Süddeutsche Zeitung

Gleichberechtigung in der Region:Als der Landrat "mehr selbstbewusste Frauen" forderte

Die Ausstellung "Mütter des Grundgesetzes" hängt ab sofort im Tölzer Landratsamt. Bei der Vorstellung gibt es flammende Appelle für mehr weibliches Engagement in der Lokalpolitik.

Als 1949 das deutsche Grundgesetz beschlossen wurde, waren die "Väter der Verfassung" danach in aller Munde. Dabei waren zwischen den 61 Männern auch vier Frauen, die sich mit Vehemenz eingesetzt hatten. Frieda Nadig, Elisabeth Selbert, Helene Weber und Helene Wessel setzten den Artikel 3, Absatz 2 des Grundgesetzes durch: "Männer und Frauen sind gleichberechtigt." Sie waren die immer noch kaum beachteten Mütter des Grundgesetzes. Frauen, für die sich viele noch mehr Nachahmerinnen wünschen.

"Frauen, zeigt euch! Setzt euch durch", plädiert Gleichstellungsbeauftragte Karin Weiß am Dienstag im Tölzer Landratsamt. Es ist die Vorstellung der Wanderausstellung "Mütter des Grundgesetzes", die bis zum 6. März zu sehen ist. Die Veranstaltung dazu zeigt, dass die Stimme der Frauen in der Region oft vermisst wird. Denn auch wenn schon vieles durchgesetzt worden sei: Die Frauenbewegung und die schlussendliche Gleichstellung von Frau und Mann wären noch immer nicht erreicht, so Weiß. "Wir müssen uns in die Politik einmischen!", ruft sie - ein Appell, der mit den Kommunalwahlen im kommenden Monat kaum aktueller sein könnte.

Etwa 40 Besucher hören diesen Aufruf, die meisten von ihnen Frauen. Sie hören auch, wie die Nürnberger Historikerin Nadja Bennewitz über zu wenige weibliche Spitzenpolitikerinnen, "arbeitende Rabenmütter" und die nach wie vor große Rolle von Äußerlichkeiten referiert. Bennewitz geht auf Meilensteine ein: das Wahlrecht für Frauen von 1919, "grundsätzliche" Gleichberechtigung, das Frauenbild in der Gesellschaft und natürlich auf die vier Mütter des Grundgesetzes.

Bis 1976 konnten Männer über die Berufswahl der Frau entscheiden

Die Gleichberechtigung von Mann und Frau wurde im Grundgesetz verankert. Was allerdings nicht hieß, dass das auch sofort so in die Tat umgesetzt wurde, so Bennewitz. Bis 1976 konnten Männer beispielsweise über die Berufswahl der Frau entscheiden, da die Änderung des Grundgesetzes nicht im Bürgerlichen Gesetzbuch angepasst wurde.

Das kann auch erfahren, wer durch das Foyer des Landratsamtes spaziert. Dort hängen nun Portraits der Mütter des Grundgesetzes und die wichtigsten Momente des Frauenrechts. Die Ausstellung wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zur Verfügung gestellt - sie gleicht einer Mahnung an die Frauen, sich einzumischen und nicht unterbuttern zu lassen.

Eine Dringlichkeit, die auch Josef Niedermaier sieht. Frauen müssten sich noch heute deutlich mehr beweisen als Männer - "auch in der Kommunalpolitik", sagt der Landrat (FW). Er hoffe auf mehr selbstbewusste Frauen im politischen Geschehen. Dafür erntet der Landrat eifriges Kopfnicken. Eine der Mütter des Grundgesetzes, Helene Weber hätte es wohl nicht anders gesagt: "Die Frau muss in der Politik stehen und muss eine politische Verantwortung haben", plädierte sie. Den Weg hierfür hat sie vor vielen Jahren gemeinsam mit Nadig, Selbert und Wessel für alle Frauen geebnet.

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SZ vom 08.02.2020/vfs
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