einen Schlussstrich: "Mir wurde klar, dass ich verantworte, was ich tu, sage und denke."

Im "Klaviersalon" habe er damals nur ein altes Instrument verkaufen wollen, erzählt Bornkessel. Stattdessen fand er einen neuen Geschäftspartner, Thomas Weber, und eine neue Herausforderung. "Wenn man zehn Jahre lang Klaviere gestimmt hat, beginnt man zu hören", sagt er. "Nach 20 Jahren weiß man, wie es geht."

In den Wohnzimmern im Oberland stieß er schließlich auf ein Phänomen, das ihn faszinierte: "Häufig gibt es einen bestimmten Ton, der sich über das ganze Klavier nicht sauber stimmen lässt." Also habe er gelesen und gelernt, sich mit der Tiefenwirkung von Tönen befasst, mit Musiktheorie, Hirnforschung und Klangtherapie. "Verschiedene Tonarten haben verschiedene Charakteristika", erklärt er. "Aus Einzeltönen lässt sich ein Wirkprinzip ersehen."

Dass ein Marsch in C-Dur einen Klavierspieler in eine andere Stimmung versetzt als eine Fuge in d-Moll, ist nachzuvollziehen. Aber umgekehrt? Wie soll der Spieler auf die Stimmung seines Klaviers Einfluss nehmen? "Menschlicher Geist kann Materie beeinflussen", antwortet Bornkessel. "Das wissen wir seit der Quantenphysik."

Letztlich geht es seinen Worten nach um Schwingung, um Energie. Der Freudlose verprellt quasi seine Cs. G-Dur ordnet Bornkessel dem Bereich Energie und Erdverbundenheit zu. Das F der geistigen Klarheit. Es-Dur und c-Moll der Besinnlichkeit.

"Mir bleibt es überlassen herauszufinden, ob die Besitzer meine Meinung womöglich hören wollen", sagt er. "Ich will niemandem einen Kübel überstülpen." Sein Anliegen sei es, Gedankenimpulse zu geben. "Ich würde gerne etwas mehr Harmonie in die Welt bringen."

Und was macht der Klavierbesitzer mit der Diagnose, dass er nicht ganz im Lot ist? Kann er seinem Kreislauf auf die Sprünge helfen, indem er mehr Stücke in G-Dur spielt? "Ich glaube daran, dass es funktioniert", sagt Bornkessel. Seine Erkenntnisse will er in einem Buch zusammenfassen. Bislang gibt es sie gratis zum Stimmen dazu. Das heißt nicht ganz: Sie kosten mindestens einen Espresso.

Klaviersalon Weber & Bornkessel, Attenhauser Straße 1, Höhenrain, Telefon: 08171/29977

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Quelle:
SZ vom 08.06.2011
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