Süddeutsche Zeitung

Wirtschaft in München:Touristen retten unsere Innenstadt

  • Für viele Geschäfte in der Innenstadt sind Touristen aus Russland, China oder vom Golf inzwischen wichtige Kunden.
  • Sie haben sich längst auf die Klientel eingestellt, einige Verkäufer sprechen zum Beispiel Russisch oder Chinesisch.
  • Durch das Internet und Apps sprechen Händler ihre Kunden schon im Herkunftsland an.

Souverän steuert der Mann sein nobles Gefährt durch den Strom der Fußgänger vor dem Neuen Rathaus. Die Räder gleiten flüsterleise über das Pflaster, das Titanium-Finish schimmert edel in der Abendsonne. Der "Trunk" in der 90-Liter-Ausführung mit Flex Divider, Multiwheel-System, gefederten Achsen und TSA-Schlössern gilt international als Sinnbild deutscher Wertarbeit - ein Grund, weshalb besonders Gäste aus Asien von ihrer Deutschland-Reise einen solchen Rollkoffer mitbringen.

"Also mein Geschmack ist das eigentlich nicht", sagt der Mann etwas peinlich berührt, der den titanfarbenen "Trunk" Richtung Marienplatz steuert. Anthony lässt er sich von seinen europäischen Geschäftspartnern nennen, die sich mit koreanischen Namen schwer tun. Ein Freund habe ihn gebeten, so einen mitzubringen. Also hat ihm der Handelskaufmann den Gefallen getan und ist am letzten Abend seiner dreitätigen München-Reise in die Rimowa-Boutique in der Dienerstraße gegangen. Dort hat Anthony sich alle Modelle, Farben und Funktionen vorführen lassen und mit dem Handy gefilmt, damit der Freund zuhause sich entscheiden kann. Natürlich könnte er so einen Koffer auch in Korea kaufen, aber direkt aus dem Herkunftsland ist das Produkt des Kölner Herstellers eben etwas Besonderes. Und billiger obendrein: Für 1300 Euro fast geschenkt. Erst recht, wenn man sich am Zoll die Mehrwertsteuer erstatten lässt.

Koffer stehen bei Touristen aus Asien ganz oben auf der Shopping-Liste, wenn sie München besuchen. Das ist die Erklärung dafür, warum es in der Innenstadt viele Koffer-Geschäfte gibt, obwohl Gepäckstücke bei den Münchnern nicht das erste Ziel eines Stadtbummels sind. Wer den Kaufhof am Marienplatz betritt, der entdeckt bald große Pfeile auf dem Boden mit der Aufschrift "Rimowa", die den kürzesten Weg in die Kofferabteilung weisen: In der Passage im Erdgeschoss gibt es eine Auswahl europäischer Hersteller aus gehobenem Preissegment von Samsonite bis Victorinox. Noch ist es nicht so weit wie in Neuschwanstein, wo die Burg Ludwigs II. so viele Chinesen anlockt, dass die Gemeinde inzwischen zur bundesweiten Umsatzhochburg für hochwertige Koffer wurde.

"Viele Geschäfte dort werden inzwischen von chinesischen Pächtern geführt", sagt Pascal Beij. Beij kennt sich aus. Der Niederländer analysiert den Markt für das Unternehmen Planet Payment, einem Finanzdienstleister für das Tax-Free-Geschäft, der seine Deutschland-Vertretung in einem großzügigen Büro am Olympiapark hat. Planet sorgt dafür, dass Kunden mit Wohnsitz im Ausland ihre Mehrwertsteuer beim Kauf zurückerstattet bekommen, nicht erst beim Zoll am Flughafen.

Bequemlichkeit ist ein wichtiger Faktor im Wettbewerb. Längst haben sich die Einzelhändler in Münchens Einkaufsstraßen auf die Klientel eingestellt. Sie beschäftigen Verkäufer, die Russisch sprechen und Chinesisch. Sie schulen sie darin, den kulturellen Hintergrund der Kunden zu berücksichtigen - und die Körpergröße: Wer Markenklamotten an Asiaten verkaufen will, kann nicht nur europäische Größen im Sortiment haben. An immer mehr Eingangstüren kleben neben den Symbolen von Visa und Mastercard jene von Alipay und WeChat Pay; Bezahlen mit dem Handy hat in China die Kreditkarte abgelöst.

