Süddeutsche Zeitung

Am Rainer-Maria-Rilke Gymnasium:Perspektivenwechsel

Stefan Nirschl, neuer Direktor des Gymnasiums in Icking, tauscht sich mit seiner Ehefrau, die auch Lehrerin ist, und seinen Kindern über die Schule aus. Mathe und Physik sind seine Fächer, aber Lernen sei nicht alles, sagt er

Von Sebastian d'Huc, Icking

Bei ihm zu Hause gebe es immer mindestens drei Perspektiven auf das Thema Schule, sagt Stefan Nirschl. Der 53-Jährige ist neuer Direktor des Rainer-Maria-Rilke Gymnasiums in Icking. Die beiden zusätzlichen Perspektiven zu seiner eigenen liefern seine Ehefrau, die ebenfalls Lehrerin ist, und seine beiden Kinder.

Nirschl hat die Schulleitung in Icking von Astrid Barbeau übernommen, die seit den Weihnachtsferien als Leiterin eines Referats im bayerischen Kultusministerium unter anderem für Schulentwicklung und Qualitätssicherung zuständig ist. Der 53-jährige war zuletzt stellvertretender Schulleiter am Christoph-Probst-Gymnasium in Gilching - diesen Posten hatte er seit 2017 inne. Davor unterrichtete der Mathematik- und Physiklehrer 13 Jahre lang in Weilheim, wo er bis heute mit seiner Familie lebt.

Sein Studium absolvierte Nirschl an der Ludwigs-Maximilians-Universität in München. "Damals hätten mich die meisten Menschen in meinem Umfeld nicht als zukünftigen Lehrer eingeschätzt", reflektiert Nirschl. "Aber mir ging es um die Menschen. Junge Leute haben viele Herausforderungen zu bewältigen. Ihre Entwicklung über acht Jahre zu begleiten, während einer so wichtigen Phase im Leben, ist sehr spannend."

Die ersten Wochen im neuen Amt sind für Nirschl mit einer großen Umstellung von seiner bisherigen auf die neue Tätigkeit verbunden. "Selbst als stellvertretender Schulleiter ist man noch viel mehr Teil des klassischen Kollegiums, die eigene Position ist nicht ganz so herausgehoben", stellt er fest. Als Schulleiter lehre er erheblich weniger.

Nirschl unterrichtet jetzt noch eine 10. Klasse in Physik. "Das ist mir sehr wichtig, damit man den Bezug zu den Schülerinnen und Schülern nicht verliert und eventuelle Schwierigkeiten in der Schülerschaft früher erkennt." Weiterhin helfe das Unterrichten dabei, sich vor Augen zu führen, dass es den perfekten Lehrer nicht gebe. "Das ist wichtig, weil ich ab jetzt auch als Vorgesetzter für die Lehrer des Gymnasiums fungiere und Beurteilungen verfassen muss", sagt Nirschl.

Grundsätzlich halte er es für entscheidend, dem Kollegium weitgehend zu vertrauen und nicht zu detailverliebtes "Mikro-Management" zu betreiben. "Ich möchte die anderen Mitglieder der Schulleitung und das Kollegium stark einbinden", erklärt er. Gerade deshalb sei es entscheidend, die etwa 70 Lehrerinnen und Lehrer am Rainer-Maria-Rilke Gymnasium nicht nur amtlich, sondern auch persönlich kennenzulernen. "Das ist in der aktuellen pandemischen Lage aber noch schwer."

Die Organisation des Schulbetriebs unter den Anforderungen der Pandemie sei derzeit eine der Hauptaufgaben. Ständig erreichten ihn neue Weisungen vom Schulamt oder Kultusministerium, die es umzusetzen gelte. "Das fordert zurzeit alle Schulleiter im besonderen Maße, auch mich. Aber ich möchte nicht jammern."

Das Rainer-Maria-Rilke-Gymnasium sieht Nirschl gut aufgestellt für digitalen Unterricht. Die Lernplattform Mebis funktioniere inzwischen erheblich besser als zu Beginn der Pandemie, auch der Videounterricht, welcher über schuleigene Server mit der Software "Big Blue Button" laufe, klappe größtenteils gut.

Dass die Schüler wegen der Pandemie erhebliche Nachteile in ihrer Bildungsbiografie verschmerzen müssten, bezweifelt Nirschl vorsichtig. "Natürlich ist das für die Jugendlichen, so auch für meinen Sohn, eine schwierige Phase, und gerade das Thema psychische Belastung macht mir Sorgen." Insbesondere die jetzige Q 12 habe sehr zu kämpfen gehabt. "Aber gleichzeitig erwerben die Schüler auch viele Fähigkeiten, die ihnen im späteren Leben nützen werden, wie etwa Selbstständigkeit, Organisation und Digital Skills", stellt der Direktor fest.

Nirschl hofft, dass er die Schule gut durch die Pandemie führen wird, sodass er sich bald wieder "den klassischen Themen der Schulentwicklung" widmen kann. Die Förderung der Naturwissenschaften liege ihm besonders am Herzen, sagt er, betont aber, dass dies nicht auf Kosten der anderen Fächer geschehen solle. "Tatsächlich freue ich mich sehr, dass es in Icking noch einen humanistischen Zweig gibt, auch wenn dieser manchmal mit geringen Anmeldezahlen zu kämpfen hat."

Nirschl spricht meist in einem nachdenklichen Ton, lächelt viel und ist erkennbar mit Leidenschaft bei der Sache. Es sei ihm wichtig, die Digitalisierung der Schule voranzubringen, sagt er, da diese nicht mit dem Ende von Corona wieder eingestellt werden dürfe. Konkret bedeute das nicht nur, dass "die Schulbücher jetzt digital auf dem Tablet gelesen werden", sondern insbesondere die Förderung von Medien- und Digitalkompetenz.

Nirschl betont, er wolle neue Visionen nur gemeinsam mit dem Kollegium, den Eltern und den Schülern umsetzen. "Ich möchte erst die Schule wirklich kennenlernen, bevor ich mir Urteile bilde. Es wäre vermessen, jetzt alles besser zu wissen, und falsch, Entscheidungen alleine im Schulleiterbüro zu treffen."

Seine Bildungsphilosophie sei "eine am Kind orientierte Pädagogik", die Lehrpläne berücksichtige, sich ihnen aber nicht völlig unterwerfe. "Der Wert eines Schülers ist nicht durch seine Mathematikfähigkeiten zu bemessen." Wie er denn selber als Schüler gewesen sei? Nirschl lacht. "Ich war für meine Lehrer im Tagesheim bestimmt nicht immer einfach."

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SZ vom 13.03.2021
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