Süddeutsche Zeitung

Training für den Alltag:Routine beim Spontansein

Der Improvisationskünstler Tobias Zettelmeier erklärt, warum weniger Planung manchmal gut ist

Interview von Linus Freymark

Tobias Zettelmeier organisiert das Sparc-Festival im Gasteig und arbeitet hauptberuflich als Improvisationskünstler.

SZ: Egal, ob Familienplanung oder Geschäftsmeeting - viele Menschen neigen dazu, ihr Leben durchzuplanen. Haben wir Angst vor der Spontaneität?

Tobias Zettelmeier: Wahrscheinlich schon. Wir haben Angst vor dem Unerwarteten, außerdem brechen wir nur ungern unsere Routinen auf. Wenn wir etwas planen, versprechen wir uns davon Sicherheit. Dabei kann das Spontane auch eine Form von Sicherheit geben.

Wie das?

Routine kann man auch in der Spontaneität haben. Dadurch, dass man immer wieder mit unvorhergesehenen Situationen konfrontiert wird, stellt sich eine Sicherheit im Umgang damit ein. Wenn ich im Theater auf der Bühne stehe und spontan auf etwas reagieren muss, bin ich eigentlich immer ziemlich ruhig - ich kenne das ja. Diese Erfahrung gibt mir auch anderswo Gelassenheit und Sicherheit.

Klingt so, als könnten wir alle ein bisschen mehr Spontaneität vertragen.

Zumindest schadet sie nicht. Dadurch lernen wir, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind. Und man wird auch weniger enttäuscht: Hat man sich eine Situation vorher nicht in den schönsten Farben ausgemalt, haben wir auch keine allzu großen Erwartungen. Zudem lernt man durch Spontaneität, weniger in Rastern zu denken. Sich einfach mal auf etwas einlassen - Kinder können das, als Erwachsener geht das verloren, weil uns die vielen Normen davon abhalten, Dinge auszuprobieren.

Und in der Kunst? Warum sollte eine Handlung, die aus dem Moment heraus entsteht, genauso künstlerisch wertvoll sein wie ein durchkomponiertes Werk?

Improvisierte Musik ist oft organischer. Bestimmte Elemente werden wiederholt und ergeben zusammen etwas Ganzes. Im Impro-Theater steht die Person des Schauspielers viel mehr im Mittelpunkt. Theater und Impro-Theater arbeiten zwar mit den gleichen Mitteln und finden am gleichen Ort statt, aber eigentlich sind es verschiedene Kunstformen. Bei der einen stehen Inszenierung, Werktreue und Umsetzung im Vordergrund, beim Improtheater wird gleichzeitig reagiert, kreiert, inszeniert und nie revidiert. Denn das Gesehene wird es so nur einmal geben. Der künstlerische Wert ergibt sich daraus, dass etwas im Moment entsteht und nicht wiederholbar ist.

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Quelle:
SZ vom 07.02.2020
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