Süddeutsche Zeitung

Wiedereröffnung des Cuvilliés-Theaters:Theaterraum mit Tücken

Zur feierlichen Wiedereröffnung des Cuvilliés-Theaters nach vierjähriger Sanierung schieben sich dunkle Wolken über den frischen Glanz.

Bei Otto Meitinger, den Leiter des Wiederaufbaus der nach dem Zweiten Weltkrieg fast völlig zerstörten Münchner Residenz, hat das Cuvilliés-Theater bis heute bleibenden Eindruck hinterlassen. Denn Wiederherstellung und Versetzung des zerstörten Theaterraums innerhalb der Residenz erfolgten damals unter gewaltigem Zeitdruck.

Der Grund dafür: 1958 feierte München ebenfalls ein Stadtjubiläum, den 800. Geburtstag. Und als einer der Höhepunkte war die Wiedereröffnung des alten Residenztheaters vorgesehen.

Allerdings waren die Politiker zu jener Zeit wohl noch weit kompromissloser eingestellt als heute. Beschluss und Auftrag ergingen nämlich erst im Sommer 1956. Knapp zwei Jahre Zeit also, um aus einem kleinteiligen Puzzle aus Holzklötzchen einen der schönsten Theater-Räume des Rokoko wiedererstehen zu lassen.

Die kostbare Innenausstattung des Zuschauerraumes war zwar kurz vor der Zerstörung im März 1944 ausgebaut und in zwei Hälften nach Obing in ein Pfarrhaus sowie in den Keller der Kelheimer Befreiungshalle verbracht worden. Die Obinger Hälfte überstand den Krieg relativ unbeschadet. Aber die Kelheimer Hälfte hatte sich aufgrund der Keller-Feuchtigkeit in all ihre Bestandteile aufgelöst.

Die Schnitzereien waren nämlich im 18. Jahrhundert nicht aus einem Stück gefertigt, sondern aus Tausenden von verleimten Holzklötzchen zusammengesetzt. Der tierische Leim hatte sich gelöst und nun standen die Restauratoren vor einem gigantischen Baukasten, den in kurzer Zeit zusammenzusetzen selbst Experten für unmöglich hielten. Trotzdem gelang es. Zur Wiedereröffnung 1958 erstrahlte das alte Hoftheater von 1753 wieder im fast alten Glanz.

Etwas leichter hatten es die Sanierer diesmal. Vier Jahre Zeit gab ihnen das Bayerische Finanzministerium, um das Cuvilliés-Theater für die 850. Jahrfeier Münchens neuerlich auf Vordermann zu bringen. Wenn am kommenden Samstag mit der 1781 an gleicher Stelle uraufgeführten Mozart-Oper "Idomeneo" die runderneuerte Bühne und der auf Hochglanz polierte Zuschauerraum freigegeben werden, wird die Bayerische Schlösser- und Seenverwaltung als zuständige, dem Finanzministerium unterstellte Behörde 24,5 Millionen Euro ausgegeben haben.

40 Prozent davon gingen gleichermaßen in die Komplett-Erneuerung der Bühnentechnik und die Sanierung der Bausubstanz. Die prunkvollen Logenverkleidungen wurden gesäubert, gesichert und neu vergoldet. Der achteckige Hof im Eingangsbereich erhielt eine Glaskuppel. Und für fast fünf Millionen Euro hat man an die 240 Kilometer neuer Elektro- und Steuerungskabel verlegt. In etwa die gleiche Summe übrigens, die der Freistaat für die Sanierung von privaten Sponsoren zugeschossen bekam.

Das Comité Cuvilliés, nach dem das Eingangsoktogon künftig Comité-Hof heißen soll, sammelte bei engagierten Bürgern drei Millionen, während die Siemens-Kunststiftung zur neuen Bestuhlung rund zwei Millionen beisteuerte. Aber was passiert nun in der Luxushülle?

Für Michael Dultz, Geschäftsführer des Comité Cuvilliés', ist die Antwort klar: "Das Ziel der Sanierung muss sein, dass alle reinkommen dürfen, die reinkommen wollen, um dort Kunst zu machen." Für Inhalte ist im Prinzip das Kunstministerium zuständig, doch die Oberhoheit über den Raum liegt über die Schlösserverwaltung beim Finanzministerium.

Und dort gibt es, nach dem Weggang des ehemaligen Finanzministers Kurt Faltlhauser, niemanden, der sich darum kümmert, wie das Cuvilliés-Theater bespielt wird. Eine Lücke, die das Comité nicht füllen kann, da der Verein nur dafür gegründet wurde, um Geld für die Sanierung mit dem Ziel einer vollbespielbaren Bühne zu sammeln. Noch in diesem Jahr werde er sich auflösen. Zuvor hätte Dultz aber gern noch eine Antwort auf eine Frage: "Warum verlangt das Finanzministerium eine Netto-Kaltmiete von 5000 Euro am Tag für das Cuvilliés?"

