Süddeutsche Zeitung

Szene München:Bitte recht unfreundlich

Arrogante Barkeeper sind Geschichte. Ist der Grant der Münchner ausgestorben? Auf der Jagd nach Trinkgeld greifen die bayerischen Bedienungen jetzt zu einem ungewohnten Mittel.

Über den Münchner Grant ist schon viel geschrieben worden, die Frage ist nur: Wo ist der heute noch zu finden? Fast nirgends mehr stößt man auf unfreundliche bayerische Bedienungen oder eisig arrogante Bartender. Im Gegenteil: Nach amerikanischem Vorbild ist man als Gast überall mit dem Personal sofort gut Freund. Der Service stellt sich mit Vornamen vor, wild tätowierte Keeper bereiten auch dem zickigsten Gast Drinks nach dessen Sonderwünschen zu - noch im größten Stress stets freundlich zwinkernd.

Ob im Hofbräuhaus, im Augustiner, im Schumann's, der Goldenen Bar oder sonstwo, allenthalben gilt: lächeln, lächeln, lächeln. Bestellungen werden mancherorts mit einem zuckersüß hingehauchten "perfekt" aufgenommen, auf den Homepages der Lokale, selbst von exklusiven Schuppen wie dem Heart, wird man zum Feedback aufgerufen: "Ihre Meinung ist uns wichtig."

"Wie schön", könnte man über diese Freundlichkeit jetzt sagen, die macht gute Laune - und da gibt man doch gerne mal ein paar Euro mehr Trinkgeld. Andererseits wird einem diese verbale Wellness manchmal auch zu viel und man bekommt das Gefühl, das Münchner Nachtleben spielt sich auf einer einzigen Schleimspur ab.

Gut, dass es da noch Ausnahmen wie das Maroto oder das Last Supper gibt, die sich wacker gegen die überhand nehmende Süßlichkeit stemmen. Hier pflegt das Personal einen nicht ganz so anbiedernden Umgangston, dem Besucher wird schnell klar, dass er nur ein Gast ist, der beim Service Wünsche äußern darf. Herrlich entspannt ist dieser Grant. Denn in Läden wie diesen muss man beim Trinkgeldgeben nicht angestrengt zurücklächeln - wenn man gerade so viel Geld abgedrückt hat, dass es einem richtig weh tut.

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Quelle:
SZ vom 10.07.2014/amm
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