Das Handy hat auch neue Möglichkeiten eröffnet, um die Kunden in die Geschäfte zu bekommen. "Dank Internet und Apps können wir die Kunden heute schon in ihrem Herkunftsland ansprechen", sagt Pascal Beij. Wenn sie bei Ctrip eine Reise buchen, dem Chinesischen Pendant zu Booking.com, dann werden ihnen gleich die passenden Apps für den Zielort angeboten. "Chinesen sind verrückt nach Apps", sagt Beij. Wenn Herr Wu dann durch die Kaufingerstraße schlendert, kann es sein, dass ihm ein Banner in seiner Restaurant-App den Tipp gibt: 200 Meter weiter gibt es gerade eine tolle Aktion, beim Kauf von fünf Kochtöpfen ein Zwillingsmesser gratis.

"Gifting" nennt Beij das im Jargon der Branche - Kunden mit kleinen Geschenken zu locken, funktioniere bei Chinesen sehr gut. Mit einem Warnhinweis "Keine Fotos" ließen sich asiatische Kunden dagegen effektiv fernhalten. Für die gehöre es selbstverständlich zum Shopping-Erlebnis, Fotos von der Ware in sozialen Netzwerken zu posten und mit Verwandten und Freunden zuhause darüber zu chatten. Araber wollten dagegen gern einen Deal machen, sagt Beij: "Wenn ein arabischer Kunde nach dem Preis fragt, nie antworten: 250 Euro." Besser: "Normalerweise kostet das 300 Euro, aber wir ziehen jetzt mal Tax Free ab und dann machen wir noch ein besonderes Angebot".

Chinesen, Russen und Menschen aus den arabischen Golfstaaten sind die wichtigsten Gruppen für die Innenstadt-Händler. Zusammen geben sie laut einer Studie des Handelsverbands Bayern etwa 1,4 Milliarden Euro im Münchner Einzelhandel aus. Dabei hat jede Gruppe ihre Vorlieben und Eigenarten: Die Chinesen bleiben nur kurz - im Schnitt zweieinhalb Tage. Dafür geben sie pro Tag am meisten aus, 513 Euro im Schnitt. Russen bleiben fast sieben Tage, geben aber nur 201 Euro am Tag aus. Araber bleiben dagegen zwölfeinhalb Tage und lassen täglich 367 Euro in den Läden.

Entgegen dem verbreiteten Glauben der Münchner haben es die Besucher keineswegs nur auf Luxusartikel abgesehen. 86 Prozent der Russen, 69 Prozent der Araber und 52 Prozent der Chinesen suchen Waren im mittleren Preissegment. Dennoch machen einige Juweliere auf der Maximilianstraße mehr als 40 Prozent ihres Umsatzes mit Tax-Free-Geschäften, sagt Beij von Planet Payment. Auch bei den großen Mode-Marken sei der Anteil hoch.

Aber während Russen und Araber es unverändert auf teure Modelabels abgesehen haben, gibt es bei den Chinesen einen neuen Trend: Sie haben es nicht mehr allein auf Kochtöpfe und Messer aus Solingen abgesehen, angesagte Mitbringsel sind seit einiger Zeit Nahrungsergänzungsmittel und Kosmetik. In den Drogeriemärkten laden sie ganze Einkaufswagen voll mit Beauty-Masken und Milchpulver. Bei den Apotheken in der Innenstadt sind Faltencremes mit dem Wirkstoff Hyaluron der Renner. Nach einem Skandal mit verseuchtem Milchpulver vor zehn Jahren ist das Vertrauen in die heimische Lebensmittel- und Chemieindustrie erschüttert.

Den deutschen Innenstädten mache der Onlinehandel zu schaffen, sagt Beij. "Aber der Tourist und der Geschäftsreisende, die sind vor Ort! Die wollen in einem Geschäft kaufen." Die Touristen und Geschäftsleute sind also gleichzeitig Retter der Innenstädte, sie verändern sie aber auch.

Überall im Geschäft von Biebl Küche & Messer am Marienplatz stehen Schilder auf Chinesisch. David Biebl hat den Laden von seinen Eltern übernommen. Er ist mit dem chinesischen Kalender vertraut. Zum chinesischen Neujahrsfest am 5. Februar und zur Goldenen Woche im Herbst holt er sich Chinesisch sprechende Verkäuferinnen zur Unterstützung. Biebl weiß, es zahlt sich aus, Waren im Set anzubieten. Zum Beispiel das Set "Joy" - drei Töpfe, Pfanne, Kasserolle von Zwilling für 189 Euro. Ab einem Einkaufswert von 500 Euro versendet er kostenlos nach China. Ein Dienstleister übernimmt die Zollabfertigung. "Ohne die Besucher aus China", sagt Biebl nachdenklich, " gäbe es Läden wie unseren in der Innenstadt wahrscheinlich gar nicht mehr".

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SZ vom 26.04.2019/baso
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