Süddeutsche Zeitung

Wohnungssuche:"Ich weiß nicht, was ich noch machen soll"

Jessy Asmus lebt seit vier Jahren in München und musste in der Zeit achtmal umziehen. Sie will endlich einmal ankommen

Jessy Asmus lebt seit vier Jahren in München. Die 30-Jährige hat in Weimar Kommunikationsdesign und Medienkunst studiert. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Berlin hat sie in München ihren Traumjob als Illustratorin gefunden. Die Suche nach einer passenden Wohnung lässt die Angestellte des Süddeutschen Verlags jedoch verzweifeln.

"Ein Zufall hat mich vor vier Jahren nach München geführt. Für meine Masterarbeit wollte ich nicht länger in Weimar bleiben, sondern sie von Berlin aus schreiben. In dieser Zeit habe ich den Gründer eines erfolgreichen Münchner Start-ups kennengelernt, der mir ein Social-Media-Praktikum angeboten hat. Mit dem unterschriebenen Vertrag in der Tasche, meinem Rucksack auf dem Rücken und einem Klapprad bin ich im August 2014 am Hauptbahnhof angekommen. Ich hatte noch keine Wohnung in der Stadt und auch keine Ahnung, wie schwierig es auf dem Mietmarkt hier wirklich ist. In jenem August hat meine Wohnungsmisere angefangen. Inzwischen bin ich in der Stadt acht Mal umgezogen, jetzt werde ich zum neunten Mal umziehen müssen.

Die ersten Wochen in München habe ich mit Couchsurfing überbrückt. Später habe ich bei Kolleginnen oder in WG-Zimmern gewohnt. So bin ich von einer Zwischenmiete in die nächste gerutscht. Zwischenmiete heißt, du wohnst in den Möbeln anderer Menschen. Das hab ich am Anfang noch als Abenteuer gesehen. Ich hab in Obergiesing in einem neun Quadratmeter kleinen WG-Zimmer gewohnt und 600 Euro Miete gezahlt oder in Untergiesing 700 Euro für 15 Quadratmeter. Im November 2014 bin ich in ein WG-Zimmer an den Harras gezogen. Dort hatte ich zwar 16 Quadratmeter, dafür keine Zentralheizung und kaputte Fenster. Im Winter haben wir den Ofen angemacht, um die Wohnung warm zu bekommen.

Im Sommer 2015 bin ich zu meinem damaligen Freund gezogen: auf 36 Quadratmeter für 700 Euro. Eine Weile hat es zu zweit auf dem engen Raum auch funktioniert, außer es hat geregnet. Das waren die schlimmsten Tage. Wir haben von Anfang an etwas Größeres gesucht. Doch das war nicht einfach. Er war Student, ich hatte keinen festen Arbeitsvertrag und beim Vermieter kommt es bei der Frage nach den sicheren Einkünften nicht gut an, wenn man sagen muss: Ich male schöne Bilder, ich weiß aber noch nicht, wie viele schöne Bilder ich im nächsten Monat male. So kriegt man in München keinen Mietvertrag.

Nach eineinhalb Jahren Suche haben wir tatsächlich eine größere Wohnung gefunden: 55 Quadratmeter für 1400 Euro warm. Die Wohnung war viel zu dunkel und zu teuer. Also haben wir weiter gesucht. Und im vergangenen September haben wir tatsächlich unsere Traumwohnung gefunden. Drei Zimmer, 90 Quadratmeter in Haidhausen für 1600 Euro. Nur: Die Beziehung hat nicht funktioniert. Im Januar haben wir uns getrennt. Seitdem bin ich wieder auf der Suche nach einem Zimmer für etwa 800 Euro. Aber es gibt nichts in München. Und eine Zwischenlösung will ich nicht mehr. Ich habe 13 Jahre in WGs oder mit meinen Partnern zusammengelebt. Meine Sachen sind noch immer bei meiner Oma im Keller. Ich möchte endlich wieder in meinen eigenen Möbeln leben. Das einstige Abenteuer fühlt sich an wie ein einziger Kampf.

Ich hab Zeitungsannoncen geschaltet, verteile unzählige Flugblätter, im Internet bin ich auf allen Plattformen vertreten. Einmal, nachdem eine Wohnungsanzeige nach wenigen Minuten wieder aus dem Onlineportal verschwunden war, bin ich sogar in die Straße gegangen und habe an den Klingelschildern nach der derzeitigen Mieterin gesucht. Ich habe sie auch gefunden, wir haben uns lange unterhalten, sogar in die engere Auswahl für die Wohnung bin ich gekommen. Bekommen habe ich sie trotzdem nicht - trotz unbefristeten Arbeitsvertrags.

Erschreckenderweise habe ich in der ganzen Zeit nur drei Wohnungen besichtigen können, die zum Teil in einem erbärmlichen Zustand waren. Das war eine Wohnung mit einem vollkommen verdreckten Etagenklo für vier Parteien. Im Treppenhaus hat es modrig gerochen. Die Wohnung hätte 750 Euro warm gekostet. Oder ein 22 Quadratmeter großes Zimmer, in dem auch noch die Dusche und die Toilette untergebracht waren. Können solche Wohnungen ein Zuhause werden?

Ich habe so viel Kraft in die Suche gesteckt. Ich weiß nicht mehr, was ich noch machen soll. Ich weiß nicht, was die Vermieter sehen wollen. Ich will einfach nur zur Ruhe kommen, das erste Mal alleine wohnen und in meinem eigenen Zuhause kreative Energie schöpfen."

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Quelle:
SZ vom 20.07.2018
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