Süddeutsche Zeitung

Psychische Erkrankungen:Wie tierische Therapeuten helfen können

Lesezeit: 3 min

Nicht nur Hunde werden für die Behandlung eingesetzt, sondern auch Ponys - oder ein Bienenvolk. Manche Patientinnen und Patienten müssen sich zu dieser Form der Therapie erst überwinden.

Von David Pister

Schaf

In der Psychosomatischen Klinik Kloster Dießen am Ammersee werden Schafe in die Gruppentherapie eingebunden. Patientinnen und Patienten mit Psychosen, Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen können selbst entscheiden, ob sie an der tiergestützten Therapie teilnehmen möchten. Für junge Menschen mit einer Medienabhängigkeit sei die Therapie an der frischen Luft allerdings Pflicht, sagt Assistenzarzt Daniel Afscharian-Olszweski, der die Therapie leitet. "Die Jugendlichen haben den Bezug zur analogen Welt und der Natur verloren", so Afscharian-Olszweski. In kleinen Gruppen sollen die Patientinnen und Patienten verschiedene Aufgaben lösen: Die kleine Schafherde soll zum Beispiel von einem Ort zum anderen geführt werden. "Die Schafe sind keine Kuscheltiere, die man ständig streicheln soll", so Afscharian-Olszweski. Es gehe viel mehr darum, dass die Patientinnen und Patienten ihr Verhalten in sozialen Gruppen erkennen und reflektieren.

Biene

Das Angebot der Psychosomatischen Klinik in Dießen umfasst auch den Besuch eines Bienenstocks. Imkerin Kerstin Hildebrandt leitet diese Form der tiergestützten Therapie zusammen mit einer Therapeutin. Es gehe vor allem darum, zur Ruhe zu kommen und das Treiben der Bienen aufmerksam zu beobachten. Die Patientinnen und Patienten seien von deren Lebensweise fasziniert. Wird der Bienenstock geöffnet, tragen sie Schutzkleidung, sodass sie nicht gestochen werden können. "Die meisten wollen einen Blick in das Bienenvolk werfen und kommen deshalb direkt bis an den Bienenkasten mit, andere beobachten lieber aus der Ferne", so Hildebrandt. Nah an die Bienen heranzukommen, erfordere Mut. Besonders für Patientinnen und Patienten mit Angststörungen sei die Therapie eine gute Übung, ihre Ängste zu überwinden.

Esel

Anahid Klotz betreibt in Pähl die Asinella Eselfarm. Ihre Esel werden neben der Therapie auch in den Bereichen Freizeit und Pädagogik eingesetzt. Für die Arbeit mit Klientinnen und Klienten, die an Angststörungen oder traumatischen Erfahrungen leiden, arbeitet Klotz mit externen Therapeuten zusammen. Menschen mit psychischen Erkrankungen stellen die Esel vor Bewegungsaufgaben: Die Tiere sollen über Hindernisse springen, einen Parcours durchlaufen oder auf ein bestimmtes Signal anhalten. Der Erfolg stärke das Selbstwertgefühl der Patientinnen und Patienten und trainiere darüber hinaus die Fähigkeit zur nonverbalen Kommunikation. Bei Patienten und Patienten, die an Depressionen leiden, soll die Therapie Lebensfreude wecken. "Schon das Äußere ist ansprechend mit ihren anschmiegsamen Körpern und dem süßen Gesicht." Anfangs hätten viele Klienten Angst vor der Größe der Tiere, merkten dann aber, wie zutraulich die Esel seien.

Pony

Julia Mareis bietet Einzel- und Kleingruppenstunden für Kinder und Jugendliche mit sozialem oder emotionalem Förderbedarf an. Auf dem Therapiehof in der Leiten in Feldkirchen-Westerham hält sie Esel, Schafe, Hühner und sogar Hirsche. Bei der Arbeit mit Ponys habe sie allerdings die meiste Erfahrung. Seit 2017 arbeitet Mareis mit den Tieren und hat neben der Ausbildung zur Heilpraktikerin auf dem Gebiet der Psychotherapie eine Weiterbildung zur Fachkraft für Tiergestützte Therapie absolviert. Mareis berichtet, dass meist die Hälfte der Stunden für die Pflege der Tiere verwendet werde: striegeln, bürsten und kämmen. "Die Patientinnen und Patienten lernen hierdurch, Verantwortung zu übernehmen", so Mareis. Der breite Rücken des Ponys Fanny lade allerdings auch dazu ein, sich tragen zu lassen oder kleinere Kunststücke auszuprobieren. Kinder mit Bindungsstörungen würden durch den engen Körperkontakt mit den Ponys lernen, wieder Vertrauen in andere aufzubauen.

Pferd

"Das Pferd ist ein Fluchttier. Damit ist es grundsätzlich sehr sensibel", sagt Judith Goßmann, die seit 13 Jahren Pferde in der Therapie einsetzt. Damit biete es den Patientinnen und Patienten einen feinsinnigen Feedback-Partner, der das Verhalten des Gegenübers direkt widerspiegele. Goßmann leitet eine psychotherapeutische Praxis in Riem. Bei der Therapie führen die Patientinnen und Patienten die Pferde oder lassen sie frei laufen. Goßmann ist zudem Reitpädagogin und lässt ihre Klienten auch auf den Rücken der Pferde. "Beim Reiten erfüllt sich das basale Bedürfnis eines jeden Menschen, getragen zu werden. Es kann Erinnerungen an den Mutterleib wecken." Bei Erwachsenen werden die Begegnungen mit dem Pferd in die Gesprächstherapie eingebunden. Kinder würden oft ausschließlich zu den Pferden kommen. "Die sind froh, wenn sie mal nicht so viel erzählen müssen. Sobald sie auf dem Rücken des Pferdes sitzen, plappern sie aber meist ganz freiwillig drauf los."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5643134
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/dac
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.