Süddeutsche Zeitung

Partys am Wörthsee:"Wir haben schon Trichter zum Saufen gefunden"

Hunderte Bierflaschen, Scherben in der Wiese, genervte Nachbarn: Diesen Sommer eskaliert die Lage am Wörthsee. Kiosk-Betreiber Generoso Aurigemma über 13-jährige Mädchen mit Wodkaflasche - und ein Alkoholverbot am See.

Interview von Christine Setzwein

Am Badeplatz Birkenweg am Wörthsee ist schon einiges los am frühen Dienstagnachmittag. Auf der Wiese spielt ein Dutzend Jugendlicher Bierball. Wer eine Flasche Bier mit einem Ball umwirft, darf trinken. Ein Mädchen und ein Junge, dem Aussehen nach keine 16 Jahre alt, gehen Schwimmen, jeder eine Flasche Bier in der Hand. Immerhin: Nach Aufforderung von Generoso Aurigemma, Pächter des "Il Kiosko", legen sie die leeren Flaschen am Ufer ab.

Mit der Feierei könnte nun Schluss sein. An diesem Mittwochabend berät der Gemeinderat Wörthsee ein Alkoholverbot für die Anlagen nahe der S-Bahn, für Birken- und Seglerweg und die Parkanlage an der Seestraße. Von 22 Uhr an dürfte dann dort nicht mehr getrunken werden. Aurigemma, der mit seinen Mitarbeitern jeden Morgen den Müll der Feiernden aufräumt, unterstützt das Verbot.

SZ: Alkoholverbot am See: ja oder nein?

Generoso Aurigemma: Absolut ja! Die Situation ist dieses Jahr eskaliert. Es wurde immer schlimmer, die Gruppen immer mehr. Sie kommen aus Herrsching, Weßling, Seefeld, München, Steinebach. Die Menge an Jugendlichen ist aber nicht das Problem. Problem ist das, was sie hinterlassen. Mit einem Alkoholverbot könnten wir mal durchschnaufen.

Wie sieht der Badeplatz aus am Morgen?

Wir sammeln nach jedem Gelage zwischen 100 und 200 mitgebrachte Flaschen auf. Darunter sind auch Wein- und Schnapsflaschen. Da haben wir schon mal an einem Tag 25 Euro Pfand zusammen. Das große Problem sind die Scherben auf der Wiese und vor allem auf dem Kinderspielplatz. Die müssen wir alle aufsammeln, aber wir können natürlich auch nicht alles sehen. Da kann sich jemand böse schneiden.

Sie stellen den Kids ja schon leere Bierträger, große Kisten und Abfalleimer hin. Wird dieses Angebot nicht angenommen?

Wir haben schon alles probiert. Wir bitten die Jugendlichen, ihre Flaschen und ihren Müll dort zu entsorgen. Das geht am Anfang noch gut, aber wenn sie total betrunken sind, funktioniert das nicht mehr. Wir haben schon Trichter zum Saufen gefunden.

Sie reden trotzdem immer wieder mit den jungen Leuten.

Ja, immer wieder. Das muss man auch. Aber wenn sie richtig betrunken sind, geht das nicht mehr. Dann werden sie zum Teil rotzfrech, auch wenn sie sonst ganz lieb sind. Ich versuche es über die Mädchen, die noch nüchtern sind, und bitte sie, die Jungs zu motivieren aufzuräumen. Das klappt mal besser, mal schlechter.

Wie lange wird gefeiert?

Meistens fängt es so um 18, 19 Uhr an und geht bis weit in die Nacht. Die Nachbarn drehen schon durch, beschweren sich auch bei mir und rufen immer wieder die Polizei wegen Ruhestörung. Aber die kann auch nur bitten, die Musik leiser zu machen. Einschreiten kann die Polizei nur, wenn es ein Alkoholverbot gibt.

Werden auch Sachen kaputtgemacht?

Ach ja, kürzlich war eine Wand beschmiert, Türen werden beklebt, ein Stuhl ist kaputt, aber der Schaden ist nicht mein Problem. Es sind nicht die 50 Euro, es ist die Gesamtsituation: Ich habe sie nicht mehr im Griff.

Eine Idee, wie man das Treiben einschränken könnte?

Ich würde mal die Eltern bitten, sich das anzuschauen, am Abend, wenn Mädchen mit 13, 14 Jahren mit der Wodkaflasche rumtorkeln. Oder um fünf Uhr früh, wenn der Platz von Müll übersät ist und die Notdurft hinter den Toiletten verrichtet wurde. Später sehen sie nichts mehr, denn um diese Zeit fangen wir schon mit Aufräumen an, damit die ersten Badegäste einen sauberen Platz vorfinden. Die Eltern können mich gerne anrufen. Ich bin um jede Hilfe dankbar.

Was macht das mit Ihnen? Sind Sie enttäuscht von den jungen Leuten?

Nein, ich frage mich nur, wie geht es weiter mit ihnen, wenn sie sich schon in jungen Jahre so volldröhnen. Aber ich gebe nicht auf. Wir müssen miteinander reden.

Das tut Aurigemma. Er geht auf zwei Mädchen zu, eine mit der Weinflasche in der Hand. Es ist noch nicht 15 Uhr. Sie seien 16 Jahre alt, sagen sie. "Warum trinkt Ihr?", fragt der Wirt. Weil die Schule zu Ende ist, sagen sie. Und überhaupt würden sie nicht immer trinken, und aufräumen würde ihre Gruppe auch immer. Das seien die anderen, die Herrschinger, die bestimmt auch noch kommen. "Das wird wieder eine heiße Nacht", vermutet Aurigemma. Mit viel Müll am nächsten Morgen.

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Quelle:
SZ vom 28.07.2021
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