Die Antwort: Weil die Schlösserverwaltung offenbar nicht viel Wert darauf legt, dass in diesem Theater Theater stattfindet. Eine andere Antwort fällt einem partout nicht ein. Man muss sich nur einen Vergleich vor Augen führen: Das ebenso imposante Prinzregententheater kostet am Wochenende für eine Opernaufführung, die die gesamte Bühne benötigt, 4200 Euro (für ein Konzert unter der Woche ist es für 3000 zu haben).

Darin enthalten sind neben der Raummiete die Honorare für einen Inspizienten und je zwei Bühnen- und Beleuchtungstechniker. Das Prinzregententheater bietet mehr als doppelt so viele Sitzplätze wie das Cuvilliés-Theater, für das zusätzlich die Technik das Staatsschauspiels gemietet werden muss. Dazu kommen noch Kosten für das Einlasspersonal.

Jeder Sitzplatz in der Luxusschatulle kostet zehn Euro Kaltmiete - kein Veranstalter kann das zahlen. Nach Aussage des Finanzministeriums gibt es bislang erstaunlicherweise keinerlei Mietanfragen - was nicht ganz stimmen kann, denn schließlich eröffnet, dank Sponsorengeldern, am 11. Oktober hier die Residenzwoche. Davon, wie unter Faltlhauser einst angedacht, dass diese sich zu einem kleinem Opernfestival in Kooperation mit anderen Barock-Theatern wie denen in Ludwigsburg oder Schwetzingen ausbauen ließe, ist längst keine Rede mehr.

Dass nun entgegen der Haltung der Schlösserverwaltung überhaupt Kunst darin stattfindet, ist der Findigkeit des Staatsschauspiels zu verdanken. Nachdem die Staatsoper zu Beginn der Renovierungsarbeiten durch ihren damaligen geschäftsführenden Direktor Roland Felber wissen ließ, sie sei an der Bespielung des Cuvilliés-Theater aus wirtschaftlichen nicht interessiert - ein Sängerstar kostet gleich viel, egal ob er vor 500 oder 2100 Menschen wie im Nationaltheater singt -, übernahm das Staatsschauspiel von den Opernkollegen die technische Leitung.

Das Schauspiel benötigt nach dem Wegfall des Theaters im Haus der Kunst die Bühne als dritte Spielstätte. Es konnte sich die zwar auch nicht leisten, beantragte jedoch über das Kunstministerium einen Zuschuss im Nachtragshaushalt des Finanzministerium. Für 2008, für eine halbe Spielzeit also, wurden 199500 Euro bewilligt. Nebenbei: Das Prinzregententheater spielt mit seiner moderaten Preispolitik 1,34 Millionen Mieteinnahmen im Jahr ein.

Das Finanzministerium gibt also dem Kunstministerium Geld, damit das Staatsschauspiel Miete zahlen kann, die ans Finanzministerium zurückfließt. Nur durch diesen Kreislauf (auf den die Staatsoper nicht kam) kann das Staatsschauspiel das Cuvilliés-Theater bespielen, in vier Produktionsblöcken zu je sechs Wochen. Bliebe also genügend Zeit für eine andere Nutzung. Diese aber wird wohl eine eher gesellschaftliche sein. Schon die Eröffnungspremiere am 14. Juni ist ein Staatsakt: Zur Hauptprobe Tage zuvor kommen die Musiker nur ins Haus, wenn sie spezielle Ausweise des Finanzministeriums dabei haben.

Daneben kursiert das Gerücht, das Staatsschauspiel verlange für seine Techniker 2500 Euro am Abend, wenn jemand das Cuvilliés-Theater mieten wolle. Holger von Berg, geschäftsführender Direktor des Staatsschauspiels, wundert sich darüber. Bislang wisse er selber noch gar nicht, wie teuer es werde; er rechne mit einem deutlich geringeren Betrag.

Für den man, wenn man ein freier Dirigent mit der Vision von einem Barockfestival ist, keinen Posten in einem Nachtragshaushalt ausgewiesen bekommt. Als Christoph Hammer die letzte Opernaufführung im Cuvilliés-Theater vor dessen Renovierung dirigierte, Ferrandinis "Catone in Utica", wurde er bejubelt. Jetzt kann er sich schleichen. Die ursprüngliche Nutzung des Raums scheint unerwünscht.

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Quelle:
SZ vom 09.06.2008/sonn
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