Süddeutsche Zeitung

SZ-Serie: "Kronawitters München":Schorsch, der Bewahrer

Erholungsflächen waren Georg Kronawitter stets wichtiger als repräsentative Neubauten - selbst wenn er sich dafür als Wirtschaftsfeind und Grünapostel beschimpfen lassen musste. Als Altoberbürgermeister stutzte er die Baupolitik seines Nachfolgers per Bürgerentscheid zurecht

Von Alfred Dürr

Die schon etwas müde gewordenen Augen leuchteten beim Blick über die blühenden Wiesen und sattgrünen Bäume. Die brüchige Stimme wurde fest: "Das habe ich damals durchgesetzt, dass ein Drittel des ehemaligen Flughafengebiets zum zusammenhängenden Park wurde." Wenn man schon einmal Erholungsflächen geschaffen habe, dann dürfe man sie nie mehr hergeben, sagte Georg Kronawitter vor wenigen Jahren bei einer Tour durch Münchner Neubauviertel in der Messestadt Riem. Eigentlich fehlte jetzt nur noch einer seiner einprägsamen Standardsätze, die er immer wieder gern zum Besten gab: "Ich war schon lange ein Grüner, da haben die Grünen noch Hemd und Hose an einem Stück getragen."

Dieser "grüne Schorsch" hatte 1972 als Reaktion auf den Entwicklungssprung nach den Olympischen Sommerspielen sehr schnell sein zentrales Wahlkampfthema gefunden, das er dann mit großer Beharrlichkeit verfolgte: "Genug gebaggert, in München sollen wieder Blumen blühen!" Es blieb nicht bei Parolen. Kronawitter setzte als neuer Oberbürgermeister den Westpark durch. Statt Wohnungen, Büros und Gewerbe entstand schön gestaltetes Erholungsland für Bürger. Dass ihn seine politischen Gegner als Wirtschaftsfeind oder Grünapostel beschimpften, war Kronawitter egal. Er sei ein Überzeugungstäter gewesen, sagte er später einmal. Fest davon überzeugt, dass eine Stadt ihren Bürgern Lebensqualität bieten müsse.

Die Denkmäler, die sich Oberbürgermeister gern selber setzten, so Kronawitter, lägen nicht im Bereich von repräsentativen Bauten. Wie viel Grünflächen hat der Oberbürgermeister erhalten, mit Zähnen und Klauen verteidigt, beziehungsweise wie viel Quadratmeter Grün hat er neu geschaffen? Danach werde in Zukunft in allen großen Städten gefragt werden, prophezeite Kronawitter.

Immer mehr Häuser, immer stärkere Nachverdichtung - all das bedrohe nicht nur das Grün, sondern sorge auch für mehr Verkehr in der Stadt. Die Bürger seien immer stärkeren Belastungen durch Lärm und Schadstoffe ausgesetzt. Die Lebensqualität gehe verloren. Kronawitter forderte, dass die letzten Flächenreserven der Stadt nur nach bestimmten Kriterien und nach sorgfältiger Abwägung der Vor- und Nachteile vergeben werden sollten. München müsse nicht den Ehrgeiz entwickeln, weltweit eine Spitzenstellung unter den Metropolen einzunehmen. Wenn damit die Lebensqualität zerstört werde, sei eine solche Haltung gefährlich. Kronawitters Begriff vom "Dampfkessel" München sorgte weit über die Stadtgrenzen hinaus für Aufmerksamkeit.

Die Sitzungen des Planungsausschusses im Stadtrat wurden damit spannend. Denn Kronawitter scheute nicht davor zurück, sich bei der Diskussion von Bebauungsplänen mit Bauherren, die ihre Projekte immer weiter "aufmörteln" und damit den höchsten Gewinn herausholen wollten, anzulegen. Die Politik habe die Richtlinien der Stadtentwicklung zu bestimmen und nicht die Investoren.

Diese Strategie ließ Kronawitter auch im politischen Ruhestand nicht los. Acht Jahre nach seinem Abschied aus dem Rathaus meldete er sich 2001 in der Öffentlichkeit zurück - mit einer deutlichen Kritik an der Baupolitik seines Amtsnachfolgers und Parteifreunds Christian Ude. Pläne für neue Hochhäuser an verschiedenen Stellen in der Stadt hatten den Alt-OB alarmiert. Angetrieben von der Renditegier finanzstarker Investoren drohe München ein schlimmer Gesichtsverlust und die Mutation zu einer Allerweltsstadt. Von einer behutsamen Entwicklung, die er während seiner Zeit als Rathaus-Chef immer wieder proklamiert hatte, konnte nach Kronawitter Ansicht längst keine Rede mehr sein.

Er sei nie ein genereller Gegner hoher Häuser gewesen, betonte der Alt-OB. Allerdings dürften keine Wolkenkratzer-Monster entstehen; die neuen Türme müssten ins jeweilige Viertel und zum Erscheinungsbild der Stadt passen. Kronawitters Zorn entzündete sich vor allem an dem Hochhaus-Projekt Uptown München am Georg-Brauchle-Ring im Norden der Stadt. Das Gebäude sollte ursprünglich 200 Meter hoch werden; nach langen Diskussionen waren es dann noch 146 Meter. Kronawitter stellte das nicht zufrieden. Verächtlich sprach er von einem Vierkantbolzen, den man in München nicht wolle.

Hinter dieser Attacke steckte mehr als nur ein Streit um Hochhäuser. Längst hatte im Rathaus ein Richtungswechsel stattgefunden, weg von der alten Dampfkessel-Theorie. Angesichts der europäischen und globalen Wirtschaftsentwicklungen blieb dem Kronawitter-Wunschnachfolger Ude gar nicht viel anderes übrig, als die Stellung Münchens im harten Konkurrenzkampf der Städte zu festigen, auch mit einem eher unternehmerfreundlichen Kurs.

Die SPD und Ude ignorierten den Feldzug ihres prominenten Parteimitglieds zu lange. Sie unterschätzten die Beharrlichkeit des Überzeugungstäters. Kronawitter setzte 2004 einen Bürgerentscheid durch, der die Hochhauspläne zurechtstutzte. In München sollten keine Häuser mehr gebaut werden, die höher als die Türme der Frauenkirche sind, also 99 Meter.

Die alten Fragen zur Stadtplanung und zur Architektur sind bis heute aktuell. Wie geht München mit den Problemen des Wachstums um? Was muss im Stadtbild bewahrt, was kann erneuert werden? Wer bestimmt den Kurs: Investoren oder die Politik? Die Herausforderungen sind gewiss nicht leichter geworden.

Der dritte Teil der Serie erscheint am Mittwoch.

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Quelle:
SZ vom 03.05.2016
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